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Murks als Prinzip

Pfusch auf deutschen Autobahnen

Blow Up, Strassenschäden, Autobahn, Hitze Foto: Automobilclub Europa

Marcus Schurig über die Kunstlosigkeit des deutschen Autobahnbaus und warum auf neuen Strecken nach wenigen Wochen Bodenwellen geglättet, Beläge erneuert oder Tempolimits verordnet werden müssen.

03.05.2016 Marcus Schurig Powered by

Deutschland ist eine der reichsten Industrienationen der Welt. Das bedeutet nicht automatisch, dass auch die Infrastruktur weltklasse sein muss. Frankreich oder Japan übertrumpfen uns beim Schienenverkehr um Lichtjahre. Und beim Fernverkehr auf der Straße? Da kam man vor zehn Jahren auf den Trichter, dass endlich mal was getan werden muss: Die zweispurige Standardvariante der deutschen Autobahn wurde vor 80 Jahren ersonnen, entsprach aber schon lange nicht mehr dem gängigen Verkehrsaufkommen. Noch maroder als das Straßenfernnetz sind offenbar nur die dazugehörigen Brücken. Wo geht eigentlich all das Geld hin, das die autofahrenden Melkkühe über Kfz-Steuer und Kraftstoffsteuer entrichten? Ganz offenbar nicht in die entsprechende Infrastruktur.

Nun hat man in den letzten zehn Jahren in der Tat einige Großprojekte losgetreten, um Entlastung und Verbesserung zu schaffen. Das durften wir bei sport auto vor unserer Haustür beobachten – beim Ausbau der A 8 von München nach Karlsruhe. Zehn Jahre standen wir wegen der Ausbau-Baustellen im Stau, jetzt ist ein Großteil der Strecke dreispurig ausgebaut. Doch, oh Wunder, auch jetzt kriechen wir an vielen Abschnitten wieder nur mit 120 km/h oder noch weniger dahin. Da fragt man sich zwangsläufig: Was läuft da bloß schief?

Das kann ich Ihnen sagen: Viele der neuen Streckenabschnitte haben sich oft binnen eines Jahres so stark abgesenkt, dass massive Bodenwellen die Behörden dazu zwangen, neue Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuführen. Die Bodenwellen sind so ausladend, dass die Autos bei 200 km/h förmlich ausgehoben werden.

Gischt statt Wasserabsorption

Wer hat diesen Pfusch zu verantworten? Etwa die Behörden und Ämter, die den Ausbau in Auftrag gegeben haben? Oder die Baufirmen, die Millionen an Steuergeld einstreichen, für ein Produkt, das dann schon nach einem Jahr wieder total sanierungsbedürftig ist? Ich weiß es nicht, aber ich wüsste es gerne mal!

Doch damit nicht genug: Die flatschneuen Autobahnabschnitte der A 8 sollten eigentlich die neueste Technologie bieten, Stichwort Flüsterasphalt oder das Thema Wasserabsorption, um die Gischt bei Regen zu reduzieren. Nichts davon wurde umgesetzt: Wenn der Regen stark herunterpladdert, sieht man zwischen Karlsruhe und Stuttgart meist nichts mehr – so als fahre man auf einer 30 Jahre alten Autobahn.

Eine gischtmindernde Asphaltoberfläche müsste nämlich alle paar Jahre erneuert werden, weil das körnige Oberflächenprofil dann abgefahren ist und kein Wasser mehr aufnehmen kann. Das war einigen wohl zu teuer. Zur Strafe fahren wir jetzt auf einem Steinzeitasphalt, der das Wasser nicht absorbiert, stattdessen sammelt es sich in den zahlreichen nach innen hängenden Kurven der A 8 am Kurveninnenrand – in grandiosen Pfützen. Toll!

Aber das ist immer noch nicht alles: Bei stockfinsterer Nacht gibt es über weite Strecken so gut wie keine Leuchtreflexion von den Mittel- und Seitenlinien – man fährt in einer schwarzen Pampe ohne Referenzpunkte. Wir reden hier vom Ergebnis eines auf anderthalb Jahrzehnte angesetzten Infrastrukturprojekts! In Deutschland, nicht in Zentralafrika!

Stau für nichts und wieder nichts

Es ist schlicht haarsträubend, was die Steuerzahler in Deutschland für ihre Kohle an Infrastrukturqualität geboten bekommen. Statt es einmal richtig zu machen, geht man Kompromisse an der falschen Stelle ein, was dann zu unzähligen Geschwindigkeitsbegrenzungen oder immer neuen Baustellen führt. Dabei wird die Verantwortung von links nach rechts geschoben. Und die nächste Eskalation steht schon vor der Tür, denn nun fordern die Hersteller, dass die Autobahnen fürs autonome Fahren tauglich – sprich umgebaut – werden müssen. Das bedeutet wohl noch mal 15 Jahre Stau für nichts und wieder nichts.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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