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Karmann-Chef Harbig

"Gut für die Zukunft gewappnet"

Foto: Karmann 37 Bilder

Karmann-Chef Peter Harbig spricht im Interview mit auto-motor-und-sport.de über die Zukunft des traditionsreichen Geschäftbereichs Fahrzeugbau, dem schon Modelle wie der Karmann Ghia entsprungen sind, und über die übrigen Sparten und Ziele des Zulieferers.

30.07.2008 Harald Hamprecht

Wie schlimm steht es um Karmann wirklich?
Harbig: Ehrlich gesagt, ärgert mich die irreführende Berichterstattung in vielen Medien und Schlagworte wie „kriselnd, taumelnd, finanziell angeschlagen“. Ja, wir haben Probleme, im Fahrzeugbau neue Aufträge zu bekommen. Aber das ist nur einer von vier Geschäftsbereichen. Auch hängt der Betriebsmittelbau, genauer gesagt der Werkzeugbau, stark am Fahrzeugbau; in Hochzeiten macht er bis zu 80 Prozent des Umsatzes der Sparte und deswegen überdenken wir auch hier grundsätzlich das Geschäftsmodell. Aber mit unseren Säulen Cabriodachfertigung und Technische Entwicklung stehen wir sehr solide da.

Es besteht also keine Gefahr einer Insolvenz?
Harbig: Keineswegs. Die Eigenkapitalquote unseres Konzerns wird auch dieses Jahr bei mehr als 30 Prozent liegen. Laut dem unabhängigen VDA-Rating genießen wir einen „Investmentgrade“. Und das können wirklich nicht so viele Zulieferer in der Branche von sich behaupten.

Wie wird Ihr Finanzergebnis 2008 ausfallen?
Harbig: Wir erwarten heute 2008 in der Gruppe eine schwarze Null – trotz aller Personalanpassungsmaßnahmen und trotz eines sinkenden Umsatzes, den wir für 2008 bei über einer Milliarde Euro sehen. Wir investieren sogar kräftig in unsere Zukunftsfähigkeit. Unsere Forschungs- und Entwicklungsquote wird auch dieses Jahr bei rund 4,5 Prozent liegen. Und wir werden dieses Jahr noch massiv Ingenieure einstellen.

Was heißt massiv?
Harbig: Allein für unsere Sparte „Technische Entwicklung“ suchen wir so schnell wie möglich 50 Ingenieure. Damit stocken wir diese Sparte deutlich auf. Unsere Sparte „Technische Entwicklung“ kommt heute schon auf 865 Ingenieure. Im Ausland bauen wir sogar in der Produktion Mitarbeiter auf: In Polen bauen wir unsere Belegschaft dieses Jahr auf 450 Mitarbeiter auf, in Japan auf 100. Insgesamt werden wir dieses Jahr mindestens 200 neue Mitarbeiter einstellen.

Wie viele Mitarbeiter haben Sie heute – und mit wie vielen rechnen Sie bis Ende des Jahres?
Harbig: Wir haben heute rund 6.000 Mitarbeiter; und diese Zahl wird bis Jahresende stabil bleiben. Davon arbeiten rund 4.500 in Deutschland – um genau zu sein, 1.000 in Rheine und der Rest in Osnabrück.

An Ihren beiden deutschen Standorten droht ab 2009 aber ein massiver Arbeitsplatzabbau. Zuletzt war hier von 1.870 Mitarbeitern die Rede – und die IG Metall sprach von bis zu 1.000 weiteren im Werkzeugbau. Das entspricht damit fast der Hälfte Ihrer weltweiten Belegschaft.
Harbig: In den 1.870 abzubauenden Arbeitsplätzen ist der Auslauf des Audi A4C mit 900 Arbeitsplätzen enthalten. Die in Osnabrück abzubauenden Arbeitsplätze (Auslauf Crossfire, Lackierung des Audi A4 Cabrio) sind schon teilweise in diesem Jahr sozialverträglich realisiert. Die möglicherweise noch darüber hinaus gehenden Arbeitsplatzverluste durch den Auslauf des Mercedes Benz CLK Cabrios lassen sich heute noch nicht beziffern.

Die ursprüngliche Frist vom 1. Juli ist bereits abgelaufen. Welche neue Deadline setzen Sie sich hier?
Harbig: Der letzte CLK wird Ende 2009 in Osnabrück von Band laufen. Da wir für ein Gesamtfahrzeugprojekt 24 bis 30 Monate Vorlauf benötigen, haben wir uns ursprünglich die Frist zum 1. Juli gesetzt, um einen solchen Auftrag ins Haus zu holen. Für einen reinen Produktionsauftrag – ohne Entwicklungsleistungen brauchen wir einen Vorlauf von sechs bis acht Monaten. Deswegen liegt die neue Frist im Herbst 2009. Wenn bis dahin ein Auftrag kommt, würde das unseren Fahrzeugbau in Osnabrück vor dem Aus retten.

Wie bereiten Sie sich auf das Worst-Case-Szenario vor?
Harbig: Bis September dieses Jahres werden wir uns entsprechende Personalabbau-Szenarien mit Gewerkschaft, Betriebsrat und Eigentümern durchdeklinieren. Für Rheine haben wir vor wenigen Tagen einen Sozialplan mit dem Betriebsrat verabschiedet, der greifen wird, sobald im Frühjahr 2009 das A4 Cabrio dort ausläuft. Wir müssen unsere Belegschaft dort dann auf 100 Mitarbeiter runterfahren.

Gibt es denn bereits Verhandlungen über Produktionsaufträge?
Harbig: Offiziell gibt es momentan keine Ausschreibungen für Gesamtfahrzeuge in Europa. Inoffiziell sprechen wir mit einigen Herstellern über denkbare Projekte. Aber über solche Hoffnungswerte rede ich nicht weiter, denn so etwas belastet unsere Belegschaft. Und um eines klarzustellen: Kein Hersteller wird uns einen Auftrag aus Sympathie geben, wenn eines seiner eigenen Werke nicht ausgelastet ist. Trotzdem genießen wir hohes Vertrauen der wichtigsten Hersteller: Allein mit BMW werden wir in diesem Jahr ein signifikantes Umsatzvolumen erzielen – dank Aufträgen wie der Entwicklung und Dachfertigung für den Einser. Die Chemie passt. Unsere Qualität offensichtlich auch. Eine Gesamtfahrzeug-Entwicklung haben wir uns übrigens kürzlich sichern können; zwei weitere große Projekte stehen unmittelbar vor der Unterschrift.

Weitere Themen in auto motor und sport, Heft 17/2008, das ab 31. Juli im Handel ist:

  • Neue Mercedes-Varianten: AMG-Flügeltürer und Elektro-A-Klasse
  • Erster Test VW Scirocco 2.0 TSI
  • Doppeltest Audi A3 gegen BMW 118d
  • Vergleich Alfa Romeo Mito gegen Min
  • Master-Test: Elf Kompakt-SUV treten gegeneinander an
  • VW-Designchef de Silva erklärt den neuen Golf
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