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Kommentar von Marcus Schurig

Sound als Mogelpackung

Audi S4 3.0 TFSI, Auspuff, Endrohre Foto: Hans-Dieter Seufert

Marcus Schurig über den Motorklang als authentischen Nachweis der Sportlichkeit - und wie immer mehr Hersteller versuchen, mittels Sound-Engineering dem Kunden falsche Tatsachen vorzugaukeln.

14.12.2013 Marcus Schurig Powered by

Sportlichkeit und Dynamik sind zwei Elemente, mit denen sich alle Hersteller nur allzu gerne brüsten. Jedoch unterscheiden sie sich nennenswert bei der Umsetzung. Klassische Sportwagen-Hersteller wie Porsche können sich Mogelpackungen auf keinen Fall leisten, sie würden ihre gut informierten Stammkunden vermutlich schlicht verprellen. Einige Nicht-Sportwagenhersteller schreiten durchaus aufrecht durchs Leben: Opel liefert seinen Kunden zum Beispiel bei der Großattacke im Segment der ultrasportlichen Klein- und Kompaktwagen beeindruckend authentische Produkte.

Kunde werden hinters Licht geführt

Andere Hersteller wiederum lavieren sich eher durch das Lastenheft von Sportlichkeit und Dynamik. Und die Beispiele häufen sich, wo der Kunde schlicht und ergreifend hinters Licht geführt wird – ganz besonders beim Thema Motorsound und Auspuffklang. Beispiele gefällig? Wer einen BMW 428i fährt, glaubt an eine Sinnestäuschung: Der Motor klingt ganz eindeutig nach Sechszylinder, obwohl doch die Bayern mittlerweile auf dröge Vierzylindertechnik umgestellt haben. Die Mogelpackung beginnt hier schon beim Namen – denn die Ziffern 28i suggerieren den Status von Sechszylindern und nicht von Zwei-Liter-Gekröse.

Damit der Klang auch zum Namen passt, werden die Ansauggeräusche so gefiltert und überhöht, dass ganz plötzlich der wohlige Klang eines Sechszylinders entsteht, der über die HiFi-Anlage in die Ohren der Insassen massiert wird. In anderen Rechtszusammenhängen würde dieses Vorgehen den Tatbestand der Vorspiegelung falscher Tatsachen schon fast erfüllen. Ganz „gschamig“ wird der Auspuff-Trick aber erst auf Nachfrage von der BMW-Presseabteilung kommuniziert. Die Bayern stehen mit dieser Taktik jedoch nicht allein.

Soundsysteme äffen Klang nach

Die Audi-Kollegen aus der Nachbarschaft haben einen zugegebenermaßen famosen Drei-Liter-TDI in den A6 gequetscht, 313 PS, 650 Nm – das sollte eigentlich genügen, um den Kunden zu überzeugen. Leider ist der Über-Premium-Sport-Dynamik-Diesel aus Ingolstadt erstens ein Diesel, zweitens hat er nur sechs Zylinder. Offenbar zu wenig für statusbewusste Menschen und sportbegeisterte Piloten. Daher äfft nun das Soundsystem eine Klangwolke zusammen, die auf jeden Fall nach acht Zylindern klingt, wenngleich man kaum sagen kann, ob das gekünstelt erzeugte Verbrennungsgeräusch nun mehr dem Diesel oder dem Benziner zuneigt. Audi beschallt im Gegensatz zu BMW nicht nur die Insassen mit dem gefakten Sound, sondern via Auspuff auch den Rest der Welt, die jetzt wohl ernsthaft glauben soll, ein sportlicher oder wichtiger Achtzylinder sei soeben vorbeigefegt.

Welchen Klang man als wohltuend oder sportlich empfindet, ist sicher Geschmacksache und daher strittig. Deshalb steht es den Herstellern frei, die Töne so zu modulieren, dass sie wohlfeil klingen. Warum dieses Instrument des Sound-Engineerings aber nun dazu missbraucht wird, Dinge vorzutäuschen, die gar nicht vorhanden sind, ist aus meiner Sicht ein Verrat an der Sportlichkeit.

Vorsätzliche Irreführung?

Der Auspuff soll die Abgase entsorgen, und bei Sportwagen oder sportlichen Fahrzeugen transportiert er außerdem das Verbrennungsgeräusch des Motors, oft in herzerwärmender und drastischer Weise. Das sollte die Regel im Sportsegment bleiben. Zumindest die Großserienhersteller nutzen den Klang aber nun offenbar zur akustischen Täuschung: Weil die Sportmotoren weniger werden, wird nun ein „sportlicher“ Klangbrei künstlich über alle Motorenkonzepte gekippt wie eine Kanne Milch über Cornflakes. Dass dabei ganz bewusst eine Zylinderanzahl vorgegaukelt wird, die gar nicht unter der Haube versammelt ist, muss als absichtliche Irreführung des Kunden gewertet werden.

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Ist der Versuch, über künstlich erzeugte Soundteppiche den Verlust von Zylindern und Sportlichkeit zu kompensieren, ein Verrat?

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