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Einfach viel zu teuer?

Horrende Preisentwicklung bei Neuwagen

IAA 2015, Mercedes Messestand Foto: Stefan Baldauf / Guido ten Brink

Marcus Schurig über die horrende Preisentwicklung bei Neuwagen, und zur Frage, warum das Auto trotzdem ein Traum bleibt, der jedoch für junge Menschen immer öfter zum unerschwinglichen Albtraum wird.

06.06.2016 Marcus Schurig 4 Kommentare Powered by

Trendforscher behaupten immer wieder, dass junge Menschen keine Autos mehr haben wollen. Ich habe das immer für Mumpitz gehalten, auch wenn die Wissenschaft sagt, dass ihre Umfrage-Ergebnisse zu diesem Thema zuverlässig und belastbar seien. Aber das deckt sich überhaupt nicht mit meiner persönlichen Erfahrung: Junge Menschen finden schnelle und sportliche Autos nach wie vor cool, sie interessieren sich auch dafür, weil ihre Helden oder Vorbilder - die nicht mehr notwendigerweise meine Helden sind - genau diese Karren fahren: Musiker, Fußballer, Schauspieler, Celebrities.

Das andere Verhältnis zum eigenen Auto

Was sich jedoch verändert hat, sind fünf Aspekte, und dafür behaupte ich eine profunde empirische Basis aus endlosen Gesprächen in Stuttgarter Studentenkneipen zu haben: Erstens ist der Preis für das wahre Traumauto, etwa einen schicken sportlichen Flitzer, heute absolut unerreichbar hoch.

Zweitens sind die Anschaffungspreise und die Unterhaltskosten für ein schnödes Allerweltsauto - sagen wir, Passat - schon so obszön hoch, dass junge Menschen in der Tat ihr Mobilitätsbedürfnis aufsplitten: hier Bus und Bahn, da Carsharing, im Urlaub vielleicht ein Mietwagen. Drittens ist die Bereitschaft, sich über beide Ohren zu verschulden, nur um ein eigenes Auto zu fahren, in der Tat radikal gesunken: Noch in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurden über 70 Prozent aller privaten Bankkredite für Autokäufe vergeben - man fuhr gern mehr, als man hatte. Nur der Lebenstraum vom eigenen Heim ist noch kostspieliger als der vom eigenen Flitzer - da spielt die junge Generation nicht mit.

Gut gepokert, gut gefahren

Viertens entfallen heute weit über 60 Prozent aller Neuwagenzulassungen auf Geschäftswagen. Wer bei der Gehaltsverhandlung gut pokert, leiert seinem Arbeitgeber das Auto aus dem Kreuz - schon ist das Mobilitätsbedürfnis hinreichend befriedigt, ohne horrende Anschaffungs- und Unterhaltskosten. Was übrigens fünftens dazu führt, dass viele junge Menschen paradoxerweise gerne in ziemlich alten Autos herumkutschieren (Käfer, Ente, Fiat 124 - was auch beweist, dass ökologische Ideologie nicht der Punkt ist) oder auf junge Gebrauchte zurückgreifen - ein sechs Jahre alter M3 kostet eben nur den Bruchteil eines neuen M3.

Das Gesagte kann man auch wunderbar mit statistischen Wahrheiten untermauern, da braucht man keine Umfragen: 1980 kostete ein Neuwagen im Schnitt 8.420 Euro. 20 Jahre später waren es bereits 19.125 Euro. 2015 lag der durchschnittliche Neuwagenpreis in Deutschland bei 28.590 Euro. Sind wir etwas unpräzise und halten fest: Die Preise haben sich mal eben locker verdreifacht.

Horrende Preisentwicklung erklärt Privat-Käufer-Abstinenz

Ja, die Autos sind heute besser ausgestattet als 1980, und ja, der allgemeine Verbraucherpreisindex ist seit 2007 stärker gestiegen als die Pkw-Neuwagenpreise, aber entscheidend ist doch, was die Leute in der Tasche haben, um ein Auto kaufen zu können. Wollen Sie wirklich noch ein paar Details zur Reallohnentwicklung in Deutschland hören? Ich kann Ihre Befürchtung bestätigen: Seit 1990 stagnieren die inflationsbereinigten Nettolöhne in Deutschland - egal wie man es rechnet.

Und so ist das Lamento über den Niedergang der Autokultur und die angebliche Abstinenz der jungen Käufer nichts mehr als die Beschreibung einer Preisspirale, die sich immer weiter emporschraubt. Ja, das Auto ist nicht mehr das Goldene Kalb, um das die gesamte Gesellschaft im gleichen Takt herumtanzt. Und ja, für viele junge Menschen dürften auch ökologische Überlegungen zum Verzicht führen. In der Masse ist die Abstinenz beim privaten Neuwagenkauf aber der horrenden Preisentwicklung geschuldet. Wer den Weg vom Massenprodukt zum Luxusgut geht, darf sich nicht wundern, wenn sich die Masse verabschiedet. Oder nach neuen Wegen sucht: der Gebrauchtwagen- und Youngtimer-Markt boomt - und die Liebe zum Auto lebt.

Neuester Kommentar

Dem Kommentar von Herrn Schurig kann ich nur zustimmen. Wenn nicht ein großer Teil der Fahrzeuge im gewerblichen Rahmen finanziert oder geleast werden würde, könnte die Automobilindustrie diese Preise gar nicht verlangen. Welcher Privatmensch gibt 90.000 € für einen A6 aus, der nach nur 3 Jahren und 40.000 km noch nicht mal mehr die Hälfte wert ist? Eine bessere Geldvernichtung wie ein Auto gibt es fast nicht, außer es handelt sich um besondere Modelle, die über einen besseren Werterhalt verfügen.
Was nicht unerwähnt bleiben sollte, sind die ebenfalls horrend gestiegenen Ersatzteilpreise. Selbst wenn man auf dem Gebrauchtwagenmarkt ein günstiges Fahrzeug erwirbt, kann später die böse Überraschung kommen: Getriebe für einen 535d - weit über 10.000 €. LED-Scheinwerfer für einen A6 - ca. 2.000 €.
Wer hat dann noch Lust, sich solch ein Auto überhaupt zuzulegen?

Mr-Kill 4. September 2016, 13:13 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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