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Kommentar von Marcus Schurig

Elektronik-Overkill in modernen Autos

Rundinstrument, Tacho Foto: Hans-Dieter Seufert 67 Bilder

Marcus Schurig über den zunehmenden digitalen Overkill in modernen Autos, die den Fahrer nicht mehr nur unterstützen, sondern tatkräftig vom Fahren abhalten – und außerdem einfach nur nerven.

01.11.2013 Marcus Schurig Powered by

Im aktuellen TV-Spot von Mercedes für die neue S-Klasse träumt ein Bartträger von der Zukunft der Mobilität. Mit geschlossenen Augen hofft er, dass uns die Elektronik im Auto irgendwann weiterbringen wird, zum Beispiel für den Fahrer um die Ecke schaut oder das Auto völlig automatisch durch den Stau lenkt. Der Spot gipfelt in der Aussage: Irgendwann ist heute.

Jaguar F-Type und VW Golf piepsen unaufhörlich

Da habe ich große Zweifel. Nach meinem Dafürhalten ist das angestrebte Irgendwann von gestern. An modernen Autos nervt mich schon heute nichts mehr als die Elektronik, die es angeblich so gut mir meint. Das beginnt bereits im Stand.

Wer in der Tiefgarage einen Jaguar F-Type startet, wird eine Millisekunde später mit einem Ton, dessen Schrillheit einem voll aufgedrehten Martinshorn nicht nachsteht, darauf hingeweisen, dass um ihn herum noch andere Autos parken. Wer hätte das gedacht? Die Schrulle ist keineswegs britisch, ein Golf GTI macht es ganz genauso.

Wenn ich dann endlich die Garage mit viel Piepsen und Bimmeln verlassen habe, geht die Nerverei in die nächste Runde. Dutzende Systeme im Auto erwachen zum Leben und wollen mir ihre Warnbereitschaft kundtun: Hier flötet der Totwinkelassistent, da blinkt der Spurhalteassistent, der Abstandswarnassistent ist auch schon aufgewacht – und ich bin nach fünf Minuten Fahrt vollends genervt.

Meine gewagte und sicher kühne Prognose: Die Hersteller tischen in modernen Autos einen Elektronik-Overkill auf, der die Unfallzahlen auf lange Sicht betrachtet eher ansteigen lassen wird – denn sie produzieren schon heute mehr Ablenkung als Sicherheit. Im Verbund mit dem immer stärker in Mode kommenden Connectivity-Plunder bleibt kaum noch Aufmerksamkeit für das, worum es eigentlich gehen sollte – das konzentrierte Autofahren.

Informations-Flut in modernen Autos killt Aufmerksamkeit

Vielleicht bin ich nur ein analoger Vollpfosten aus dem 20. Jahrhundert? Ich halte dagegen: Offenbar gibt es auch digitale Vollpfosten, die Autos bauen und sich in der Vorerprobung auf einem abgesperrten Parkplatz darüber freuen, dass ihr Abstandswarner laut warnt. Das große Bild, wie viele Informationen heute auf den überforderten Fahrer einströmen, scheinen sie nicht auf dem Schirm zu haben.

Um es klar und deutlich zu sagen: Wir leben im digitalen Zeitalter, und die Elektronik kann heute vieles besser und schneller als der Mensch. Niemand mit klarem Verstand würde für die Abschaffung des ABS plädieren. Gleiches gilt für ESP oder die Basiselektronik für Motor, Getriebe und Bordcomputer. Schon bei Fahrerassistenzsystemen habe ich aber oft den Eindruck, da werden Antworten auf Fragen gegeben, die niemand gestellt hat.

Mir ist bewusst, dass die Autohersteller der Vision vom autonomen Fahren nachhängen: So wie ein Langstreckenjet fast allein von Frankfurt nach New York fliegen kann, soll das Auto einmal selbstständig von Stuttgart nach Hamburg fahren. Wenn das irgendwann mal passiert und funktioniert, kann ich mir auch vorstellen, im Auto zu arbeiten oder online zu surfen.

Elektronik mit Selbstzweck Sicherheit als Entwicklungsziel ungeeignet

Bis dahin soll mich die Elektronik beim Fahren unterstützen. Kritisch wird es bei der nächsten Elektronikwelle, die über uns im Auto zusammenschwappt: Mit dem nächsten Schwung Konnektivität steht keine Erhöhung der Fahreraufmerksamkeit zu erwarten, im Gegenteil. Für die Auto-Industrie scheint die Schlacht um neue Kunden aber an der Elektronikfront gewonnen zu werden.

Ich glaube, sie steuert hier mit Vollgas in die falsche Richtung: Die Elektronik hat sich als Entwicklungsziel verselbständigt – zum Selbstzweck, oft unter dem Deckmantel der Sicherheit. Die Industrie muss einen Schritt nach dem anderen machen: erst das automatisierte Fahren, dann die Befriedigung des autistischen Spieltriebs ihrer Käufer. Alles andere wäre brandgefährlich.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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