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Le Jog 2007

Von Land’s End nach John O‘Groats

Foto: Mike Johnson 22 Bilder

LeJog, die 74-stündige Hetzjagd quer durch ein nasskaltes Großbritannien, gilt zu Recht als härteste Rallye der Welt. Dem Motor Klassik-Team im gelben Opel Kadett GT/E stand das Wasser jedenfalls oft bis zum Hals.

18.03.2008 Hans-Jörg Götzl Powered by

Mann, was sind wir doch für Memmen. Robert Carlyle dagegen, das war ein Kerl: Der marschierte im Jahr 1879 zu Fuß die 874 Meilen von Land’s End nach John O‘Groats und schob bei der Gelegenheit eine Schubkarre vor sich her. Wie lang der Cornishman benötigte, ist nicht überliefert; der Rekord zu Fuß liegt jedenfalls bei neun Tagen und zwei Stunden. Noch mal fünf Tage und zehn Stunden länger waren Michael Arets und Mike Day mit dem Fahrrad unterwegs. Ganz schön lang? Ansichtssache - schließlich hatte jeder der beiden Briten auch nur ein Rad.

Unterwegs in Walter Röhrls Trainingsauto

Unser Opel Kadett C GT/E dagegen besitzt, wie es sich gehört, an jeder Ecke eines. Dazu verfügt das ehemalige Trainingsauto von Walter Röhrl über einen unerschütterlichen Zweiliter-Reihenvierzylinder mit 150 PS, ein robustes Vierganggetriebe und eine Sperre an der Hinterachse. Außerdem an Bord: zwei Schalensitze, Überrollkäfig, Halda-Twinmaster und Leselampe. Am Material kann es also nicht liegen, dass uns schon vor dem Start zu LeJog mulmig wird.

"Sag mal", fragt Teamkollege Christian Rüter, nachdem wir bei der Einschreibung in Land‘s End eine Karte mit der allgemeinen Route, Instruktionen für die ersten Sonderprüfungen sowie einen vorbestellten Karton mit 31 Detailkarten im Maßstab 1:50 000 erhalten haben: "Diese Rallye hier hat nichts mit dem zu tun, was wir bislang gemacht haben, oder?"

Äh, nein", entgegne ich - "nicht wirklich." Tatsächlich sind auch andere Rallyes nichts für Chorknaben, der Winter Trial beispielsweise. Doch die 74- stündige Parforcejagd quer durch ein winterlich nasskaltes und zumeist dunkles Großbritannien vom äußersten Zipfel in Cornwall bis zum entferntesten Punkt in Schottland spielt nochmals in einer anderen Liga.

Seit 15 Jahren eine der härtesten Oldtimerrallyes

Als der Brite John Brown diesen groben Unfug 1993 ins Leben rief, wollte er sich bewusst von den gern eher glamourösen Klassiker-Rallyes herkömmlicher Bauart abheben und eine Herausforderung schaffen, die an die legendären Langstreckenfahrten der Fünfziger und Sechziger erinnert: Damals kugelten die Piloten nach durchfahrenen Nächten bei Zeitkontrollen schon mal bewusstlos aus dem Auto - jeder, der es überhaupt ins Ziel schaffte, konnte sich als Sieger fühlen. Und wie bei den Vorbildern eilte LeJog in der Oldtimerszene bald ein nahezu mythischer Ruf voraus: An anderen Rallyes hat man teilgenommen, LeJog hingegen überlebt.

Vor einigen Jahren übereignete Brown seine Veranstalterorganisation HERO (Historic Endurance Rallying Organisation) an den Waliser Peter Nedin, der orthographisch korrekt in einem Ort mit vielen Y lebt: Ynysymaerdy. Nedin wiederum tat das einzig Richtige - er beließ bei LeJog alles wie gehabt.

Und so sitzen wir zusammen mit den anderen knapp 50 Teams im Land’s End Hotel an Englands Südküste, schauen abwechselnd in die Karten und auf die kochende See, fragen uns, wann der Sturm die alte Hütte einfach hochhebt und über die Klippen schmeißt, und übertragen die Strecken für die ersten Sonderprüfungen in die Detailkarten. "Mann, ist das eine Schinderei", brumme ich. Peter Nedin grinst nur und meint: "Das muss so sein, das ist Le Jog."

Auf schmalen Feldwegen durch atemberaubende Landschaften

Im einfachsten Fall besteht der Streckenaufschrieb für eine der 28 Gleichmäßigkeitsprüfungen und sieben Navigationsabschnitten aus simplen Abbiegevorschriften. Meist jedoch müssen auf den Detailkarten jede Menge geographischer Höhepunkte oder Ortskoordinaten gesucht und auf dem kürzesten Weg angefahren werden. Das Ganze natürlich in ein entsprechendes Zeitschema gepresst, das je nach Streckencharakteristik und Untergrund eine Fahrweise erfordert, die von halbwegs flott bis halsbrecherisch reicht.

Auf Bestzeit geht es schließlich bei den zwölf Tests auf abgesperrter Piste, und die erste dieser Prüfungen wartet am nächsten Morgen 300 Meter nach dem Start. Peter Nedin hebt die schwarzweiße Cornische Flagge ("der Union Jack wird hier nicht so gern gesehen") - und los. "Pass auf, es ist zum Teil fürchterlich rutschig", warnt Christian und verweist auf den 1935er Bentley von Elliot Dale, dessen respektable Zeit nur unter Verlust der hinteren linken Radabdeckung zustande gekommen war.

In wilden Schwüngen windet sich der schmale Feldweg über die Klippen am Ende der Welt. Es ist in der Tat ziemlich glatt: Am Ende sollen wir nämlich sauber mit dem Zielstrich zwischen den Fahrzeugachsen zum Stehen kommen. Dummerweise schlittere ich mit blockierenden Rädern ein Stück zu weit. "Drüber", ruft der Streckenposten fröhlich und trägt uns die ersten Strafpunkte ein. Very kind, thanks.

Mittels der Karte mit eingezeichneter Route navigiert Christian uns nun Richtung erster Regularity Section (Gleichmäßigkeitsprüfung) hinter Penzance. Über kleinste Wege eilen wir im Zickzack durch eine karge, windumtoste Landschaft, alle paar Kilometer steht ein Kontrollposten und trägt uns die Zeit in die Bordkarte ein. Als wir den dritten Posten erreichen, fängt es ansatzlos an, aus Eimern zu kübeln. "Die letzten beiden Kontrollen waren sonnig", merke ich an, als der Marshal die Karte entgegennimmt. "Ich wünsche euch auch einen schönen Tag", zischt er und zieht seine Kapuze enger zu.

Es folgen der nächste, mit Pylonen abgesteckte Test auf einem Schulgelände, eine Zeitkontrolle in einem Pub an der Strecke, eine Regularity Section durch das unheimliche Bodmin Moor und die nächste Prüfung. Zeit für einen Imbiss bleibt keine, wir ernähren uns von den wohlweislich mitgebrachten Vorräten - Schwarzbrot und Landjägern. Die nächsten drei Tage werden wir uns fühlen wie auf der Flucht.

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