Kleinserien-Hersteller: Besuch bei Wiesmann in Dülmen

Wiesmann GT MF5

Vom Hardtop-Hersteller zur Roadster- und Sportwagen-Edelmanufaktur - die Gebrüder Wiesmann haben ihr Glück mit feinen Neo-Klassikern gemacht. Ein Besuch in der Wiesmann-Manufaktur in Dülmen.

Es ist ein Gecko, der sich auf dem Dach der Wiesmann-Werkhalle räkelt. Nun sind Geckos nicht eben als besonders heroische Echsen bekannt und fallen damit aus dem üblichen Raster der Raubkatzen oder Greifvögel, die Autohersteller auszuwählen pflegen, wenn sie ihrer Marke die Aura tierischer Kraft geben wollen. Dennoch scheint der kleine Krabbler als Marken-Maskottchen eine gute Wahl zu sein.

Wiesmann-Modelle entstehen in akribischer Handarbeit

Friedhelm Wiesmann, gemeinsam mit Bruder Martin Geschäftsführer der Wiesmann GmbH, hat gleich drei Argumente zugunsten der Echse parat: Der Gecko hat eine enorme Bodenhaftung und kann sogar Wände hochlaufen. Er ist ein eher freundlicher Vertreter seiner Spezies, und, egal wie man ihn auf einem Felgen-Nabendeckel oder im Zentrum eines Lenkrades anbringt, er steht niemals auf dem Kopf. Da kann kein Jaguar mithalten. Damit der Gecko einen feinen Spielplatz zum Tummeln hat, gibt es die Wiesmann Roadster und Coupés. Mindestens sieben Echsen finden sich auf jedem Modell, das in akribischer Handarbeit in Dülmen entsteht. Seit 2008 wacht der große Dachgecko über die kleinen Brüder, denn seither wird am aktuellen Standort gefertigt.

Wiesman fertigte zunächst Hardtops für Cabrios

Natürlich waren die Anfänge bescheidener. Familie Wiesmann handelte zunächst über viele Jahre mit Fiat-Modellen, ein Markenwechsel machte aus dem Autohaus eine BMW-Niederlassung. Der Auto-Virus gehört zu Martin und Friedhelm Wiesmann also quasi wie ein Reifen auf die Felge, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis er sich in seiner extremsten Form ausprägte. Nämlich mit dem Wunsch nach einem Auto, das den eigenen Namen trägt und so gut gelingt, dass es auch außerhalb der Familie für Begeisterung sorgt.

1986 wurde mit der Umsetzung dieser Idee begonnen, 1987 stand der Prototyp auf den Rädern, um 1988 auf der Essen Motor Show einem größeren Publikum präsentiert zu werden. Die Resonanz war sehr positiv, Interessenten für den Wiesmann Roadster gab es einige. Aber Autos bauen kostet Geld, viel Geld, das galt es zunächst zusammenzutragen. So fertigte man bei Wiesmann vorerst Hardtops für Cabrios und stieß damit Mitte der achtziger Jahre in eine kaum besetzte Marktlücke. Erst bekam der BMW 3er ein steifes Hütchen, und nur wenig später gab es kaum ein offenes Modell, für das Wiesmann keine Kunststoff-Kappe liefern konnte. Die Produktion endete erst 2002.

Mittlerweile laufen 1.200 Wiesmann Roadster und Coupés weltweit

Parallel zu den Hardtops wurde weiter an der Idee des Wiesmann Roadster gefeilt. 1993 begann die Kleinserien-Produktion. Zunächst mit bescheidenem Output von nur wenigen Autos im Jahr, aber die Zahlen stiegen schnell. In guten Jahren entstanden bis zu 250 Sportwagen, und selbst im Krisenjahr 2009 konnten die Monteure 180 Autos komplettieren. Mittlerweile laufen 1.200 Wiesmann Roadster und Coupés weltweit.

70 von insgesamt 110 Mitarbeitern setzen die Ideen von fünf Entwicklungs-Ingenieuren in Hardware um. Das tun sie auf zwei Fertigungsstraße

n, denn die Wiesmann-Modelle mögen sich äußerlich ähneln, ihre Konstruktionen unterscheiden sich jedoch grundlegend. Da ist zunächst der Longseller MF3 mit Reihensechszylinder. Er wurde seit 1993 zwar regelmäßig leicht modifiziert, setzt aber nunmehr seit 17 Jahren auf einen Stahlgitter-Rohrrahmen, der in der firmeneigenen Schlosserei entsteht, um anschließend außer Haus feuerverzinkt zu werden. Übrigens eine der wenigen Aufgaben, die Wiesmann in fremde Hände vergibt - die Fertigungstiefe im Haus ist enorm.

BMW liefert Reihensechser, V8- und V10-Motoren

Auf dem parallelen Produktionsband entstehen die Modelle MF4 und MF5, die es als Coupé oder Roadster gibt. Typisch für Wiesmann tragen sie ein Kleid aus glasfaserverstärktem Kunststoff, unter dem ein Aluminium-Monocoque, dessen Einzelteile geklebt und teilweise vernietet werden, für Stabilität sorgt. Diese Technik wird in ähnlicher Form auch im Flugzeugbau eingesetzt. Zu den wenigen Fremdteilen, die von außen angeliefert werden, gehören Motoren, Getriebe, Abgasanlagen und diverse Fahrwerksteile. BMW - wen wundert es? - liefert die größten Brocken. Reihensechser, V8- und V10-Motoren stehen mit angeflanschten Schalt- oder Automatikgetrieben bereit zum Einbau. Die V-Motoren bleiben den Monocoque-Autos vorbehalten, ansonsten gilt aber die Devise: Machbar ist, was der Kunde wünscht. Farben für Exterieur und Interieur, Ledersorten, Teppiche, selbst die Kolorierung der Instrumente kann weitgehend frei gewählt werden.

Den Service der Autos kann jede BMW-Vertragswerkstatt übernehmen

Individueller als ein Wiesmann lässt sich kaum ein in Serie gefertigter Sportwagen gestalten. Dabei muss der Kunde keine Angst haben, eine zickige Primadonna zu erwerben, denn den Service der Autos kann jede BMW-Vertragswerkstatt übernehmen. Schließlich werden die Motoren ohne Tuningmaßnahmen verbaut, die Abgasanlage - lediglich mit Sportschalldämpfer - auch nahezu werksmäßig übernommen. Klingt ein wenig unspektakulär, finden Sie? Ist es nicht, denn die potenten BMW-Aggregate wirken in den gegenüber den soliden Bayern-Limousinen um viele Zentner leichteren Sportwagen wie entfesselt.

Die Wiesmann-Mannschaft ist erfreulich bodenständig

Im achtzylindrigen MF4 S treffen schließlich 420 PS auf nur 1.280 Kilogramm, und der MF5 ist kaum schwerer, aber nochmals knapp 100 PS stärker. Gut zu wissen, dass ESP an Bord ist, falls der Fahrer einmal mit weniger Talent antritt, als die Straßenbreite erfordert. Ohnehin legt man bei Wiesmann Wert auf Sicherheit. Einen Euro NCAP-konformen Crashtest hat das Aluminium-Monocoque-Modell mit achtbaren Ergebnissen gemeistert. Damit geht man bei Wiesmann aber nicht groß hausieren, überhaupt ist die ganze Mannschaft rund um die beiden Brüder über die Jahre erfreulich bodenständig geblieben. Obwohl hier Autos gebaut werden, die schon mal weit mehr als 200.000 Euro kosten. Das macht die Marke sympathisch. Der freundliche Gecko passt wirklich gut.

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Christian Bangemann

Autor:

auto motor und sport, Heft 10 / 2010

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