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Reportage

Defender bei den Royal Marines

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Mit einem Defender durch tiefes Wasser und brusthohe Wellen zu tuckern verlangt ein bisschen Vorbereitung und starke Nerven – die Übungen stammen noch aus der Zeit des zweiten Weltkriegs. So bereitete man sich auf die Landung in der Normandie vor. Was Mark Saville alles bei einem Ausflug mit den Royal Marines erlebt...

25.09.2010 Powered by

Mit harten Stößen klatschen die Wellen gegen die Türen des Land Rover. Sie schwappen durch die Fenster, eiskaltes Seewasser ergießt sich über mich. Ich trage einen wasserfesten Angleranzug und Rettungsweste. Trotzdem fühle ich mich ungeschützt – es ist kein alltäglicher Offroadausflug. Das ist der reine Wahnsinn. Doch der 90er kämpft sich unbeeindruckt zum Landungsboot vor, das ein paar hundert Meter vor der Küste im aufgewirbelten Nordatlantik liegt. „Kannst du die weiße Markierung am Ende der Rampe sehen?“ Mein Instruktor Phil Royle gibt mir Anweisung: „Du musst genau auf sie zufahren und sie in die Mitte der Motorhaube nehmen.“

Mitten im Dezember hinaus auf’s offene Meer

Es ist das Gruseligste, was ich je in einem Defender erlebt habe. Ein tiefes Flusswasser zu durchqueren mag schon eine Sache sein, doch mitten im Dezember aufs offene Meer hinauszufahren ist eine ganz andere Liga. Vor ein paar Minuten stand ich noch frierend am Strand von Devon, hielt nach dem Militärschiff Ausschau. Schwarze Sturmwolken zogen auf, als warteten sie nur darauf, mir die Hölle heiß zu machen.

Da erkannte ich eine dunkle Silhouette – das 168 Tonnen LCU10 (Landing Craft Utility Mk10) – nur wenige hundert Meter entfernt. Es gibt keinen Weg zurück. Ich mache mich auf. Bald stecke ich bis zum Hals im Meerwasser, genau auf der Hälfte der Strecke zwischen Strand und Boot. Der Land Rover ist mit 500 Kilogramm im Heck beladen, damit er alle Räder auf dem Boden behält. „Achte auf die Bugwelle, sie muss vor dir bleiben“, brüllt Phil.

Diese Bugwelle verdient ihren Namen

Niemals vorher wurde eine Bugwelle ihrem Namen so gerecht wie heute. Ich versuche, das Ende der Motorhaube zu erkennen, während sich der Atlantik weiter seinen Weg in unsere kleine Kabine bahnt. Der Defender, in dem wir sitzen, ist einer von 630 seiner Art. In Marinekreisen auch als Land Rover TUL HS WW bekannt, was so viel heißt wie: Truck Utility Light High Specification Waterproofed Winterised – also Lastwagen für leichte Zwecke, mit hoher Spezifikation, wasser- und winterfest.

Der Spezial-Defender schafft Wassertiefen bis 1,5 Meter

Hinter dem Projekt steckt eine kleine Mannschaft, die direkt in Solihull sitzt. Von den Marines wird sie nur als Team Wolf bezeichnet. Obwohl ein Großteil der wasserfesten Bauteile bei diesen Modellen auf Sonderwunsch schon ab Werk eingebaut wird, bleibt die Wattiefe unverändert. Erst nachdem die Wölfe den Defender in den Fingern hatten, schafft dieser Tauchgänge von mehr als 1,50 Meter Tiefe. „Als wir Land Rover um eine Sonderanfertigung des Defender für 1,50 Meter Tauchgänge baten, wussten die nicht, wie sie das realisieren sollten.“ So entwickelte das Team um den verantwortlichen Offizier Dave Tucker eben selbst ein Konzept. Zusammen mit den Fachleuten von Land Rover sammelten sie dabei viel Erfahrung.

50x im Jahr geht es ins Meer

Beim Defender änderten sie als Erstes die Lichtmaschine, packten sämtliche elektrische Kontakte nach oben, entfernten die Schläuche der Standheizung und steckten Gummistöpsel auf die Öffnungen. Zuletzt wurde der Luftfilterkasten speziell versiegelt. „Wir sind die einzige Einheit der Welt, die Land Rover präpariert und Soldaten darauf trainiert, durch anderthalb Meter tiefes Wasser zu fahren“, sagt Tucker. „Wir haben 15 Defender in der Flotte, zwölf 90er und drei lange 110er – jeder von ihnen geht mindestens 50-mal im Jahr ins Meer, mit je 250 Kilogramm Ballast an Bord – bei rauer See nehmen wir eine halbe Tonne mit.“

Doch was für die Jungs hier Alltag ist, fühlt sich für mich sehr beklemmend an. Ich könnte gemütlich an einem Kamin sitzen und Glühwein trinken – stattdessen tauche ich durch ein Unwetter im Nordatlantik. Denn schon wieder schwappt eine mächtige Welle über das Armaturenbrett. Vor allem mit den Vorderrädern würden die Defender gern in den weichen Meeresboden einsinken. Hinten hebe es dafür die Achse oft an. Etwas mehr Mut könnte mir mein Instruktor schon machen. Langsam nähern wir uns dem Landungsboot. Eigentlich dürfte nichts passieren. Als Rettungsmobil für den Fall der Fälle steht eine der seltsamsten Maschinen bereit, die ich je gesehen habe: das BRV (Beach Recovery Vehicle), auch als das Nilpferd bekannt. Es wiegt 55 Tonnen und hat genug Saft, um gestrandete Fahrzeuge jeder Größe wieder zurück aufs Landungsboot zu schieben. Es gibt nur vier Stück davon auf der Welt. Zwei sind hier stationiert, bei der ersten Angriffstruppe des elften Geschwaders der Royal Marines, Instow, Devon (England).

Jetzt soll es den Land Rover retten, falls er es nicht bis zum Schiff schaffen sollte. Langsam wird es eng. An den Seegang habe ich mich ja schon gewöhnt. Doch jetzt soll ich die Rampe treffen. Und dann muss der Landy es noch hinaufschaffen. Wie ein Fels in der Brandung liegt das LCU direkt vor mir. Plötzlich ein Ruck. Das muss sie sein, die Rampe. Langsam bäumt sich der Vorderwagen vor mir auf. Der 90er heult und zieht sich mit aller Kraft die steile Rampe hinauf. Eine gewaltige Ladung Seewasser ergießt sich in einem Schwall zurück ins Meer. Wir haben es geschafft. Durch die vielen Öffnungen tropft der letzte Rest. Ich kann endlich aussteigen. Doch halt – zu früh gefreut. Die Matrosen lotsen mich auf eine kleine Rampe mitten auf dem Boot. Einen Moment später halte ich auf einer riesigen Drehscheibe für Autos. „Bevor wir die hatten, mussten wir den Defender in 50 Zügen wenden“, sagt mein Instruktor Phil. „Das dauerte ewig und hat uns eine Menge Beulen beschert.“ Wie meint er das? Warum müssen wir das Auto hier drehen? Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ein Hebel wird bewegt. Ein Ruck geht durchs Auto. Es dreht sich. Ich merke noch, wie eng es hier an Bord ist. Dann blicke ich wieder aufs Meer. „Füße überall runter“, meint Phil. „Lass ihn einfach im Leerlauf die Rampe runterklettern.“

Kurz darauf verschwindet die Motorhaube wieder in den Wellen und die See spült sich eiskalt in die Kabine zurück. Doch mit dem Strand vor Augen fühlt es sich nicht ganz so traumatisch an. Es ist viel leichter mit dem Wissen, dass fester Boden vor uns liegt und nicht irgendein wackliges Schiff. Außerdem fahren wir jetzt mit den Wellen. Und die haben den Strand bis jetzt immer sicher erreicht. Dann ist es vorbei. Wir erreichen das Ufer und stellen uns neben die anderen Land Rover. Jetzt sind die Marines an der Reihe. Ein paar stehen schon für die Übung bereit.

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