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KTM X-Bow GT und 450 SX-F

Zweirad gegen Vierrad im Schnee

KTM X-Bow GT, 450 SX-F, Seitenansicht, Schnee Foto: Achim Hartmann 26 Bilder

Es wäre lange genug mild und trocken gewesen, um den KTM X-Bow GT zu fahren, doch wir kamen einfach nicht dazu. Dann eben ab in den Schnee – wo bereits eine 450 SX-F einzylindrig bollernd wartet.

07.02.2014 Jens Dralle

Natürlich könnten wir Ihnen jetzt erzählen, dass die von einem anstrengenden Skitag müden Augen des Redakteurs beim letzten Schwung auf einmal einen KTM X-Bow GT erblicken. Und zufällig steckt der Schlüssel, und ebenso zufällig parkt er an der Einfahrt zu einer Winter-Teststrecke. Und noch viel zufälliger knattert dort der österreichische Motocross-Staatsmeister auf seiner KTM 450 SX-F herum, woraus sich die launigste Après-Ski-Gaudi seit Erfindung der Schirmbar ableitet – völliger Unfug natürlich. Wir wollten es so, ganz genau so.

Die Sehnsucht nach dem neben Mehl einzig legalen und rezeptfrei erhältlichen weißen Pulver ist groß in diesen viel zu milden Tagen, und die Buben von KTM sind für (fast) jeden Quatsch zu haben. Einzig die Auswahl der Strecke fällt unter das Kapitel Zufall, denn just in der Planungsphase klingelt Post aus dem Pitztal im elektronischen Briefkasten und kündigt ein neues Testgelände an.

KTM X-Bow GT schießt über den weichen Schnee

Dort schießt nun die KTM X-Bow GT über den recht weichen Schnee, die 255 Millimeter breiten Hinterreifen hobeln hektisch die oberste Schicht des weißen Teppichs ab, jede Lamelle der Gummis sucht mit wachsender Verzweiflung nach Grip. Doch es läuft, denn der Zweisitzer wiegt nur 847 Kilogramm. Zudem hilft ein mechanisches Sperrdifferenzial, die Leistung des Zweiliter-Turbobenziners zu kanalisieren.

Hinter dem abnehmbaren und üppig beknopften Lenkrad helfen beim KTM X-Bow GT die Windschutz- und Seitenscheiben sowie die damit homologationsbedingt zwangsgekoppelte Heizung, die ganz fiesen Spitzen des nicht ganz so fiesen Winters abzuwehren. Scheiben, Heizung, ja sogar Scheibenheizung im Echte-Helden-Roadster X-Bow – der Untergang des Abendlands, mindestens aber des automobilen alpenländischen Kaiserreichs? Hm, nun, in modernen Laufschuhen zu joggen ist sicher weniger puristisch als barfuß, führt aber wiederum nicht unmittelbar zu physischen Schäden.

Schuhwerk, prima Stichwort: Das KTM-Zweirad rollt aus dem Transporter, bestückt mit frischen Spikes – und mit Lukas Neurauter, risikobereite 22 Jahre jung und amtierender Staatsmeister im Motocross. Die Angst vor einer Blamage trifft die X-Bow-Truppe jetzt wie eine Watschn, hektisch werden vier schmale Spikereifen aus dem Hänger gewuchtet. Am Leistungsgewicht lässt sich dagegen nichts mehr drehen, mit 1,8 Kilogramm pro PS stellt die 450 SX-F dem X-Bow (3,0 kg/PS) nicht die Frage, ob, sondern lediglich wie er sterben möchte.

KTM X-Bow GT gegen die 450 SX-F

"Schaut schlecht für euch aus", murmelt Lukas und reißt den Hahn auf. Noch bevor einer "Jagertee" aussprechen kann, verschwindet er mit seinem gierig ausdrehenden Einzylinder hinter der ersten Kehre des Rundkurses, groovt sich ein, macht sich locker. "Und da stellt’s ihn auf!", ruft der imaginäre Sportreporter mit viel Dramatik in der rubenbaueresken Stimme. Doch Lukas balanciert lediglich auf dem Hinterrad über die Freifläche, Szenenapplaus.

Inzwischen stecken die richtigen Reifen am KTM X-Bow GT, der 285 PS starke Vierzylinder brummt ruhig im Heck. Bereits beim Start sinkt die Hoffnung auf den Gefrierpunkt, denn die schmalen Sohlen graben sich tief in den Untergrund. Also schnell hochschalten, zweiter, dritter, vierter Gang, das maximale Drehmoment von 420 Newtonmeter ausnutzen. Die erste Kurve, anbremsen, einlenken – aahhh, deshalb stecken also Nägel in den Laufflächen. Der Grip passt, jetzt soll Lukas mal sehen, wo er bleibt.

Allerdings steht der Bursche ziemlich unbeteiligt am Rand, guckt ein bisschen gelangweilt, wärmt sich die Hände am Auspuff. Der KTM X-Bow GT wirft dagegen zum vierten Mal hektisch mit Schnee um sich, die Vorderräder schaufeln jede Menge davon auf die seitlichen Carbon-Leitwerke, am Heck klebt ständig eine Schleppe aus feinen weißen Kristallen. Gassalven lassen den Turbolader schwer atmen, sein Zischeln bricht sich an den Schneewänden. Gelegentlich staubt Schnee ins knappe Cockpit, erfrischt, schraubt die Euphorie in Höhen, die locker mit der benachbarten Wildspitze (3.774 Meter) mithalten können. An den wilden Vogel auf dem quietschbunten Moped wird kein Gedanke mehr verschwendet, soll er doch machen, was er will.

Im KTM X-Bow GT findet der Sportwagenfreund alles

Hier im KTM X-Bow GT findet der Sportwagenfreund alles, wofür er im Zweifelsfall seine Frau verlassen würde: optimal ausgeformte Sitzschalen, fesselnde Vierpunkt-Gurte, einstellbare Pedalerie, im Heck der bärige Vierzylinder. Infotainment? Klar doch! Einfach den vorderen, horizontal angeordneten Feder-Dämpfer-Elementen beim Arbeiten zusehen. Mit den Spikes verlässt der Zweisitzer den Grenzbereich nur mit etwas Gewalt, erst in den hohen Gängen gelingen die Schwünge sanfter – bei tapferem Tempo.

"Und da ist er gannzz tief unten, schön schafft er da den Übergang in den Zielhang, jetzt bloß keinen Innenskifehler!", kommentiert sich der imaginäre Sportreporter in Rage. Nicht die Spur, denn im KTM stimmt jetzt der Rhythmus. Mit einem selbstbewussten Gasstoß oder ruckartigem Einkuppeln das Heck lösen, dann geschickt auf dem Gas balancieren.

Der Schnee entzickt das Mittelmotorkonzept, die Schwünge gelingen sanfter als auf Asphalt, wo die Haftung extrem lange aufrechterhalten bleibt, bevor sie schlagartig abreißt. Selbst die Lenkwinkel passen, da hatten wir Schlimmeres befürchtet – zählt doch die servofreie Lenkung zum Direktesten, was Autofahrer in die Hände bekommen können.

Einzig die Temperatur verlangt nach Aufmerksamkeit, denn Runde für Runde klebt mehr Schnee vor den Kühlern des Mittelmotor-Fliegers. "Puh, das war knapp, beinahe hätte er hier eingefädelt", kommentiert das Unterbewusstsein munter weiter, während eine Schneewand längsseits bedrohlich nahe kommt. Der Schneefall wird stärker, der Scheibenwischer des KTM X-Bow GT muss kämpfen.

Lust auf ein kleines Spielchen

Lukas scheint wieder Lust auf ein kleines Spielchen bekommen zu haben: "Ihr wolltet’s doch a klaanes Rennen foahn, oder?" Ja ja, wenn es denn sein muss. Völlig ungerührt beschleunigt er die 450er irrwitzig schnell, und es wirkt in keiner Sekunde so, als würde der gelernte Zimmermann die Kontrolle verlieren. In den engen Ecken muss Lukas zwar stark Tempo herausnehmen, denn zum kontrollierten Querfahren auf zwei Rädern schlägt der Untergrund zu starke Wellen – wir haben es vielleicht ein bisschen übertrieben. Jedenfalls lässt der Staatsmeister eine würdige Zeit auf der Stoppuhr stehen.

Und jetzt könnten wir Ihnen wieder Geschichten erzählen. Dass in den Spikes des KTM X-Bow GT nicht mehr genug Nägel waren, um der Cross-Maschine gefährlich zu werden. Oder dass der Schnee zu weich war. Oder oder oder. Doch das wäre wieder Unfug, natürlich. Denn wir wollten es ja genau so – und nicht anders.

Winterfahranlage Pitztal

Im österreichischen Mandarfen, auf 1.700 Meter Höhe, liegt die neu errichtete Winterfahranlage. Auf dem 4,5 Hektar großen Areal können mehrere Strecken mit unterschiedlichem Profil angelegt werden. Derzeit ist das Gelände nur für Gruppen buchbar.

Infos unter www.pitztal.com/de/bergwinter/alpine-winterfahranlage

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft