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DRM Zukunft

Krise in der Deutschen Rallye-Szene?

Foto: DRM 10 Bilder

Die deutsche Rallye-Szene dümpelt leckgeschlagen vor sich hin. Die Teilnehmerzahlen sinken, der sportliche Wert ebenfalls. Konsequenzen oder Auswege? Fehlanzeige.

13.12.2008 Markus Stier Powered by

Den Zauberköchen des Deutschen Motorsport Bundes ist das seltene Experiment geglückt, eine Suppe gleichzeitig einzudampfen und zu verwässern. Rund zwei Dutzend Teilnehmer hatten sich 2008 für die sechs Läufe der deutschen Rallyemeisterschaft eingeschrieben, in der Lausitz traten zum Finale des höchsten Championats gerade noch 16 an.

Die teuerste Rallyeserie in Deutschland

Wer nun denkt, dass eben an der Spitze die Luft besonders dünn ist, muss nur einen Blick auf den sogenannten Breitensport werfen. Das vom früheren DMSB- und gleichzeitig ADAC-Sport-Präsidenten Hermann Tomczyk mit Gewalt durchgepaukte ADAC-Masters bestritten von Anfang bis Ende allenfalls zehn Fahrer. Mit zehn Rallyes ist es gar die teuerste Rallyeserie in Deutschland.

Dann wäre da noch die Deutsche Rallye Serie, die der AvD vor drei Jahren aus der Taufe hob, als der DMSB meinte, man könne ohne eine deutsche Meisterschaft auskommen. Die DRM ist seit zwei Jahren wieder da, doch die DRS-Macher sehen keinen Grund, ihre Ersatzserie einzustampfen. Beim Saisonfinale, der Mohren-Rallye, rollten lediglich 19 Autos über die Startrampe. Die Zahl der Gesamtstarter lag in der DRM durchschnittlich bei 74. Aber dass das Aufkommen eingeschriebener Teilnehmer bei keinem Championat allenfalls dünne Rundstreckenfelder überschreitet, hält niemand für überdenkenswert. Auch Besucher sind nur bedingt willkommen. Erfreute sich die deutsche Meisterschaft in der abgelaufenen Saison zuweilen noch eines halben Dutzend World Rally Cars als Gaststarter, werden diese 2009 endgültig ausgeschlossen. Sie sind nicht einmal mehr als Vorausautos zugelassen.

Wiederstand gegen WRC-Wagen

Die beiden großen Gruppe-N-Clans der Wallenweins und Gassners, die die DRM seit der Wiederbelebung beherrschen, fürchteten ebenso wie der deutsche Motorsportbund, dass die teuren WRC den Mitsubishi Lancer und Subaru Impreza die Show und den Gesamtsieg stehlen. Punktberechtigt waren WRC-Teilnehmer schon dieses Jahr nicht mehr. Zudem mussten sie hinter dem eingeschriebenen DRM-Feld fahren. „Es wäre doch schön gewesen, wenn in der Lausitz am Ende Peter Corazza gewonnen hätte und nicht der WRC“, klagte der Vorsitzende des Rallye-Fachausschusses Dietmar Lenz nach der Lausitz-Rallye.

Tatsächlich holte sich der Niederländer Dennis Kuipers in einem Ford Focus WRC den Sieg. Zuvor machten aber gerade das haarscharfe Duell des ortskundigen Underdogs Corazza und des Drehmoment-Goliaths aus Holland sowie die Schlacht der WRC-Recken Erik Wevers (Ford) und Ruben Zeltner (Skoda) das Salz in der Suppe aus. Wevers fuhr sich fest, Zeltner überschlug sich, plötzlich führte Corazza, der erst auf der letzten Prüfung um zehn Sekunden das Nachsehen hatte - welch ein Drama. Am Ende plädierten nicht einmal mehr die beiden Fahrervertreter Thomas Wallenwein und Jürgen Eichhöfer aus dem Gruppe-N-Lager für das WRC-Verbot, doch der Verband bleibt bisher unerbittlich.

Kampf gegen die GT3-Fraktion

Ruhe ist an anderer Stelle eingekehrt. Forderten die Lenker der seriennahen Autos beim Saisonauftakt im Oberland noch vehement die Einbremsung, Umstufung oder Abschaffung der Porsche GT3, ist davon nun keine Rede mehr. DMSB-Generalsekretär Christian Schacht ließ bei drei der vier 911 Leistungsmessungen durchführen - alle Boxermotoren lagen mit etwa 390 PS innerhalb des Limits von 300 Kilowatt plus fünf Prozent Toleranz. Mitsubishi-Routinier Frank Färber polterte, dass in Zeiten moderner Motorelektronik ja wohl nichts leichter sei, als mit einem anderen Steuerprogramm beim letzten Service die Leistung runterzuregeln. Peinlicherweise wurden aber 2008 ausschließlich Gruppe-N-Teilnehmer bei illegalen Praktiken ertappt.

Ausgerechnet Frank Färber hatte Benzin mit unerlaubten Zusätzen verwendet und musste zeitweilig seine Lizenz abgeben. Beim deutschen WM-Lauf zogen die technischen Kommissare der FIA Klassensieger Hermann Gassner aus dem Verkehr, der seinen Mitsubishi Lancer an mancher Stelle etwas zu sehr erleichtert hatte. Den deutschen Regelwächtern fiel Derartiges bisher nie auf. Die angeblich so drückend überlegene Porsche-Armada konnte jedenfalls 2008 kein einziges Mal gewinnen. Waren die Straßen trocken, bremste der eine oder andere Schotterkilometer die brüllenden Heckschleudern ein. Gab es keinen Schotter, regnete oder schneite es.

Kein einziger Sieg für die Porsche

Rekord-Meister Matthias Kahle, der mit einem zunächst schlecht abgestimmten Auto beim Auftakt in Oberland noch wie ein Fahranfänger ausgesehen hatte, griff mit verbesserter Technik immerhin bei der Eifel-Rallye nach dem ersten Porsche-Sieg in der deutschen Meisterschaft seit 25 Jahren, doch ein schweres Gewitter spülte Hermann Gassner an die Spitze. Der Routinier aus Ainring sicherte sich mit zwei Siegen und konstant guten Ergebnissen zum vierten Mal den deutschen Meistertitel, weil die DRM-Konkurrenz entweder Defekte hatte, Fehler machte oder Porsche fuhr. Auf dem fünfmaligen deutschen Meister Matthias Kahle und seinem eigentlichen Arbeitgeber Skoda ruhen die Hoffnungen, der DRM wieder etwas Glanz zu verleihen.

Skoda-Sportchef Nikolaus Reichert hat beim DMSB bereits angekündigt, man wolle gern mit einem nagelneuen Allrad-Fabia nach Super 2000-Reglement antreten, doch die Finanzierung steht noch nicht. Die Sportabteilung in Tschechien fordert für eines der raren Exemplare etwa eine Viertelmillion Euro. Kahle verdiente sich mit seinem weitgehend selbst finanzierten Elfer die Tapferkeitsmedaille. Er war der Einzige der Porsche-Fraktion, der sein Versprechen hielt und auch auf dem Lausitzschotter mit dem chancenlosen Supersportgerät antrat. Kahle scheuchte sein Auto mit einem einzigen Satz Winterreifen über die Prüfungen des Braunkohletagebaus bei Weißwasser. Der GT3 trug keine Schramme davon.

Schotter-Rallye beliebter denn je

Während vielerorts Funktionäre und Veranstalter seit Jahr und Tag nach Schema F vor sich hinwuseln, gibt Lausitz-Organisator Wolfgang Rasper Gas. Erstmals gab es in der DRM ein Info-Zelt am Serviceplatz, wo sich die Fans auf einem Monitor jederzeit über den aktuellen Stand der Rallye informieren konnten. Neben der jedes Jahr aufgeschütteten Sprungkuppe, zu der Tausende von Fans pilgern, ließ er in diesem Jahr zusätzlich eine Driftkehre sowie eine Wasserdurchfahrt anlegen und umliegend Wälle aufschütten, damit das Publikum das Spektakel besser verfolgen konnte. Der einzige Schotterlauf im Kalender ist dennoch nach wie vor einigen Teilnehmern ein Dorn im Auge. Sie wollen nicht für eine einzige Rallye im Jahr rustikale Fahrwerke und Reifen anschaffen.

Angeblich sind Rallyes auf losem Geläuf zu teuer. Dem widerspricht, dass ausgerechnet die Lausitz-Rallye mit 113 Startern der bestbesetzte Lauf der Saison war. 65 Amateure füllten in der nationalen Wertung das Feld auf. Während diverse DRM-Teilnehmer durch Abwesenheit glänzten, bejubelte das Volk einen Trabbi, der sich in der Kehre überschlug und einen Volvo-Lenker, der trotz angeknackstem Federbein-Dom auf der großen Kuppe den Sprung des Tages hinlegte. Wie schon zum Herbst 2007 stand die Lausitz-Rallye wieder einmal auf der Liste der bedrohten Arten.

Geplant war ein Kalender mit sechs Asphalterallyes, darunter auch die des neuen DMSB-Präsidenten Thorsten Johne. Dessen Wikinger-Rallye wurde zwar von seiner eigenen Sportbehörde bisher nicht inspiziert, doch auch ohne den für andere Veranstalter unerlässlichen positiven Report fand sie ihren Weg in die DRM 2009. Immerhin gelang das auch wieder dem Schotterfinale. Kurz nachdem Rallye-Ausschuss-Chef Dietmar Lenz aus der Lausitz zurückgekehrt war, gab der DMSB bekannt, dass es im kommenden Jahr sieben Läufe geben wird. Die Aktiven argumentieren, die Anschaffung von speziellen Schotterteilen lohne sich eher, wenn es mehr Rallyes auf grobem Boden gäbe - doch mit dem weitgehend geteerten Status quo haben sich die Macher der Szene weitgehend abgefunden.

Fehlende Nachwuchsarbeit

Seit Jahren beklagt Rallye-Deutschland das Fehlen von starkem eigenen Nachwuchs im internationalen Geschäft als Zugpferd für die nationale Szene. In der Weltmeisterschaft wird indes überwiegend auf Schotter gefahren. Wenigstens gibt es bei einzelnen Rallyes wie in Sachsen Bestrebungen, den Schotteranteil zu erhöhen und so etwas wie eine Misch-Rallye zu kreieren. Was die Nachwuchsarbeit betrifft, will der Verband nun immerhin etwas Geld in die Hand nehmen. Bis zu 100.000 Euro als Prämie für eine Nachwuchssichtung lobte der ADAC im Sommer aus. Den Lehrgang gewann der 21-jährige Mark Wallenwein, der in einem Citroën C2 in der DRM zum Teil beeindruckende Vorstellungen ablieferte.

Doch am Ende erhält Wallenwein Junior vermutlich lediglich 80.000 Euro, denn 20.000 will man zu Hermann Gassner Junior umleiten. Der 19-jährige Sohn des Meisters scheiterte bei der Vergabe eines von Pirelli finanzierten Cockpits für die Produktionswagen-WM 2009, obwohl er beim Sichtungslehrgang unter 18 Europäern der schnellste Mann war. Angeblich ruft das Red Bull-Team von Raimund Baumschlager für eine PWRC-Saison 350.000 Euro auf, Gassner ist auf der Suche nach Geld - 20.000 Euro sind ein Tropfen auf den heißen Stein.

Als Gassner Junior in der Lausitz auf Rang drei der DRM-Wertung fuhr, stand Walter Karow als Helfer im Rallyezentrum in Boxberg. Karow organisierte bis vor vier Jahren die Rallye Wittenberg, bis Reifen-Sponsor Pneumant absprang und die Reparatur der Schotterpisten nicht mehr zu bezahlen war. Karow meint, man könne die "deutsche Rallye Akropolis" jederzeit wiederbeleben. Es fehlen 20.000 Euro.

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