Bugatti Portrait eines Kleinserien-Herstellers: 60 Mitarbeiter und ein 1.001 PS-Mythos

Bugatti Veyron

Bugatti, mit diesem Namen sind Supersportwagen-Träume verbunden, Legenden, Traditionen und moderner Automobilbau. Und stilgerecht werden die Geschicke der Tarditionsmarke in dem Schloss Saint Jean in Molsheim gelenkt. Gebaut wird der Bugatti Veyron dagegen im kühlen Ambiente des benachbarten Ateliers.

Leise surrend knirscht die automobile Zukunft durch den Schlosspark von Saint Jean in Molsheim, Elsass. Sie bietet zwei ausgewachsenen Passagieren Platz und wird von einem Elektromotor beschleunigt - und stammt eigentlich aus der Vergangenheit.

Bugatti wurde 1998 von VW übernommen

Bereits 1931 baute Ettore Bugatti den Typ 56 mit E-Antrieb, um über die Ländereien seines drei Jahre zuvor erworbenen Anwesens zu kurven. 79 Jahre später kommt der Typ 56 dieser Aufgabe noch immer zuverlässig nach, wenngleich der Schlossherr längst gewechselt hat. 1998 übernahm VW den Sportwagenhersteller mit der ruhmreichen Vergangenheit und dem unsteten Lebenswandel. Heute feilen 60 Mitarbeiter am Mythos der Marke Bugatti. Saint Jean wurde umfangreich saniert, bis auf die südliche Grundstücksmauer, die nur noch in Fragmenten überlebte - mit Absicht.

Dazwischen markiert eine gepflasterte Trennlinie den Übergang von der Vergangenheit in die Gegenwart, von Tradition zu Moderne. Kies wird zu Asphalt, Stuck zu Metall. Auf diesem Teil des Geländes steht das so genannte Atelier, die Geburtsstätte des Supersportwagens Veyron, dessen unerhörte Eckdaten Auto-Fans oft nur in Beichtstuhllautstärke vor sich hin murmeln: 16 Zylinder in W-Form angeordnet, das erste Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, vier Turbolader, acht Liter Hubraum, 1.001 PS - mehr geht nicht, und für weniger als 1,2 Millionen Euro plus Steuern gibt es Bugatti auch nicht her.

230 Enthusiasten fahren den Bugatti Veyron bereits

Immerhin 260 Enthusiasten haben sich diesen Traum bislang erfüllt, 230 davon fahren ihn bereits - zum Teil rund 10.000 Kilometer pro Jahr. Das sorgt für eine gute Auslastung der Werkstatt, integriert in einer der neu aufgebauten Remisen des Schlosses. Dabei können sich die Mechaniker an den Alu-Verkleidungen von Hydraulik- und Getriebeöltank erfreuen, die mit einem Sonnenschliff versehen wurden. Ebenfalls nur sie bekommen lackierte Karbonelemente zu sehen, die sich sonst hinter der Karosserie verstecken - im Veyron verbirgt sich Finesse, die die Eigner nie entdecken werden.

Dieses Prinzip ist ihnen von ihrer Luxusuhr bereits bestens vertraut. Nach einem Kostenvoranschlag für die Inspektion fragt daher kaum einer der Kunden, doch allen Interessenten soll folgender Betrag als Warnung dienen: 14.000 Euro.

Mehr zur Marke Bugatti und den wichtigsten Autos der Bugatti-Historie gibt es auf unserer Schwesterseite www.motor-klassik.de.

Das Veyron Getriebe könnte gegen einen ordentlich ausgestatten Sportwagen getauscht werden

Es sind die unglaublichen Zahlen, die das Projekt Bugatti der schnöden Welt aus Tempolimit- und CO2-Diskussionen entrückt. Allein das vom britischen Spezialisten Ricardo stammende Getriebe könnte gegen einen ordentlich ausgestatteten Sportwagen eingetauscht werden - natürlich als Neuwagen. Für die Burmester-Audioanlage gäbe es alternativ auch einen VW Golf GTI.  Die besonders freundlichen Autohändler empfangen ihre Kunden in der Orangerie, wo zu Espresso eigens kreierte Pralinen - teils mit Firmenemblem - gereicht werden. Anschließend legt der Kunde beim gemütlichen Plausch mit dem Verkäufer auf edlen Ledermöbeln in einem weiteren Nebengebäude Sitzgröße, Lederart und -farbe sowie die Lackierung fest. Das funktioniert zwar alles bei einem der weltweit 30 Händler ebenso gut, das Parfum des Präteritums umweht die Kunden jedoch nur in Molsheim.

Bis zu 85 Bugatti Veyron werden pro Jahr gebaut

Bis ins Atelier schafft es der Duft nicht, aufgrund der Sauberkeit einer Privatklinik erwartet der Besucher eher einen Sterilium-Spender am Eingang. An drei Stationen gleichzeitig entsteht je ein Fahrzeug, das sich aus drei Einheiten zusammensetzt: Vorderwagen, Kohlefaser-Monocoque für die Passagiere und die Antriebseinheit im Heck. Zwölf Titanschrauben, die mit 120 Newtonmeter festgezogen werden, verbinden das Kraftwerk mit der Fahrgastzelle. Den Motor selbst liefert das VW-Werk Salzgitter, so wie die meisten Komponenten außerhalb entstehen. Die Fertigungstiefe liegt daher bei nur 15 Prozent. Bis zu 85 Veyron werden so pro Jahr geschaffen, von jeweils fünf Spezialisten in vier Wochen zusammengefügt. Kann sich dieser Aufwand rechnen?

"Wir haben viel Geld dafür ausgegeben, die Marke oben zu positionieren."

Markenchef Franz-Josef Paefgen, zusätzlich auch für Bentley verantwortlich, umschreibt es mit der in diesen Kreisen üblichen Zurückhaltung: "Wir haben viel Geld dafür ausgegeben, die Marke oben zu positionieren." Als Gegenleistung können hier Technologien realisiert werden, die später ihren Weg in die Massenproduktion finden - wenngleich zum Teil erst viel später.

VW-Aufsichtsratsvorsitzender Ferdinand Piëch vergleicht Bugatti schon mal mit einem Formel 1-Engagement. Mit anderen Worten: Einen entscheidenden Beitrag zum Konzernergebnis wird die Luxus-Tochter kaum liefern. Ihren Kunden bietet sie hingegen ein einschneidendes Erlebnis, das oft mit einer Ausfahrt in einem kleinen, alten Elektroauto seinen Anfang nimmt.

Mehr zur Marke Bugatti und den wichtigsten Autos der Bugatti-Historie gibt es auf unserer Schwesterseite www.motor-klassik.de.

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Jens Dralle

Autor:

auto motor und sport, Heft 11 / 2010

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