Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Le Mans Classic

Mans Amour

Foto: Frank Herzog 26 Bilder

Seit 1923 liegt die Lieblingsstrecke aller Langstreckenfahrer im französischen Departement Sarthe. Und alle zwei Jahre lässt Le Mans Classic die großen Rennschlachten des berühmtesten aller 24-Stunden-Rennen wieder aufleben.

27.08.2008 Hans-Jörg Götzl Powered by

Zugegeben, eine Fahrt durch Paris, das beinahe zwangsläufig auf dem Weg nach Le Mans im Weg liegt, kann schon mal zur Belastung werden. Besonders am Freitag, wenn am Montag Nationalfeiertag ist und tout Paris ins Grüne strebt. Endlich an der Sarthe angekommen, hat man hoffentlich einen Schlafsack dabei, denn die Dame von der Zimmervermittlung quittiert Anfragen nach bezahlbaren Unterkünften in der Nähe schon seit Wochen mit höhnischem Lachen. Schlussendlich ist nach Treibstoff und Autobahngebühr noch der Eintritt zu entrichten: 49 Euro plus 25 für den Zugang zum Fahrerlager und 8 Euro für die Tribünen.

All das aber wird spätestens dann bedeutungslos, wenn man gegen Einbruch der Dunkelheit auf der Tribüne 23 "Maison Blanche" sitzt und die fünfte Startgruppe mit Autos von 1966 bis 1971 zum Sturm auf die berühmte 24-Stunden-Strecke bläst. Und wenn dann nach dem ersten Umlauf aus der Nacht ein gulffarbener Porsche 917 auftaucht, dem ein Matra-V12 buchstäblich im Getriebe steckt und beide hintereinander durch die letzte Schikane vor Start-Ziel nageln.

Einmalige Veranstaltung mit mehr als 80.000 Zuschauern

Leicht versetzt gehen die beiden Zwölfzylinder auf die Gerade, der 917 archaisch brüllend wie ein wütendes Tier aus grauer Vorzeit, der Matra mit dem ihm eigenen, eigentümlich heulenden Ton. Und man kann genau hören, wie beide Fahrer am Ende der langen Boxengasse nochmals hochschalten und dann zum Dunlop-Bogen hinaufjagen. Wer dabei keine Gänsehaut bekommt, der hat, mit Verlaub, auch sonst eher das Gemüt eines Fleischerhundes.

"Diese Veranstaltung ist wirklich einmalig auf der Welt", meint Diethelm Horbach - da kann man dem altgedienten Porsche 356-Piloten nur beipflichten. Tatsächlich haben Patrick Peter und der ehrwürdige Automobile Club de l‘Ouest mit der ersten Le Mans Classic im September 2002 eine Rennveranstaltung auf die Räder gestellt, die vom Start weg alle Beteiligten begeisterte und 40.000 Zuschauer anzog.

Gemäß zweijährigem Turnus sind wir nun bei der 4. Auflage und mehr als der doppelten Zuschauerzahl angekommen - trotz gleichzeitig anberaumtem Festival of Speed in Goodwood -, und die Organisation ist nahezu perfekt. "Man könnte meinen, wir wären in Deutschland", grinst Christophe Lavielle, der mit seinem fliegenden Buchladen extra aus dem südfranzösischen Pau angereist ist.

Das Konzept von Le Mans Classic ist dabei so simpel wie genial: Rund 400 Rennautos verteilen sich auf sechs Starterfelder, Plateaus genannt, getreu den Baujahrgrenzen der FIA - 1923 bis 1939, 1949 bis 1956, 1957 bis 1961, 1962 bis 1965, 1966 bis 1971 und 1972 bis 1979. Jedes Plateau geht für 43 Minuten plus Einführungs- und Auslaufrunde auf die Strecke. Dann werden die 13,65 Kilometer zwischen Tertre Rouge, Arnage und Mulsanne geputzt, dann sind die nächsten dran, und nach acht Stunden beginnt das Spiel von Neuem.

Die Strecke atmet Geschichte - die Teilnehmer nehmen einen tiefen Zug

Insgesamt sind die Autos also nur gut zwei Stunden im Renntempo unterwegs - das ist auch gut so und Teil des Erfolgs: Volle 24 Stunden würden viele der angetretenen Fahrzeuge kaum überstehen, umgekehrt garantiert eben diese zeitliche Beschränkung die großartige Qualität der Starterfelder mit Kostbarkeiten wie eben dem Matra-V12 oder dem wunderbar original erhaltenen Exvon Trips-Ferrari 196 SP des Holländers Jos Koster. Für Fahrer mit eisernem Sitzfleisch will die Fahrergemeinschaft historischer Rennsport übrigens im kommenden Frühjahr ein echtes 24-Stunden- Rennen für Tourenwagen und GT auf dem südspanischen Ascari-Kurs einrichten

Der natürlich mit dem legendären großen Kurs in Le Mans, für den wie beim aktuellen 24-Stunden- Rennen die Landstraße nach Mulsanne gesperrt wurde, nicht ganz mithalten kann. "Die Strecke hier atmet Geschichte - wenn man etwa durch den Dunlop-Bogen fährt, das ist schon gigantisch", meint Klaus-Dieter Frers. Sein 1964er Porsche 904/6 erreicht auf der sechs Kilometer langen, mittlerweile durch zwei Schikanen entschärften Hunaudières-Geraden gut 260 km/h. Noch schneller ist Christian Gläsel im Ford GT 40: "Laut Messung exakt 302 km/h", erklärt der 35- jährige Tübinger.

Da wirkt es beruhigend, dass die 600 Streckenposten entlang der Piste dieselben sind, die auch beim aktuellen Rennen für Sicherheit sorgen. "Dann werden wir allerdings noch von einem Kontingent internationaler Kollegen verstärkt", sagt Vincent Fontenay, der immer mit besonderer Freude bei Le Mans Classic mithilft: "Wir sind alle gute Freunde, es hat was von einem Ferienlager", erzählt der 42-Jährige.

Das hat es auch für die meisten Teilnehmer und Mechaniker, die sich mit Wohnmobilen oder Zelten auf die lange Nacht einrichten. Manche haben auch wie Albert Otten einfach eine Hängematte zwischen zwei Bäume gespannt. "Ich hoffe nur, dass es nicht regnet", meint der Möchengladbacher. Entspannt schaukelt der BMW 328-Fahrer, bis es, wie es sich gehört, am Samstag um 16 Uhr endlich losgeht - zuvor durften noch die Clubs auf die Strecke, auch das Teil des Erfolgsrezepts: Insgesamt tummeln sich 6500 Clubfahrzeuge im Infield, von denen Porsche zum 60-jährigen Jubiläum sichtlich die größte Fraktion stellt.

Aber dann: Pünktlich um 16 Uhr schwenkt der Starter die französische Trikolore, die Vorkriegsfahrer rennen im typischen Le Mans-Start zu ihren Autos und donnern los. Auf der Hunaudières werden sie nochmal zusammengeführt, schnallen sich an, wo es sinnvoll ist, und gehen mit fliegenden Start ins eigentliche Rennen.

Nach wenigen Umläufen sieht man Beispiele althergebrachter Boxenkommunikation: Ein Fahrer haut sich mehrfach auf den Helm und deutet den Wunsch nach Fahrerwechsel an, Albert Otten zeigt hektisch auf sein rechtes Hinterrad. "Ich hatte eine leichte Feindberührung, ein Streckenposten hat dann den lädierten Kotflügel herausgebogen, damit er nicht am Reifen streift", erklärt der 58-Jährige beim Boxenstop.

Uneinholbarer Streckenrekord von 1971

Uneinholbar vorneweg brausen Gareth Burnett und Julian Bronson mit zwei Talbot 105, die sie abwechselnd bewegen und von denen die Nummer 5 eindeutig schneller ist und am Sonntag als Sieger des ersten Plateaus abgewunken wird. Ähnlich souverän sind im zweiten Feld Nigel Webb und Gary Pearson im Jaguar C-Type unterwegs - direkt dahinter aber stürmt der Deutsche Adrian Kraft mit seinem kleinen Maserati 150 S auf Rang zwei und lässt dabei etliche C- und D-Type sowie Mercedes 300 SL hinter sich. Chapeau.

Immerhin Rang sieben erkämpft ein vitaler Holländer, der hier vor 37 Jahren mit dem Porsche 917 und vor 32 Jahren mit dem 936 gewonnen hat und nun mit einem kleinen 550 Spyder über die Hunaudières jagt: Gijs van Lennep. "In so gefährliche Autos setze ich mich nicht mehr, aber der Spyder hier hat 120 PS, das geht in Ordnung und macht Spaß", grinst der 66-Jährige. Sein Streckenrekord von 1971 wurde übrigens nie übertroffen: 5.335,313 Kilometer in 24 Stunden.

Der Sieg im dritten Plateau geht erneut an die Fahrerpaarung Gary Pearson und Nigel Webb, diesmal im D-Type. Als Pearson abgewunken wird, erhält der 48- jährige Jaguar-Spezialist wie jeder Sieger stehende Ovationen von der Haupttribühne. In Le Mans weiß man, was sich gehört.

Im vierten Starterfeld grollen gleich ein halbes Dutzend Ford GT 40 vorneweg, am Ende kann sich Christian Gläsel mit kräftigem Vorsprung durchsetzen. Gläsel kennt die Piste auch aus dem Cockpit moderner Rennwagen, doch die alten fährt er hier lieber: "Da bewegt sich einfach mehr", meint er. Für Aufsehen sorgt Max Werner im viel fotografierten Ferrari Breadvan, der durch ein Trainingsproblem von Platz 27 ins Rennen geht. "So weit hinten war ich noch nie", knurrt Werner, und brennt im dritten Umlauf mit 4.58 Minuten um den Kurs - das hätte auch für einen Startplatz in der dritten Reihe zwischen den GT 40 gereicht.

In puncto Rundenzeiten gibt es naturgemäß einen kräftigen Sprung zum fünften und sechsten Plateau, in denen Jean-Marc Luco und Jürgen Barth den 917 mit 4.19 und das Team Laidlaw/Hadfield/Schryver/Didbrell einen Lola T292 mit 4.13 jeweils auf Pole stellen - der aktuelle Rekord des Peugeot 908 liegt nur 55 Sekunden darunter. Und während die älteren Gerätschaften teilweise mit schwerer Schräglage durch die Esses schlittern, flitzen manche der moderneren Rennsportwagen wie Autos auf der Carrera-Bahn durch die Schikanen.

Im fünften Starterfeld kann Jürgen Barth den Pole Position-Vorteil aus technischen Gründen nicht nützen - es gewinnt Olivier Cazalières auf Ferrari 512. Dafür dominiert der 60-jährige Wahlschwabe (Lebensmotto: Wer rastet, rostet) anschließend das sechste Feld - mit dem 936, mit dem er auch 1977 gewann.

Pünktlich um 16 Uhr am Sonntag kehrt Ruhe ein auf dem großen Kurs an der Sarthe, Teilnehmer wie Zuschauer lassen Le Mans Classic gemütlich ausklingen. "Das hier ist einfach die schönste Veranstaltung überhaupt", meint Maserati-Chef Mario Linke und blinzelt aus müden Augen noch einmal vom Ende der Boxengasse Richtung Dunlop-Bogen.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
3D Felgenkonfigurator
Anzeige