Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Krabbeln im Walde

46 Käfer unterwegs im Münsterland

Foto: Uli Jooß 17 Bilder

Die Ausfahrten des Käfer-Clubs Ultima Edicion sind von besonderem Reiz und warten stets mit Überraschungen auf. Das vierte Jahrestreffen führte die VW-Gemeinde durch das Münsterland.

21.03.2008 Frank Hagenauer Powered by

Das gibt's doch gar nicht. Wo ist beim Käfer bloß der Rückwärtsgang? Mein beigefarbener VW will immer nur nach vorn, egal, wohin ich den langen Schaltstock rücke. Klaus Haas eilt herbei, ich oute mich als unerfahrenes Mitglied der Generation Golf. Das Vorstandsmitglied des Käfer-Clubs Ultima Edicion (K-UE) schmunzelt und weist mich ins Getriebe ein - Rückwärtsgang unten links, Ganghebel zuvor nach unten drücken. "Wenn noch etwas unklar ist, einfach fragen."

Doch weitere Fragen wirft der kleine VW, den mir die Stiftung Automuseum Volkswagen zur Verfügung gestellt hat, zum Glück nicht auf. Zusammen mit 45 Artgenossen macht er sich an diesem grauen Samstagmorgen vom Hotel Weißenburg in Billerbeck zu einer ausgedehnten Tour durchs Münsterland auf.

Nur 3.000 UE's gibt es weltweit

Der Korso wird angeführt von Käfern der Serie Ultima Edicion (UE), zu der auch mein Exemplar gehört. Es gibt 3.000 "Ultimas" - sie wurden alle im Juli 2003 in Mexiko gebaut und sind die letzten der 21.529.464 Käfer, die bis 1978 in Deutschland und ab dann in Mexiko gefertigt wurden. UE-Käfer wurden offiziell nur in Harvestmoon-Beige oder im babyblauen Aquarius-Blue ausgeliefert. Nach Europa kamen rund 500 Stück, ein Dutzend davon ist beim vierten Treffen des K-UE-Clubs dabei. Zu ihnen gesellen sich Käfer jeglicher Baujahre, denn der Club (www.k-ue.de) ist offen für alle Käfer-Fans.

Wenn die Krabbler anrollen, bleibt kein Mundwinkel unten. Hausbesitzer blicken lächelnd von der Gartenarbeit auf, Spaziergänger und Radfahrer winken, Kinder strecken den Zeigefinger aus. Der Käfer beweist einmal mehr, dass ihn einfach alle mögen. Kein Wunder: Er hat die deutsche Geschichte geprägt wie kein anderes Auto, unzählige Menschen sind mit ihm aufgewachsen, fast jeder kennt irgendeine Anekdote über ihn. Und neben der nostalgischen Wirkung ist da auch noch diese unvergleichbar niedliche Form, die Herzen reihenweise bricht.
Walter Köhler, Vorsitzender des K-UE-Clubs, hat sich durch seine perfekt organisierten Treffen mit außergewöhnlichem Programm in der Szene einen Namen gemacht und wartet auch diesmal mit einigen Besonderheiten auf.

Ausfahrt rund um Dülmen

Erste Attraktion ist der Besuch der Sportwagenmanufaktur Wiesmann in Dülmen, wo die parkenden Käfer auf dem Hof ihre Silhouette nachbilden. Nach der Fabrikbesichtigung sticht meinen Harvestmoon-Käfer offenbar der Hafer, jedenfalls scheint sich bei der Abfahrt plötzlich das Gaspedal selbständig zu machen. Der Boxermotor heult im Leerlauf bei gefühlten 6.000 Umdrehungen und mag nicht mehr aufhören. Verschreckt mache ich ihn aus. Nach dem Neustart läuft das Auto wieder normal, als wäre nichts gewesen. "Relais Nummer 30", grübelt Manfred Graf, als ich beim Mittagessen mein Leid klage.

Der Ingenieur ist der Motorenguru des Clubs, kennt die 1,6-Liter-Maschinen aus Mexiko wie seine Westentasche. "Als ich gemerkt habe, dass bei uns niemand viel technisches Wissen über die 1600i hat, habe eben ich angefangen, mich damit zu beschäftigen." Auf seiner Homepage www.1600i.de sammelt er die Daten und Geschichten aller mexikanischen Käfer.

Als wir nachmittags am Flughafen Borkenberge stoppen, wo die Autos über die extra für den K-UE-Club gesperrte Rollbahn fahren und sich zum Luftbild aufstellen dürfen, bietet sich die Gelegenheit zur Inspektion. Relais Nummer 30 war nicht der Übeltäter, aber inzwischen zickt mein VW ohnehin nicht mehr herum. Wenn ich abrupt vom Gas gehe, jault er zwar mitunter so herzzerreißend wie ein kleiner Hund, aber das scheint normal zu sein.

Käfer-Sucht: Ein Teilnehmer besitzt 36 Käfer

Die meisten der UE-Käfer in Deutschland kommen als Zweit- oder Drittwagen zum Einsatz. "Nur ein Prozent davon werden im Alltag gefahren", sagt Walter Köhler. Zu diesen wenigen gehört das aquariusblaue Exemplar von Alexandra Walter. Die junge Gesangspädagogin aus der Opel-Stadt Rüsselsheim mag keine modernen Autos. Als ihre Großeltern sie fragten, was sie gern für einen Neuwagen hätte, kam nur einer in Frage.
"21.000 Kilometer hat er jetzt schon drauf." Ein UE-Käfer, 50 PS stark, sieht auch innen kaum anders aus als viel ältere Artgenossen. Nur die modernen Sitze und das CD-Radio wirken wie aus einer anderen Welt. Das 140 Seiten dicke Bordbuch verrät, dass es auf Wunsch eine Klimaanlage gab, aber solch ein dekadentes Ausstattungsdetail hat wohl kaum jemand geordert.

Schwieriger war sicherlich die Wahl der Farbe. Sowohl Harvestmoon als auch Aquarius sind äußerst hübsch. Bernd Hahn hat dieses Problem gelöst, indem er einfach von jeder Farbe einen kaufte. Derart stockte der Maintaler den Umfang seines Käfer-Fuhrparks auf sagenhafte 36 Stück auf. "32 davon sind fahrbereit", glaubt der Sammler, der sich vor 23 Jahren den ersten Käfer holte. Michael Schnettker aus Iserlohn bekam seinen ersten Krabbler schon, als er noch gar keinen Führerschein hatte - mit 17. "Ich bin seitdem immer beim Käfer geblieben, habe heute einen UE und ein 1303 Cabrio."

Weiteste Anreise: Ein Fan-Paar kam aus Mexiko

Ein 1953er Standard-Modell nennen Fred und Sonja Friedli-Oswald aus der Schweiz ihr Eigen. Friedli ist der Modellbauer des K-UE-Clubs - er lackiert Käfer- Miniaturmodelle auf Wunsch auch in einer UE-Farbe. Die 900 Kilometer nach Billerbeck ist das Paar aus dem Berner Oberland nicht mit dem eigenen VW gereist, weil dieser ja schon 54 Jahre und 260.000 Kilometer auf dem Buckel hat. "Wir fahren hier einen vom Walter Köhler" – der Clubchef lieh den Friedlis fürs Treffen kurzerhand seinen eigenen UE und fuhr selbst mit einem roten Mexiko-Käfer.

Auch Erika und Heini Wanzke bekamen von einem Clubmitglied einen Leihkäfer - die beiden leben in Mexiko und brachten ein selbst gedrehtes Video von der Produktion der UE-Käfer im Werk Puebla mit.  Sie sind bei Weitem nicht die einzigen Gäste aus dem Ausland. Danny Frings etwa ist mit seiner Freundin Daniela aus den Niederlanden gekommen. Das Paar hat sich bei einem Auto-Forum kennen gelernt. "Als wir über unser Hobby sprachen, stellte sich heraus, dass wir beide einen Käfer von '83 haben", erzählt Frings.

Seinen VW im stilechten Orange hatte sich einst sein Opa als Neuwagen geholt. Nach dessen Tod wurde der Wagen verkauft. "Aber 2002 haben wir ihn wieder gefunden, für 250 Euro gekauft und restauriert." Die Mühe hat sich gelohnt - im Sommer gewann das originale Auto einen Concours-Pokal.

Offen für alle Käfer-Typen und -Umbauten

Aber auch umgebaute Käfer sind beim UE-Treffen gern gesehen. Stephan Fürstenau etwa hat sein 2003er Modell auf 60er-Jahre-Look umgerüstet und ist mit seiner Frau - einer Mexikanerin - und den drei Kindern aus Berlin gekommen. Die Anreise war "schon unbequem". Denn die Kindersitze füllen den Fond fast völlig aus.
Am späten Nachmittag hält die mexikanisch-wolfsburgerische Autoschlange an der Steverburg bei Nottuln, wo die Autos eine Hochzeitsgesellschaft überraschen. Der strahlenden Braut kommt die Bemerkung von den Lippen, dass ihr 50 Käfer lieber seien als 50 Mercedes.

Auch die Sonne strahlt nun, zuvor hatte es mitunter geregnet. Zum Glück, weil sich so die Gelegenheit bot, die wunderbarsten Scheibenwischer der Autogeschichte zu benutzen. Das Betätigen des zerbrechlich wirkenden Lenkstockhebels prägt sich ins Gedächtnis ein, ebenso das Surren der niedlichen Mini-Wischer. Als sich die Tachonadel auf der Rückfahrt zum Hotel bis zur 100er-Marke hinaufzittert, brüllt der Boxer auf, aber eher lustvoll als gequält. Vom Fahrkomfort könnte sich ein Smart dennoch eine dicke Scheibe abschneiden.

Anschließend versammeln sich die Käfer, eskortiert vom Oldtimerclub Dülmen und der Polizei, auf dem Dülmener Marktplatz. In Bussen fahren die Käfer-Fans danach noch zur einzigen Wildpferde-Herde Mitteleuropas, die nur wenige Kilometer entfernt lebt. "Dieses Treffen ist familiär und super organisiert", beglückwünscht Bernd Wiersch, Autor diverser Käfer-Bücher, die Crew um Walter Köhler. Auch Helmut Keil (VW-Veteranenclub Münster) spricht ein dickes Lob aus: "Ich gebe die Note eins. Es war eines der besten Treffen, die ich je besucht habe."
Und ich kenne jetzt nicht nur jeden Gang genau, sondern weiß nun auch, dass der Käfer tatsächlich mehr Spaß macht als so mancher moderne Nachfolger.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Gebrauchtwagen Angebote
Autokredit berechnen
Anzeige