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Kolumbien

Mit Lust zur Last

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Hunderte uralte Willys-Jeep leisten in den südamerikanischen Anden bis heute Schwerstarbeit. Das Auto, mit dem die US-Army einst in den Krieg zog, ist in Kolumbien Transporter für Lebensmittel, Möbel und Menschen.

19.03.2009 Powered by

Yesid Mora lächelt verlegen. Die Frage, wie viele Kilometer seine Valentina auf dem Buckel habe, überfordert ihn jetzt doch. Er überlegt eine Weile. Der rote Jeep , ­benannt nach seiner sechs­jährigen Tochter, ist Baujahr 1954. Doch der Kilometer­zähler verharrt seit Monaten auf 20.133. Vielleicht auch schon ein bisschen länger. „Der ist bei den ­meisten kaputt“, sagt er, „das kommt vom vielen Rückwärts­fahren.“ Yesid fragt einen älte­ren Kollegen, der vor seinem Willys-Jeep aus den 50er ­Jahren auf Passagiere wartet. „Luis, was meinst du, wie viel hat meiner wohl drauf?“ Der alte Mann muss ebenfalls etwas länger nachdenken. Ein Hahn kräht ins Morgengrauen.

Es ist 5.45 Uhr in ­Calarcá, einer Kleinstadt in der kolumbianischen Kaffee-Provinz Quindío. „Über eine Million ­Kilometer auf jeden Fall“, ­erwidert Luis. Keiner der Jeep hier ist jünger als ein halbes Jahrhundert. ­Allein in Calarcá verkehren über 150 Exemplare, im ganzen Land wohl Tausende. Teilweise in erbärmlichem ­Zustand. Doch die US-Boys fahren noch. Und das zählt. Das ­Allrad-­Urgestein, mit dem die Army einst in den Kampf zog, ist in ­Kolumbien längst ­eine lebende Legende – und hoch geschätz­tes Transportmittel, vor allem auf den ­unwegsamen Andenhängen mitten in dicht bewach­senen Kaffeplantagen. Hergestellt von Willys-Overland in Toledo, Ohio, wird der Ur-Jeep hierzulande meist nur Willys genannt. Yesid hat seinen schon seit acht Jahren; er kostete damals umgerechnet rund 2900 Euro. Viel Geld.

Der 37-Jährige – dunkler Teint, freundliche Augen, militärisch kurzes Haar – lenkt mit der rechten Hand, Position ein Uhr, die linke ragt aus dem offenen Fenster. Mit etwa vierzig Stunden­kilometern tuckert er durch Calarcá – nicht nur der Kilometerzähler streikt, auch die Tachonadel hat aufgegeben, zeigt auf null. Plötzlich erschüttert ein Ruck den Jeep – ein Durchschlag, der durch Mark und Bein geht. Der Zündschlüssel fällt aus dem Schloss, den Motor stört’s wenig, das Auto fährt einfach weiter, und Yesid fischt nur den Schlüssel vom Blechboden. Zwei Passagiere sitzen neben ihm, 15 drängen sich auf der Ladefläche dahinter, darunter zwei kleine Jungen, ein Angler und die sechs Tagelöhner auf dem Weg zur Bananenernte an den Andenhängen oberhalb von Calarcá.

Eigentlich sind insgesamt nur zehn Passagiere erlaubt, doch die Polizei drückt meist ein Auge zu. Yesid würde seiner Valentina gern einen Dieselmotor einbauen. Auf den steilen Pfaden, über die er täglich schaukelt, schluckt sie jetzt etwa 15 Liter – auf 20 Kilometer. Das sind rund elfeinhalb Euro. Umgerechnet kostet der Liter Sprit etwa 80 Cent. Yesid biegt in einen Feldweg ein. Vorbei an grünen Kaffee­plantagen und riesigen Bananenstauden schnaubt Valentina bergauf. Unten im Tal, 500 Meter tiefer vielleicht, ziehen milchi­ge Wolkenstreifen über eine tiefgrüne Ebene. Ab und zu ­fallen Regentropfen in das ­saftige Tal. Die meisten Routen durch die Wildnis werden nur zwei- bis dreimal täglich befahren, sie führen zu ent­legenen Weilern wie Granada, dem heutigen Ziel. Kaum ­jemand besitzt dort einen ­Geländewagen – ohne die Jeep müssten die Campesinos mehrere Stunden marschieren, um in die Stadt zu gelangen.

Auch für den Transport von Kaffee und Kochbananen sind die Allradler unentbehrlich. Rund tausend Kilo Zuladung verträgt das 1,3 Tonnen schwere Gefährt, ausgestattet mit ei­nem 2,2-Liter-Vierzylinder von 72 PS und einem Dreigang­getriebe. Doch die Motoren halten tapfer durch, scheinen mit dem minderwertigen Sprit gut zurechtzukommen. Der Ort Calarcá ist im ganzen Land berühmt für seinen Yipao-Wettkampf, bei dem die Jeep so schwer und fantasievoll wie möglich beladen werden: Käfige mit Truthähnen, Hühnern und Ziegen sieht man darauf, Bananen, Kür­bisse und Ananas, Möbel aller Art, gekrönt von Fernsehern, Grammophonen, einem Jesusbild und, wie auf unserer Tour, dem Opa daneben. Offen­bar schwindelfrei, thront er in zwei Meter Höhe auf einem Holz­stuhl und winkt ins Publikum, das Spalier steht, während die kunterbunten Autos langsam durch die Straßen defilieren.

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