Kleinserien-Hersteller: Zu Besuch bei Artega in Delbrück

Kleinserien-Hersteller Artega

Artega hat für eine Firma, die erst vor vier Jahren gegründet wurde einiges hinter sich. Die Wirtschaftskrise zwang die deutsche Sportwagenmanufaktur fast in die Pleite. Mit Hilfe einer mexikanischen Investorin und einer neuen Führungsriege soll nun im zweiten Anlauf alles wunderbar werden.

Von Süden her führt die Autobahn durch große Mengen Landschaft und den Teutoburger Wald, nur äußerst sparsam unterbrochen von Ansiedlungen. So bleibt Zeit für philosphische Überlegungen. Etwa die, ob sich mit mexikanischen Biermillionen ein Sportwagen nach deutschem Reinheitsgebot bauen lässt oder ob die geografische Bezeichnung Ostwestfalen eigentlich ein Widerspruch in sich ist - heben sich Ost und West da nicht gegenseitig auf?

Artega-Maufaktur wurde 2006 gegründet

15 Kilometer westlich von Paderborn jedenfalls liegt 33129 Delbrück. Hier heißen die Frauen noch Ulla, bei den Männern liegt man mit Jürgen nie so ganz falsch. Einer aber heißt Klaus Dieter vorn, Frers hinten. Ihm gehört der ebenfalls hier ansässige Automobilzulieferer Paragon. 2006 erfüllt sich Frers den Traum vom eigenen Sportwagen - dem ganz eigenen: Er gründet die Manufaktur Artega; den Mittelmotor-GT zeichnet Henrik Fisker, der schon die Aston Martin-Kollektion in Form brachte. 2009 geht es bei Artega los mit der ersten Serie - und das ganze Projekt in die Grütze.

Die Wirtschaftskrise zwingt Paragon fast in die Pleite, Frers muss seinen Artega-Anteil verkaufen und die Führung abgeben. Neuer Artega-Eigentümer wird Tresalia Capital, ein mexikanischer Finanzinvestor. Der gehört der autoverrückten Maria Asunción Aramburuzabala. Asunción heißt Himmelfahrt, sie übernimmt das Kommando, will aber keine Investoren-Heuschrecke sein, strebt langfristige Beteiligungen an. Ihr Milliardenvermögen hat sie durch Privatuniversitäten gemacht, wobei es nicht geschadet haben dürfte, dass sie Mexikos größte Brauerei erbte - Corona.

Ex-Infineon-Chef wird neuer Geschäftsführer

Als neuen Artega-Geschäftsführer setzte Aramburuzabala Ende 2009 Ex-Infineon-Chef Wolfgang Ziebarth ein, der Entwicklungs- und Vertriebsexperte Peter Müller wird Leiter des operativen Geschäfts. Sehr habe man sie nicht überreden müssen, den Job anzunehmen, erzählt Ziebarth, fünf Minuten Bedenkzeit habe es gedauert, aber es "gibt nichts Spannenderes, als einen Sportwagen auf den Markt zu bringen". Zuletzt gelang das in Deutschland 1989 Wiesmann.

Ziebarth nimmt sich gleich einen Artega GT über die Weihnachtstage 2009 mit und legt den Entwicklern danach acht eng beschriebene DIN-A4-Blätter mit Verbesserungswünschen vor. Aus Mexiko kommt daraufhin die Erlaubnis, die Produktion ein halbes Jahr auszusetzen, um ein Auto fertig zu entwickeln, das Frers ab Juni 2009 aus Geldnot überstürzt in den Verkauf brachte - ein Grund für den noch nicht ganz wiederhergestellten Ruf der Marke und dafür, dass Frers’ Name in seiner ehemaligen Firma nicht mehr fällt. Man spricht über ihn nur als "den Vorbesitzer".

Artega kauft alle Autos der ersten Serie zurück

Wie ernst es die neue Artega-Eigentümerin mit dem Neustart meint, zeigt sich auch daran, dass Artega alle Autos der ersten Serie von den Kunden zurückkauft - es sind nur acht Exemplare, aber es soll kein einziges Auto zweiter Wahl geben. Zu den sechs festen Entwicklern kommen vorübergehend drei weitere als Unterstützung von Karmann Engineering. So gelingt es, den Sportwagen Artega nach gut fünf Monaten so weit zu verbessern, dass die Produktion im Mai 2010 wieder starten kann.

Was natürlich nichts daran ändert, dass die Techniker weiter entwickeln. In ihren Büros stehen glühende Lötkolben auf den Schreibtischen. "Wir können eine Änderung von der Idee über die Konstruktion bis in die Produktion in einer Woche umsetzen. Bei einem Großserienhersteller dauert das ein halbes Jahr", erläutert Müller.

Der Motor stammt vom VW Passat R36

Das Auto selbst entsteht hinter dem Verwaltungsgebäude in der Montagehalle. Am Artega-Grundkonzept hat sich nichts geändert, konstruktive Basis des 1,1 Tonnen leichten Mittelmotorautos ist der Alu-Spaceframe, der aus Strangpressprofilen geschweißt wird. Daran hängt der Aggregateträger für den Antrieb - den quer eingebauten 3,6-Liter-V6 aus dem VW Passat R36 samt Sechsgang-Doppelkupplungsgetriebe. Über das Chassis reckt sich der stählerne Dachrahmen, wobei die Stabilität von A-Säulen und Scheibenrahmen für eine geplante Roadster-Variante ausgelegt ist.

Danach bekommt der Artega GT Innenausstattung, Elektrik und Karosserie. Ihre Form und der glatte Unterboden erzeugen genügend Abtrieb, um auf Spoiler verzichten zu können. Die Karosserieteile werden zugeliefert, anderes kommt von VW, was für eine Sportwagenfirma historisch gesehen ja kein Nachteil sein muss. Trotzdem baut Artega sehr viel selbst. "Wir haben eine große Fertigungstiefe, weil wir für viele Zulieferer wegen der geringen Stückzahlen uninteressant sind. Dazu ist der Anteil der Handarbeit hoch, die bedeutendste Automatisierung in der Produktion sind die Druckluftschrauber für die Radbolzen", erklärt Peter Müller.

Artega will jährlich 500 Autos bauen

Seit Oktober 2010 leitet er Artega, Wolfgang Ziebarth wechselte in den Beirat und kümmert sich stärker um die Entwicklung neuer Modelle - neben einer Hybrid-Version des Artega GT soll es einen Roadster geben, auch ein V8 passt unter die Motorklappe. Aber jetzt, da die Artega GT schließlich bei den Händlern stehen, soll für die 50 Artega-Mitarbeiter nach Fast-Pleite und den hektischen Monaten danach Ruhe und Routine einkehren. 500 Autos wollen sie im Jahr bauen. Damit sei ihr Artega GT exklusiver als ein Ferrari, sagen sie stolz in 33129 Delbrück, dem Maranello Nordrhein-(Ost?-)Westfalens. 

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Sebastian Renz

Autor:

auto motor und sport, Heft 25 / 2010

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