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Klimaanlagen

Streit um risikobehaftete Chemikalie

Auto im Eisblock Foto: Reinhard Schmid

Ab 2011 muss in Klimaanlagen ein neues Kältemittel eingesetzt werden. Früheren Absichtserklärungen zum Trotz setzt die Autoindustrie jetzt auf eine Chemikalie, deren Risiken und Nebenwirkungen hoch sind.

07.07.2010 Brigitte Haschek

Es sollte Signalwirkung haben: Kurz vor der als "grün" in die Chroniken eingegangenen IAA 2007 hatte der VDA-Präsident Matthias Wissmann angekündigt, die deutschen Hersteller würden weltweit als erste Unternehmen der Automobilindustrie das besonders umweltfreundliche natürliche Kältemittel R-744 zukünftig in Fahrzeugklimaanlagen einsetzen. Chemische Kältemittel seien als Alternative keine Option.

VDA überrascht mit Abkehr vom praktisch klimaneutralen Stoff R-744

Somit schien der Klimaanlagen-Durchbruch für R-744, was nichts anderes ist als CO2, sicher. Ein Ersatzstoff für das heute noch gebräuchliche Kältemittel R-134a - ein teilfluorierter Kohlenwasserstoff (HFKW) namens Tetrafluorethan - musste nämlich dringend her. Denn im Juli 2006 war die "EU-Verordnung über bestimmte fluorierte Treibhausgase" in Kraft getreten. Sie verlangt, dass ab 2011 aus Klimaschutzgründen in neuen Autos nur noch Kältemittel mit einem so genannten Global-Warming-Potenzial (GWP) von weniger als 150 verwendet werden dürfen.

R-134a hat ein GWP von 1.430 und ist damit geächtet. Ende Mai überraschte der VDA dann mit der radikalen Abkehr von dem vor drei Jahren postulierten Bekenntnis zum natürlichen und praktisch klimaneutralen Stoff R-744: Die deutsche Autoindustrie will R-1234yf als künftiges Kältemittel in den Klimaanlagen der Fahrzeuge einsetzen.

Klimaanlagen-Kältemittel zwar klimafreundlich, aber leicht entzündlich

Die von den Chemie-Riesen Honeywell und DuPont entwickelte Mixtur wird als wahres Wundermittel gepriesen. Die Chemikalie R-1234yf ist, laut VDA, mit einem GWP von vier somit um den Faktor 357 klimafreundlicher als das bisher verwendete Kältemittel und unterschreitet den neuen EU-Grenzwert um ein Vielfaches. Dies sei ein deutlicher Fortschritt und ein maßgeblicher Beitrag zum Klimaschutz. Zudem könne die Technik der heutigen Klimaanlagen weitgehend beibehalten werden. Und: Eine mit R-1234yf befüllte Klimaanlage sei vor allem bei höheren Temperaturen effizienter und verursache im Betrieb somit einen geringeren Mehrverbrauch als R-744.

Bei Licht betrachtet müsste demnach aber 24 Stunden lang eine Temperatur von über 35 Grad vorherrschen, damit diese Rechnung aufgeht. Techniker reklamieren außerdem, dass R-1234yf für Elektroautos völlig ungeeignet sei, weil der Stoff in der Wärmepumpe keinen guten Wirkungsgrad hat.

Viel gravierender ist jedoch, dass dieses neue Kältemittel möglicherweise lebensbedrohliche Konsequenzen für die Unfallopfer von morgen und deren Retter haben kann. Das zeigten zwei Versuchsreihen der Deutschen Umwelthilfe (DUH): Die Chemikalie ist nämlich leicht entzündlich. Tropft sie nach einem Unfall auf den heißen Abgaskrümmer, brennt sie wie Zunder. Doch damit nicht genug: Dabei entsteht giftiger Fluorwasserstoff, der bei Kontakt mit Wasser Flusssäure (HF) bildet - ein tückisches Kontaktgift.

Kältemittel: Es herrscht dringender Handlungsbedarf

Hatten die Dokumentations-Videos der Brandversuche die Fahrzeughersteller zunächst noch schockiert, schätzen sie das Risiko jetzt offenbar niedrig ein: "Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto einen Sechser mit Superzahl zu gewinnen, ist etwa 100 Mal größer als die einer HF-Exposition", heißt es in einer VDA-Verlautbarung. Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), sieht das völlig anders: "Mit dem Einsatz des synthetischen, zudem brennbaren Kältemittels R-1234yf sind nicht ausreichend bewertete Risiken verbunden", warnt er.

Seine Behörde hat das Bundesamt für Materialforschung und -prüfung (BAM) mit Untersuchungen der Substanz beauftragt. "Durch den Kontakt mit heißen Oberflächen und im Brandfall entsteht aus dem fluorierten Stoff sehr giftige und stark ätzende Flusssäure", fasst Flasbarth erste Ergebnisse zusammen. "Schon geringe Mengen dieses Stoffes reichen aus, um mit ebenfalls geringen Konzentrationen von Kohlenwasserstoffen explosionsfähige Gemische in der Luft zu bilden", so der UBA-Chef. Also: Hier herrscht dringend Handlungsbedarf.

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