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Lamborghini R 503

Roadster-Feeling beim Obstbaum-Slalom

Lamborghini R 503, Cockpit, Fahrer, Seitenansicht Foto: Hardy Mutschler 17 Bilder

Tagträumereien sorgen manchmal für unvernünftige Internet-Recherchen. Schon landet man beim günstigsten Lamborghini überhaupt - einem Traktor. Den Lamborghini R 503 sind wir auch gleich gefahren.

16.11.2012 Marcus Peters

In Oberbalzheim, einem Flecken, wo sich bayrische Zünftigkeit mit baden-württembergischer Bedächtigkeit vermischt, finden wir ihn: Deutschlands billigsten Lamborghini. Er kostet 4.900 Euro und steht bei der Firma Classic-Speed. Die bekannteste unter den Auto-Suchmaschinen hat uns den Weg zum bezahlbaren Traum auf vier Rädern gewiesen – einem Traktor.

Natürlich war die Intention der Suchanfrage eine andere, schließlich gibt‘s da eine große persönliche Affinität zu italienischen Exoten. Doch den Internet-Algorithmen sind diese Vorlieben offensichtlich fremd, was den gläsernen User schon wieder beruhigt. Trotzdem weckt der epic fail, wie man heute den drolligen Irrtum der Suchmaschine nennen würde, die Man-sollte-könnte-müsste-Gedankenspiele. Also hinfahren und schauen, ob bei der Probefahrt der Funke zum Lamborghini R 503 überspringt.

Lamborghini R 503 in unrestauriertem Originalzustand

Die Spannung steigt, als der nebenberufliche Händler Rainer Funk am Schloss nestelt, um den Exoten seines Angebotes zu präsentieren. Dieser parkt in der Scheune des Nachbarn, was sicherlich ein cleveres Versteck für einen Lamborghini ist – von Dieben dort wohl nie vermutet. Als sich das große Tor öffnet, fällt Sonnenlicht aufs Heck. Die Karosserie ist in zurückhaltendem Weiß lackiert und reichlich patiniert. Anders ausgedrückt: Der Lamborghini R 503 scheint sich in unrestauriertem Originalzustand zu befinden – so lieben das Sammler. Ebenso wichtig: Die Bedienungsanleitung ist vorhanden, und die Vorbesitzer-Historie lässt sich anhand des Briefes einwandfrei nachvollziehen. In der Anzeige wurde mit fünf Ausrufezeichen darauf hingewiesen, dass es sich um eine gute Kapitalanlage handele. Ebenso, dass eine Oldtimer-Zulassung möglich sei. Schließlich ist es ein Baujahr 1980.

Also hinaufklettern auf den Führerstand, was beim Lamborghini R 503 ähnlich komplex ist, wie unter Flügeltüren abzutauchen: Der rechte Fuß – das ist entscheidend – muss aufs Trittbrett steigen, damit der linke die Stufe zum Bodenblech nehmen kann. Dann schwingt sich der rechte über den Schaltknüppel in Richtung Brems- und Gaspedal. Man kann dabei seine Beine verknoten, was lächerlich unbeholfen aussieht.

Der nächste kritische Moment ist das erste Mal Anfahren. Abwürgen deklariert einen zum Deppen, weshalb man die Kupplung auf keinen Fall zu schnell kommen lassen, andererseits aber nicht zu viel Gas geben darf. Sonst klingt es nach Fahrschule. Hier benimmt sich der Lamborghini R 503 übrigens ähnlich wie die Achtziger-Jahre-Sportwagen der gleichen Marke.

Lamborghini R 503 mit mehr PS als Porsche-Trecker

Inzwischen ist der Dreizylinder warmgelaufen; Rainer Funk hat ihn mittels Überbrücken aus dem Tiefschlaf geweckt. Nachdem er ein paar Rußschwaden durch den Auspuff gehustet hat, tuckert der 2,8-Liter gelassen vor sich hin. Er musste in den vergangenen beiden Jahren nicht gerade häufig ran, nur zum Holzmachen, wie man sich auf dem Lande ausdrückt. "Dafür hatte ich früher einen Porsche-Traktor. Aber der Lamborghini R 503 hat mehr PS, damit konnte ich schneller fahren", erklärt der Händler. "Jetzt verkaufe ich ihn, weil er nur noch rumsteht."

Dass die italienischen Modelle meist kräftig motorisiert waren, scheint heute klar. Schließlich baute der gleiche Signore Lamborghini nicht nur Schlepper, sondern später auch Sportwagen, genauso wie übrigens Heizanlagen. Böse zeitgenössische Zungen wie etwa Enzo Ferrari hatten behauptet, Ferruccio Lamborghini könne bessere Landmaschinen als Autos bauen. Interessanterweise waren die Trecker schon in den Siebzigern und Achtzigern sehr begehrt, aber teuer. Parallelen zu den Straßenboliden gibt es demnach – übrigens auch beim Fahrverhalten: Bei beiden muss der Fahrer hinlangen. Das Lenkrad steht unergonomisch flach, die Pedale fordern trainierte Waden, Servo-Hilfen gibt es nicht.

Test-Wiese und Obstbaum-Slalom

Rainer Funk empfiehlt, im zweiten Gang anzufahren, der erste sei nur für Hängerbetrieb. Mit einem leichten Ruck setzt sich Lamborghini R 503 in Bewegung und nimmt Tempo auf. Durch ein verwirrendes Schaltschema (eins, zwei unten – vier, drei oben) geht es in den Dritten, dann Vierten. Der Fahrtwind bläst ins Gesicht – echtes Roadster-Feeling, schließlich gibt es weder Scheiben noch Türen. Wir bleiben tapfer auf dem Gas, doch vor dem Ausdrehen ist die Test-Wiese zu Ende.

Nächster Versuch: Slalom durch die Obstbäume. Sie stehen eng, was schnelles Kurbeln erfordert. Das Grip-Niveau der feuchten Wiese ist niedrig, und die kaum profilierten Vorderreifen sorgen für starkes Untersteuern. Im Überschwang frage ich mich, ob mit dem Hecktriebler wohl ein Drift drin wäre – und verwerfe die Idee gleich wieder. Es gibt schon genug Geschichten von umkippenden Traktoren. Bei diesem hier wäre es zu schade, ist es doch Deutschlands billigster Lamborghini.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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