Kühlerfiguren: Emily auf Ecstasy, Jaguar auf dem Sprung

Kühlerfigur Abarth

Von Motorhaube und Grill sind die Kühlerfiguren mittlerweile weitgehend verschwunden. Doch Stern, Emily oder das beflügelte "B" kennt auch heute noch jedes Kind.

Jahrzehntelang gehörten Kühlerfiguren zum Auto wie vier Reifen und ein Lenkrad. Markengesichter und "Corporate Identity" waren zumindest in der Autoindustrie noch nicht erfunden und so sollten die Signets der Autohersteller auf oder am Kühlergrill weithin erkennbare Zeichen geben von Strahlkraft der Marke und Potenzial des Fahrzeugs. Die bekannteste Kühlerfigur der Welt ist nach wie vor die "Spirit of Ecstasy". Keine neue Modedroge in Form von Pillen oder Pülverchen, sondern sie ziert seit automobilem Gedenken das Gesicht jedes Rolls-Royce, der je die erlauchten Werkshallen verlassen hat. Im Volksmund hat sich das prägnante Signet als "Emily" in die Köpfe der Autofans gebrannt.

Und selbst wer mit derartig benzinverseuchtem Gedankengut nicht viel im Sinn hat, kennt das Markenlogo aus dem Hause Rolls-Royce aus der bewegten Geschichte. Kein Wunder: die Emily von Rolls-Royce ist genauso bekannt wie das grüne Lacoste-Krokodil. Wer die Emily von Rolls-Royce vor Augen hat, der verbindet mit dem Namen Jaguar nicht nur das entsprechende Raubtier, sondern auch die britische Automobilmarke, die in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag feiert und längst in indischer Tata-Hand ist. Der springende Jaguar unterstreicht wie kaum ein anderes Logo sowohl Eleganz und Sportlichkeit – zwei Tugenden, die sich die Briten seit den Anfängen des Jaguar 100 SS auf die Fahnen geschrieben haben.

Mercedes-Stern auf Kugelgelenk-Umlaufbahn

Das bekannteste deutsche Markensignet in der Automobilbranche ist der Mercedes-Stern. Über die Jahre vielfach verändert, prangte der umrundete Dreistern seit den Anfängen der gemeinsamen Arbeit von Daimler und Benz auf den imposanten Kühlern aus Stuttgarter bzw. Sindelfinger Produktion. Der gute Stern auf allen Straßen verzierte stolz und majestätisch jegliche Kühlerdeckel. Doch im Rahmen von Unfallforschungen stand die imageträchtige Kühlerfigur schneller in der Kritik als ihr lieb war. Bereits 1959 wurden heraus- bzw. feststehende Kühlerfiguren im deutschen Straßenverkehr verboten. Mercedes reagierte und spendierte seinem stramm im Wind stehenden Markenlogo fortan ein Kugelgelenk. Beim Aufprall klappte der stolze Stern nach hinten. Problem nur, dass der wegklappende Stern bei den Dieben an Reiz noch zunahm. Kaum ein Mercedes-Kunde musste im Laufe seines Eigentums nicht das ein ums andere Mal in den Mercedes-Zubehörshop, um den entwendeten Stern durch einen neuen zu ersetzen.
 
Derartige Probleme haben Hersteller wie Volkswagen, Opel oder BMW nicht. Das VW-Markenlogo prangt seit je her genietet, geklebt oder gesteckt auf Motorhauben und Abdeckungen. Nicht anders sieht es mit dem wohl schönsten Markenlogo aus, das ein deutscher Autohersteller in den Wind steckt. Den blau-weißen Rotor in den bayrischen Landesfarben kennt weltweit fast jeder. Doch auch das runde Logo stand nie steil im Wind, sondern befand sich zumeist auf Hauben, Grills und Abdeckungen. Auch Audi als Markennachfolger von so renommierte Herstellern wie NSU, Horch oder Autounion ließ sein Markensignet zumeist auf sicherem Untergrund befestigen. Einst hatte das bei Horch mit Pfeil und Bogen noch deutlich majestätischer ausgesehen.

Honqi mit Fahne unterwegs

Einer besonders großen Beliebtheit erfreuen sich die Kühlerfiguren in China und den USA. Nach dem Untergang zahlreicher amerikanischer Traditionsmarken sind die sensationelle Signets von Pontiac, Plymouth oder Packard bereit seit längerem verschwunden. Bei Honqi, der chinesischen Staatsmarke, sieht es anders aus. Die rote Fahne (übersetzt Honqi) befindet sich als smarte Finne auf allen Modellen des elitären Herstellers. Bei den neueren Modellen wird diese im Dunkeln sogar sanft illuminiert, um so Eleganz und Markennoblesse noch weiter zu steigern.

Deutlich pragmatischer präsentierten sich zumeist die Südeuropäer bei ihren Logos. Nüchtern, fast schon lieblos prangten seit den Gründertagen die Logos von Fiat, Seat oder Lancia auf den entsprechenden Fahrzeugen. Die Namen wurden zumeist zusammengesetzt aus entsprechenden Abkürzungen oder basierten auf den Namen der Markengründer. Als besonders schönes Markenemblem kommt nicht nur Alfisti das beeindruckend schöne Logo von Alfa-Romeo in den Sinn. Das Mailänder Wappen und die Visconti-Schlange zierten das blau-weiß-rot-grüne Firmenlogo. Zunächst gab es den Schriftzug "Alfa Milano" mit zwei geschwungenen Knoten, ein Symbol des Haus Savoyen. Nach der Übernahme der Firmengeschäfte durch Nicola Romeo im Jahre 1915 wurde der Schriftzug in "Alfa Romeo" umgewandelt.
 
In Zeiten, in denen Image und Markenwirkung über alles geht, kommt den Logos eine immer wichtigere Bedeutung zu. Doch das Zeitalter der Kühlerfiguren, die sich stolz in den Fahrwind stemmen, ist vorbei. Wer es noch einmal wieder aufleben lassen möchte: Im Auto- und Technikmuseum in Sinsheim startet am 16. September eine Ausstellung zum Thema Kühlerfiguren. Ein Besuch lohnt sich – bis zum 31. März 2011.

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Stefan Grundhoff

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