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Kommentar über gewichtsoptimierte Sportwagen

Wer verzichtet wirklich auf Navi und Klimaanlage?

Porsche 911 GT3 und GT3 RS, Generationen, Impression Foto: Arturo Rivas 34 Bilder

Jens Dralle möchte in seinem Kommentar gerne wissen, wo sie sind, die ganz eisernen Auto-Fans, die sich nicht nur gewichtsoptimierte Sportwagen wünschen, sondern sie auch kaufen – und dann mit allen Konsequenzen leben.

20.07.2016 Jens Dralle 3 Kommentare Powered by

Ein Abend in Innsbruck, es könnte schlimmer kommen, zumal der eigentliche Arbeitsauftrag mehrere Hundert Kilometer nördlich in einem Stau feststeckt. Also Freizeit. Wunderbar. Im Stiftskeller schenken sie Augustiner Weißbier aus, servieren einen ordentlichen Wurstsalat. Ich durfte hierher mit einem Wagen anreisen, der a) diese leicht patinierte Bezeichnung voll verdient und b) daher nie durch sport auto fahren wird.

Zum Teil erhebliche Vernachlässigung der Alltagstauglichkeit

Das handwerklich perfekte (allein diese Lackierung!) Rolls-Royce Phantom Drophead Coupé spielt die Hauptrolle in einer Geschichte bei auto motor und sport, nachzulesen in Heft 15, wenn Sie möchten. Geradezu perfekt repräsentiert das 5,61 Meter lange und 2,6 Tonnen schwere Cabrio das völlige Gegenteil Ihres vierrädrigen Ideals, liebe Leser.

Obwohl ich die Ausfahrt genoss – es eilte nicht –, wäre mir Ihr Wunschfahrzeug viel lieber gewesen als der Rolls – dort, im Geschlängel zwischen Kochel- und Walchensee. Abgesehen von ein paar motivierten Motorradfahrern war nicht viel los, und schon röhrte in den ersten engen Kehren ein Renault Clio R.S. durch meine Gedanken, der mit dem Zweiliter-Saugmotor, na klar, ohne Klimaanlage und Radio, mit Schalensitzen und wüst-gierigem Handling. Jeder Meter damit auf einer Passstraße oder gar einem abgesperrten Handlingkurs fördert völlig unbekannte Glücksgefühle zutage, wirft die Frage auf, weshalb Autos dieser Art aufgrund ihres berauschenden Wesens nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.

Das würde dann ziemlich viele Modelle betreffen. Die jüngsten Beispiele: Allen voran der vom Kollegen Schurig in der letzten Ausgabe völlig zurecht aufgrund von Preis und Verfügbarkeit verbal niedergemetzelte Porsche 911 R. GT3 RS passt natürlich. Und der VW Golf GTI Clubsport S. Selbst ein Seat Leon Cupra 290 passt in diese Aufzählung, denn er kann ab Werk um einige Komfort-Extras erleichtert werden. Dann wären da noch freie Radikale wie Caterham Seven, Lotus Elise und KTM X-Bow sowie die Helden vergangener Tage wie eben jener Clio oder der BMW M3 CSL.

Was für herrliche Fahrzeuge allesamt, nur gebaut, um Geraden zu ignorieren und jede noch so sanft geschwungene Kurve zur Einfahrt ins Hatzenbach-Geschlängel zu überhöhen. Jeder von ihnen repräsentiert in seiner Klasse das konsequente Maximum an Fahrdynamik unter zum Teil erheblicher Vernachlässigung der Alltagstauglichkeit – also genau das, was Sie von uns einfordern zu testen und was wir in Ihrem Namen von den Herstellern verlangen sollen zu bauen.

Kaufen Sie Sportwagen ohne jeglichen Schnickschnack?

Aber jetzt schauen wir uns mal ganz tief in die Augen. Ganz tief. Und dann frage ich Sie: Kaufen Sie genau das dann auch? Also so richtig, ohne jeglichen Schnickschnack? Schummeln gilt nicht. Wenn Sie in Ihrer Garage noch mindestens ein weiteres Auto stehen haben, sind Sie raus. Ich hätte liebend gerne einen BMW M3 CSL. Mit Klimaanlage. Oder den Clio. Mit Klimaanlage und Radio. Oder einen GT3 RS. Mit Klimaanlage, Navigationssystem und ordentlichem Licht. Sie offenbar auch, denn die meisten dieser Fahrzeuge verlassen die Produktion mit eben jenen Extras.

Warum? Weil Sie erkannt haben: Jene Zehntelsekunden, die ein Profi durch die eingesparten Kilogramm herausholt, finde ich in diesem Leben nicht mehr auf der Rennstrecke. Aber ich komme erheblich entspannter dort an. Nicht falsch verstehen: Ich zähle nicht zu jenen, die bei einem GT3 RS die Schalensitze abbestellen (solche Kunden gibt es!), das ginge doch arg gegen den Charakter dieses Krachers.

Aber ich jaule auch nicht laut auf, wenn ein Hersteller, ojemine, mal wieder ein Fahrzeugkonzept nicht zu Ende gedacht hat. Vielleicht beobachtet er einfach nur das Verhalten seiner Kunden. Und zwar ganz konsequent.

Dieser Kommentar stammt aus dem neuen sport auto-Heft 8/2016. Unter anderem finden Sie in dieser Ausgabe folgende Tests und Fahrberichte:

  • Das klassische Duell: BMW M4 Competition gegen Mercedes-AMG C 63 S Coupé
  • Porsche 911 R im Test: Der puristische Leichtbau-Elfer mit Hochdrehzahlsauger und Schaltgetriebe
  • Audi TT RS mit 400 PS: Erste Runden im neuen TT-Topmodell in Le Mans
  • Neuer Porsche 718 Cayman S: Erste Fahrt im turbogeladenen Vierzylinder
  • Breiter, stärker, schneller: Die Technik des Mercedes-AMG GT R im Detail
  • Erster Test des Porsche 718 Boxster S: Wie schlägt sich der 350-PS-Roadster in Hockenheim?
  • Nissan GT-R überarbeitet: Mehr Leistung, mehr Komfort. Der neue Godzilla in Spa-Francorchamps
  • Lamborghini Huracán im Supertest: Mit 610 PS auf der Nordschleife und in Hockenheim
  • Roadster-Feeling auf das Wesentliche reduziert: Fiat Abarth 124 Spider im Fahrbericht
  • Sportliche Kompakte: Opel Astra 1.6 Turbo gegen Peugeot 308 GT und Renault Mégane GT im Vergleichstest
  • Aston Martin Vulcan: Tracktest des 831-PS-Renners auf der Formel-1-Piste in Abu Dhabi
  • Jaguar F-Type SVR: Erste Fahrt im neuen F-Type-Spitzenmodell mit 575 PS und Allradantrieb
Einen Blick ins Heft gibt es in der Fotoshow! Hier können Sie das Heft online bestellen.
Neuester Kommentar

Lieber Herr Dralle,

jetzt schauen wir uns mal tief in die Augen, ganz tief. Und dann fragen wir uns mal, ob diese Diskussion nicht eine rein theoretische ist! Warum?

- Weil man heute einen "normalen" sportlichen Wagen kaum je z.B. ohne Klimaanlage oder Radio / Infotainment etc bestellen könnte. Autos im normalen Preissegment lassen einem keine Wahl mehr. Selbst die extremeren Normalmodelle wie den Toyota GT86 in der abgespeckten Pure-Version oder den bemerkenswert leichten Roadster Mazda MX-5 gibt es in Deutschland z.B. gar nicht ohne Klimaanlage oder Infotainment. Richtig "pur" geht es real also nur noch bei eben diesen gaaanz exotischen, streng limitierten Sondermodellen, deren abgehobene Preise die meisten doch gar nicht bezahlen könnten. 150.000 für einen M4 GTS oder 200.000 für einen 911 R - das Geld muss man erstmal haben. Und dann auch ausgeben wollen!

- Weil man als Sportwagen-Fan die von Ihnen angeführten, gaaanz exotischen Sportwagen-Sondermodelle als Neuwagen nicht mal dann kaufen KÖNNTE, wenn man wollte! Weil sie nämlich allesamt nur in streng limitierter, winzig kleiner Stückzahl aufgelegt werden, und dann an Spekulanten, ausgesuchte Sammler oder Werksangehörige "verteilt" werden. Egal ob nun beim Porsche 911 die Sondermodelle R, GT3, GT3 RS oder ob bei BMW der E46 M3 CSL, E92 M3 GTS oder der aktuelle M4 GTS oder auch der von Ihnen angeführten Golf GTi "Clubsport S": Keines dieser Autos kann bzw. konnte man als Normalsterblicher im Neuzustand kaufen. Bestenfalls erwischt man gebraucht einen. Damit ist die Frage nach der bestellten Ausstattung aber obsolet, denn diese legt der Neuwagenkäufer fest - der den Wagen aber nicht zum Fahren kauft.

- Weil selbst diese ohnehin "unverkäuflichen" Sonderserien einem oft üble Kompromisse abverlangen, die man als "ganz eiserner Auto-Fan" oft genug nicht eingehen WÜRDE, selbst wenn man diese Wagen käuflich erwerben KÖNNTE! Selbst den BMW E46 M3 CSL gab es damals nicht mit Handschaltung! Die diversen Porsche 911-Sondermodelle gibt es (außer dem R) nicht mit Handschaltung, dafür leiden sie aber allesamt unter jeder Menge ESP-Eingriffe über Torque-Vectoring, Allradlenkung & Co. Von den Standfestigkeitsproblemen des Porsche-Motors ganz zu schweigen.

- Weil wir ganz nüchtern betrachtet heute an dem Punkt sind, wo man überhaupt erstmal einen der seltenen, richtig ESP-freien Sportwagen als solchen identifizieren muss. Danach kann man sich dann um dessen Gewichtsreduktion den Kopf zerbrechen - nur um dann festzustellen, dass der Hersteller einem eh keine Wahl mehr lässt.

- Weil Leichtbau auch nicht mehr das ist, was es mal war. Da liest man von dem mit viel Mühe auf angebliche 1381 kg heruntergehungerten aktuellen 911 R. Und anschließend, dass das erste 911-R-Modell aus den späten 60er Jahren damals nur 830 kg wog und über 210 PS verfügte. Und man denkt sich spontan, dass man doch viel lieber den alten R statt des neuen hätte! Damals spielte es wirklich noch eine Rolle, ob man das Radio weggelassen hat. Aber bei einem 1,6 Tonnen (!!) fetten "Leichbau"-M4 GTS?

Was übrig bleibt sind also die "freien Radikale" wie Caterham, Lotus Elise, KTM X-Bow & Co. Hier muss man also nur den geistigen Sprung schaffen, sich mit dem Gedanken an einen Zweitwagen anzufreunden. Aber der ist ja schließlich nicht verboten. Warum nur, lieber Herr Dralle, schließen sie den puren Sportwagen als Zweitwagen immer wieder kategorisch aus? Oder glauben sie ernsthaft, lieber Herr Dralle, der Eigner eines 911 GT3 RS mit Klimaanlage und Navi würde ob dieser installierten Annehmlichkeiten keine weiteren Autos für Alltag und Winter in der Garage haben?
Also als Zweitwagen - und schon ist so ein Caterham, eine Elise oder ein X-Bow eine reale Option, und dann ist plötzlich all das (und noch viel mehr) erreichbar, was einem die großen Hersteller nur in der Theorie anbieten, aber niemals wirklich verkaufen würden.

Was außerdem übrig bleibt, sind alte Autos, nämlich die heroischsten Modelle aus der Vergangenheit. Denn damals hatte man als Käufer zumindest noch ETWAS mehr die Wahl, welchen Luxusplunder man im Auto haben wollte - und welchen nicht!

Und nun, lieber Herr Dralle, schauen wir uns mal tief in die Augen, ganz tief. Und dann sage ich Ihnen, dass ich neben meinem puristischen Caterham noch einen Alltagswagen habe. Diesen schön leichten BMW 323ti habe ich im Jahre 2000 neu gekauft, und auch wenn ich auf ein Schiebedach einfach nicht verzichten wollte (meine einzige Leichbausünde aus der Optionsliste), so habe ich ihn damals natürlich ohne Klimaanlage bestellt. Ist ja schließlich ein Sportwagen! Das Radio war serienmäßig schon drin, aber ein Navi hat er bis heute nicht. Und diesen Wagen bin ich eineinhalb Jahrzehnte als einziges Auto tagtäglich gefahren - und habe kein bisschen darunter gelitten! Ganz im Gegenteil!
Alle denkbaren Nachfolgemodelle für diesen BMW wurden seither von mir verschmäht. Über die Gründe können Sie oben genug lesen.
(Und bevor jetzt Fragen aufkommen: Den Dienstwagen, den ich kürzlich zwangsweise überlassen bekommen habe, nutzte ich keinen einzigen Meter privat.)

Ja, lieber Herr Dralle, es gibt durchaus Leute, die mit den Konsequenzen des Leichtbaus leben würden - wenn man ihnen denn einen ernstzunehmenden Leichtbausportwagen ganz real verkaufen würde!

Grüße
ChrisH

ChrisH 31. Juli 2016, 21:22 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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