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Kleinserien-Hersteller Fornasari Portrait

Zu Besuch bei Fornasari in Italien

Fornasari, Sitz Foto: Sabine Hofmann, Stefan Schmalzgruber 18 Bilder

Seit zehn Jahren baut Giuseppe Fornasari seinen Traum vom optimalen Automobil - ohne einen Cent damit zu verdienen. Außerhalb des selbst gewählten Chaos sollen daher in Deutschland größere Stückzahlen seiner V8-Exoten entstehen.

12.10.2010 Powered by

Mag sein, dass es von einigen als Klischee abgetan wird, aber ohne guten Kaffee - perdono, "caffè" - läuft in Italien offenbar wirklich nichts. So steht man als Besucher bei Fornasari nicht vor einer hübschen Empfangsdame, sondern vor der Kaffeemaschine, die direkt hinter der Eingangstür wartet. Allerdings tröpfelt das Koffein-Konzentrat nicht in Tassen, Plastikbecher müssen reichen. Schließlich begrüßt der Chef seine Gäste auch nicht im Maßanzug, sondern in grauer, mit GfK-Staub patinierter Arbeitshose. 

Bei Fornasari herrscht das Chaos

Angesichts der edlen Fornasari-Automobile, die sich schon im Scheinwerferlicht der renommierten Messen von Genf und Paris sonnten, überrascht ihre rustikale Heimat ein wenig: ein schmuckloser Zweithand-Industriebau, eine Gebrauchtimmobilie, in einem banalen Gewerbegebiet an der Schnellstraße zwischen Verona und Vicenza angesiedelt - eine Plattenbausiedlung bietet mehr Glamour. Noch nicht einmal ein Firmenlogo verrät den Kleinserienhersteller. Einzig zwei alte Range Rover sowie der auffällige Dienstwagen von Giuseppe Fornasari legen die Vermutung nahe, dass hier ein Unternehmen aus der Automobilbranche, nun ja, residiert. "Ich mag das Chaos", bekennt der Chef, als er die Tür zur Fertigung öffnet. Dazu gehört auch, dass in seinem eigentlichen Büro Teile lagern und sein Schreibtisch stattdessen in Reichweite der Kaffeemaschine steht. Seine Arbeitszeit verbringt Fornasari ohnehin lieber damit, zwischen den Gitterrohrrahmen und Karosserien herumzuwuseln, obwohl er das Handwerk selbst nicht gelernt hat.

Fornasari-Modelle werden stets von V8-Motoren aus dem GM-Regal angetrieben

Der Italiener kam durch Tätigkeiten in der Verlagsbranche sowie durch Jobs für eine Mineralölgesellschaft in Kuwait zu einem nicht unerheblichen Vermögen - das seit nunmehr zehn Jahren als Treibstoff für seine Eigenkreationen dient. Mit einer lockeren Geste der Unbekümmertheit gibt Fornasari zu, mit den Autos "noch keinen Cent" verdient zu haben. Vielleicht wäre ein funktionierender Vertrieb im Nahen Osten der Bilanz zuträglich gewesen - wenn nicht die Justiz ein erhebliches Interesse an anderen Tätigkeiten des dortigen Händlers gezeigt hätte. Ein zweiter Anlauf auf diesem nach Luxus dürstenden Markt wird gerade unternommen.

An Unterbeschäftigung mangelt es den 20 Mitarbeitern bereits jetzt nicht. Die Messepräsentationen füllten die Auftragsbücher, zusätzlich wird an neuen Varianten gearbeitet. Dabei dient als Basis ein Gittergeflecht aus über 450 Rohren, angepasst an den jeweiligen Typ: zwei- oder viertürtig, rundlich-elegant oder kantig-dynamisch. Für den Antrieb sorgen stets potente V8-Motoren aus dem GM-Regal, vornehmlich der Corvette entliehen. Selbst eine 700 PS starke Kompressor-Variante des LS2-Aggregats kommt zum Einsatz. "Gegenüber der Corvette ZR1 haben wir keine Probleme mit der Kühlung, da unsere Autos mehr Platz im Motorraum bieten", erklärt Fornasari - kein Wunder bei den über zwei Meter breiten und teils deutlich über fünf Meter langen Offroadern.

Ein Auto so schnell wie die Corvette mit Platz für die ganze Familie

Die Wahl des Technik-Spenders entsprang nicht etwa einer Laune des impulsiven Firmengründers. Anfang der neunziger Jahre importierte Fornasari eine Corvette, ein offizielles Händlernetz gab es in Italien nicht. Also setzte er sich zwangsläufig mit der Technik auseinander und begann auf Anfrage, weitere Modelle ins Land zu holen. Aufgrund der Begeisterung für den US-Sportler stand der zweifache Vater 1994 an der Rennstrecke in Le Mans und sah, wie die Callaway-Corvette nach 13 Stunden in Führung liegend ausfiel. Fasziniert von dem Potenzial des Rennwagens, schlug Fornasari den Amerikanern den Bau einer Straßenvariante vor - was abgelehnt wurde. Immerhin trotzte er dem Team die Genehmigung für einen Karosseriekit ab. Nur eines konnte die Vette nicht: Kinder transportieren. Die Lösung: selbst ein Auto bauen - eines, das so schnell ist wie die Corvette und Platz für eine Familie bietet. Kleiner Hinweis für Rationalisten: Der Porsche Cayenne existierte zu dieser Zeit nur in den Rechnern der Porsche-Entwicklungsabteilung.

Innenausstattungen entstehen vor Ort in Handarbeit

Bei der Verwirklichung der Idee half SBM, das französische Einsatzteam der Werks-Mitsubishi Pajero für die Rallye Dakar jener Tage. Daher weist das Chassis durchaus Offroad-Qualitäten auf, was die Italiener 2003 bewog, mit dem RR450 an Rally Raid-Wettbewerben teilzunehmen. Der aktuelle Nachkomme Fornasari RR600 verteilt seine Kraft an alle vier Räder, bei Bedarf auch über ein Automatikgetriebe. "Dazu benötigten wir jedoch die belastbare Truck-Automatik. Die Adaption an den LS2-Motor hat uns acht Monate gekostet", sagt Fornasari. Wie die Technik entstehen die individuellen Innenausstattungen ebenfalls vor Ort in Handarbeit, wobei Sitzensembles von BMW und Audi für die SUV angepasst werden.

Fornasari baut Prototyp für die norwegische Armee

Doch nicht nur anspruchsvolle Privatiers treffen sich bei Fornasari im schmucklosen Entree an der Kaffeemaschine, um ihr Auto abzuholen. Derzeit entsteht auf Basis des neuen Einstiegsmodells der Marke - des immerhin rund 120.000 Euro teuren Race Buggy - auch ein Prototyp für die norwegische Armee. Die Skandinavier suchen ein Schnelleinsatzfahrzeug zur notfallmedizinischen Versorgung und Brandbekämpfung.

Wie sie dabei auf Fornasari stießen? Gerade als Giuseppe zur Erklärung ansetzt, in der ein italienischer Astronaut eine entscheidende Rolle spielt, klingelt das Telefon. "Die Botschaft von Kuwait bittet um ein detailliertes Angebot", entschuldigt sich der Firmenchef. Parallel entsteht eine Kitcar-Version des Race Buggy für den russischen Markt, womit hohe Steuern umgangen werden.

Deutsche Firma Gullwing soll Fornasari-Autos bauen

Am Rande des Chaos stellt Fornasari die Weichen für etwas mehr Ordnung in der Produktion. Die deutsche Firma Gullwing aus der Nähe von Dresden soll künftig die Autos bauen. "Mit rund 20 Fahrzeugen pro Jahr können wir profitabel arbeiten", rechnet der Italiener vor. Von dem erwirtschafteten Gewinn gönnt er sich vielleicht sein eigenes Büro - und eine neue Kaffeemaschine für den Eingangsbereich.

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