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Kronprinz Wilhelm Rasanz

Prinzen-Garde

Kronprinz Wilhelm Rasanz, Renault Agatha, Seitenansicht Foto: Arturo Rivas 29 Bilder

Die Kronprinz Wilhelm Rasanz bietet ein Refugium für die Autos der Messing-Ära und erinnert an eine Wettfahrt von 1907. Ein Parforceritt durch die Zeit, vom Entschleuniger bis zur Höllenmaschine.

01.03.2014 Markus Stier Powered by

Streng genommen hätte man alles abblasen müssen oder eben auf die Historie pfeifen. Fehlende Originaltreue ist ja in der Oldtimer-Szene so verpönt wie rosa Nagellack auf einem Heavy-Metal-Konzert. Bekanntermaßen hielt Kaiser Wilhelm das Automobil für überschätzt und glaubte an die Kraft des Pferdes. Sein Bruder Prinz Wilhelm dagegen ritt gern mit der Kraft von 70 Pferden umher, und die Legende sagt, dass er sich mit seinem Mercedes im Jahre 1907 auf eine Spritztour nach Düsseldorf begab. Als der umliegende niederrheinische Adel davon Fahrtwind bekam, hechteten die Freiherrn und Barone ebenfalls in ihre Autos, um ein bisschen royalen Glanz abzubekommen.

Auslauf für die Messingautos

Mit der Wiedergeburt des Ereignisses im Jahre 2013 wollte Organisator Markus Herfort seine Kundschaft auf den Wegen des damaligen Geschehens wandeln lassen, aber die Kö sagte Nö. Wegen eines Büchermarkts war der Triumphmarsch auf der Königsallee verbaut. Aber bei der ersten Kronprinz Wilhelm Rasanz ging es nicht in erster Linie ums Nachspielen der Historie, sondern schlicht um eine Gelegenheit, den Pionier-Gefährten der Automobilgeschichte ein bisschen Auslauf zu verschaffen. Natürlich gibt es für derartige Anlässe London–Brighton, "aber da ist ja immer Scheißwetter", sagt einer der Teilnehmer unverblümt.

Immerhin 25 rüstige Fahrzeuge haben sich eingefunden zu zwei Tagestouren über insgesamt knapp 200 Kilometer von Schloss Krickenbeck zur Lüttelforster Mühle und nach Schloss Dyck und zurück. Bei den ganz alten Schätzchen ist gemeinhin immer von Vorkriegs-Autos die Rede, dabei ist mehr als die Hälfte der vorliegenden Exemplare ganz klar ein Fall von Vor-Vor-Krieg. Der Älteste ist ein Peugeot Typ 26 aus dem Jahr 1899, der den Wanderpreis gewinnt, obwohl er zwischendurch liegen bleibt.

"So ist das eben mit den alten Autos", sagt Klaus Schumacher, und der gelernte Zahnarzt hat damit den Nerv getroffen. Kaum ist das Schloss außer Sicht, fehlt es irgendwie an Vortrieb. "Ich glaube, wir schaffen’s nicht", sagt Schumacher und erklärt, die Textilkupplung seines 1900er De Dion Button sei etwas empfindlich. Schumacher ist aus dem Gröbsten raus, hat auch diverse andere Klassiker, gesteht aber: "Wenn man Spaß an Oldtimern hat, kommt man irgendwann zu Vorkrieg und dann automatisch zu Messing."

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die Halter der Untersätze mit dem mattgolden schimmernden Metall bei Kühlern und Scheinwerfern sehen sich längst als diskriminierte Minderheit. Oldtimer-Rallyes schmücken sich gern mit dem einen oder anderen Vertreter der höchsten Altersklasse, aber Temposchnitte und Streckenführung sind selten für einen De Dion Bouton geeignet. Dessen Einzylinder mit 800 Kubikzentimetern galt mit seinen 700 Umdrehungen pro Minute dereinst als schnelllaufend, entwickelte zarte 3,5 PS, was ihm zu einer Reisegeschwindigkeit von 25 km/h verhilft – außer heute. "Ich glaube, es geht nicht", klagt Schumacher. Kurz danach: ,"Die Hoffnung stirbt zuletzt." Dann wieder: "Es geht nicht." Und schließlich: "jetzt läuft er normal."

Ach, wie schön. Das restliche Feld ist schon nach zwei Kilometern vorbeigezogen, und mit Fahrradtempo lässt sich nun ganz entspannt die unaufgeregte Landschaft des Niederrheins genießen. Doch dann kommt dieser Berg. Streng genommen ist es nur ein Hügel, aber steil genug, um die 350 Kilo in arges Schnaufen zu bringen. Knuffte Schumacher seinem Beifahrer bei voller Fahrt voraus noch freudig den Ellbogen in die Seite, setzt er nun zum Tiefschlag an: "Wie viel wiegen Sie eigentlich?" Nach kurzer Episode am Abschleppseil erreicht der De Dion aber souverän den Wendepunkt auf Schloss Dyck.

Zeitsprung mit "Agatha"

Dort setzt der Chronist zum Zeitsprung an ins Jahr 1907. Das rote Renn-Gerät hört auf den Spitznamen "Agatha", und mit seinem mächtigen 7,5-Liter-Vierzylinder katapultiert es sich anfangs eher zur Seite als vorwärts. Der Renault Typ D war berühmt für fortschrittliche Technik wie Kardanantrieb. Ist erst einmal eingekuppelt, reißt die Kardanwelle das ganze Heck mit einem Ruck nach links. Rechts am Steuer sitzt Wolfgang Auge, dessen Augen mit einer feschen Schutzbrille gesichert sind. Auch wenn der Nachbau des Siegerautos des ersten Großen Preises in Le Mans 1906 für heutige Maßstäbe eher bescheidene 46 PS entwickelt, reicht der Fahrtwind schon aus, um jedes Insekt auf der Stirn des Beifahrers tödlich verunglücken zu lassen.
 
Auge beugt sich weit vor, um den dritten Gang reinzurammen, reißt kurz darauf feste am Hebel, der nur die Hinterräder abbremst und das Heck gern ausbrechen lässt. Der 67-jährige Renault-Händler schwärmt: "Da spürt man noch richtig die Maschine unterm Hintern."

Selbige erreicht schäumend das Ziel in Krickenbeck. Kochendes Wasser blubbert aus dem Kühlerdeckel – Alltag im Messingzeitalter. Die Messing-Menschen haben die Tour unter sich genossen. Sie soll nun eine Tradition werden, die vom 27. bis 29. Juni 2014 ihre Fortsetzung findet (www.anno-1907.de). Düsseldorf wird allerdings auch im kommenden Jahr nicht angefahren, und wie ein holländischer Teilnehmer weiß, aus gutem Grund: "Auf der Kö ist verkaufsoffener Samstag. Wenn unsere Frauen da mit unseren Kreditkarten losziehen, können wir uns keine Oldtimer mehr leisten."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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