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Land Rover-Testgelände

Die Offroad-Spielwiese am Eastnor Castle

Land Rover Testgelände Foto: Reinhard Schmid 23 Bilder

Seit den sechziger Jahren ist Eastnor Castle ein Teil der Land Rover-Historie. Auf dem Gelände der Burg wurden nicht nur Range Rover erprobt, sondern auch Royals aus dem Dreck gezogen.

10.05.2009 René Olma

Es ist eine Welt wie aus einem Rosamunde-Pilcher-Roman: eine liebliche englische Landschaft mit Hecken, Wäldern, schmucken Dörfern mit Fachwerkhäusern inklusive uriger Pubs und einer Burg. Nichts Besonderes also im Westen der britischen Insel, kurz vor Wales. Sieht man einmal von Eastnor Castle ab. Hier werden täglich Offroader bis über das Limit hinaus durch Tümpel, schlammige Pisten und adrenalinfördernde Steigungen getrieben. So manche Wildnis sieht dagegen wie ein gut gepflegter Schlossgarten aus.

Land Rover-Tests auf dem Burggelände

Das Gelände der 1820 erbauten Burg ist der Ort, an dem jedes Land Rover-Modell seine Fähigkeiten beweisen muss. Dass es dazu kam, liegt vor allem am Vater des heutigen Burg-Besitzers James Hervey-Bathhurst: In den fünfziger und sechziger Jahren nutzt Benjamin Hervey-Bathhurst diverse Land Rover auf seinem Anwesen. "Es gab keinen Ort, an den er nicht hinkam." Der pensionierte Offizier, für alle nur "Major Ben", ist vom Allradler überzeugt. Eine Begeisterung, die er auch Land Rover mitteilt. Als die Techniker der rund 80 Kilometer entfernt in Solihull bei Birmingham ansässigen Firma dann 1961 ein Gelände für Testfahrten suchen - das alte Areal neben dem Werkwar zu klein für intensive Erprobungen -, erinnert sich ein Mitarbeiter an den Major. Der hat nichts gegen solche Fahrten auf seinem Grundstück. Und was mit Versuchen am nie in Serie gegangenen Modell 129 beginnt, entwickelt sich bald zu einer dauerhaften Beziehung.

Enge Forstwege und heftige Steigungen

Die engen Forstwege und zum Teil heftigen Steigungen bieten sich geradezu dafür an, Prototypen auf Herz und Nieren zu testen. Für die Familie Hervey-Bathhurst sind die Besucher eine willkommene Einnahmequelle. Denn das Einkommen aus Land- und Forstwirtschaft ist zu gering, um das Anwesen mit seinen 97 Räumen zu unterhalten. Allerdings ist Major Ben viel zu sehr echter englischer Gentleman, als dass er die zahlenden Gäste nur als Geldquelle sähe. "Für ihn gehörte Land Rover zur Familie", erinnert sich sein Sohn. Dass Major Ben nachmittags Tee und Sandwiches zu den über ihren Entwicklungen brütenden Männern bringt, ist für ihn selbstverständlich.

Range Rover: Urvater aller SUV

Die Einflüsse des Burgherren gehen sogar noch weiter. 1966, nach der Rückkehr von einer US-Reise, empfiehlt er den Land Rover-Ingenieuren, sich den gerade in Übersee vorgestellten Ford Bronco einmal genauer anzusehen. Ein Tipp mit Folgen, wie der 1970 präsentierte Range Rover beweist, der heute als Urvater aller Sport Utility Vehicles gilt. Vom Prototypen-Stadium bis zur Serienreife wird der Range in Eastnor erprobt. Seitdem gilt hier für alle Produkte des Hauses ein Testlauf schon im frühen Entwicklungsstadium als Pflichtprogramm.

Tests in Eastnor gehören zum Pflichtprogramm

Mit entsprechender Zuversicht beginnt die Testfahrt im aktuellen Range Rover V8-Diesel über die schlammigen Waldwege. Mit an Bord ist Roger Crathorne, auf der Insel als "Mister Land Rover" bekannt. Der 62-jährige Leiter der technischen Kommunikation gilt als wandelndes Lexikon der Land Rover-Markengeschichte und weist den Weg durch das Dickicht an Pfaden. An einer Gabelung vor zwei gefluteten Abschnitten lotst er uns nach rechts. "Für die andere Seite ist der Range ein wenig zu breit." Der silberne Offroader taucht ins Wasser. Die Böschung würde ein Öffnen der Türen nun unmöglich machen. Vor dem Wagen baut sich eine beachtliche Bugwelle auf. Von unten gurgelt es verdächtig.

Was ist noch mal die maximale Wattiefe laut Handbuch? "70 Zentimeter", sagt Crathorne. Und die Wassertiefe hier? "Ein Meter", antwortet der Brite, ohne eine Miene zu verziehen. So viel zu Werksangaben. Und das ist eine der einfachsten Passagen. Ein Training in Eastnor macht auch die Teilnehmer der Camel Trophy fit für alle Eventualitäten im Dschungel. Wenn das Gelände nicht schwierig genug ist, wird nachgeholfen. Als die Organisatoren des legendären Offroad-Events nach zwei tiefen Löchern verlangen, greift Major Ben kurzerhand zum Telefon. Bei seinen ehemaligen Kameraden vom Militär hat man das passende Material, um große Löcher zu schaffen.

King Hussein’s Bomb Hole

"Die Truppe wollte ohnehin eine Panzermine testen, und so machten sie es eben hier. Mein Vater bestand allerdings darauf, den Auslöser selber zu drücken", erinnert sich Sohn James. Den Krater gibt es noch heute. Seit sich der damalige König von Jordanien bei einem Besuch darin festgefahren hat, wird er auf den Karten nur noch als "King Hussein’s Bomb Hole" bezeichnet. Fast jede Ortsbezeichnung birgt eine weitere Geschichte. Der "Gearbox Hill" etwa, eine deftige Steigung mitten im Wald, dient als Härtetest für den Antriebsstrang.

Vorwärts hoch, rückwärts wieder runter lautet die Devise. Das Gebüsch unterhalb des Hanges kündet davon, dass es dabei auch schon einmal unplanmäßige Abstecher in die Botanik gibt. Etwas umständlich zu befahren ist die Camel Bridge, eine Baumstamm-Konstruktion aus den Zeiten der gleichnamigen Rallye: Sie liegt in einem Tal. "Runter kommt man nur, wenn ein zweites Fahrzeug per Windenkabel sichert."

Bedingungen wie Eastnor im Sommer

Letzte Zweifel am Schwierigkeitsgrad des Geländes räumt Crathorne mit einer weiteren Anekdote aus: 1971 mühten sich zwei Range Rover bei der Erstbefahrung der kompletten Pan Americana meterweise mit Hilfe von Winde und Motorsägen durch den Darien Gap, ein unerschlossenes Stück sumpfigen Urwalds zwischen Panama und Kolumbien. Ihr knapper Lagebericht per Telex: "Bedingungen wie Eastnor im Sommer." Immerhin: Die beiden Range Rover hielten die Strapazen durch, wenn auch mit erhöhtem Ersatzteil-Verbrauch.

Einer der ersten Range Rover-Zweitürer wartet im Deer Park, einem Parkgelände gegenüber der Burg, auf eine kleine Probefahrt. Vom aktuellen Modell unterscheiden den 3,5-Liter-V8 Welten. Spartanisch wirkt der Innenraum mit den tiefen Scheiben. Ein Schwestermodell fuhr Major Ben. Sein Sohn James setzt auf Land Rover nur noch als Arbeitsgeräte auf dem Gut. Privat fährt er keinen Range Rover, sondern einen Skoda Octavia. Zumindest hier weicht die Realität von den Klischees eines Kitschromans ab.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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