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Auto-Zukunft made in China

LeSee – Elektro-Visionen für Millionen

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Vor chinesischen Autobauern brauchen die etablierten keine Angst haben? Mag sein. Aber vor einem Multikonzern, der Autos wie Smartphones verkaufen will. Die Pläne von Jia Yueting.

29.04.2016 Jochen Knecht

Während sich Elon Musk und die etablierten Autobauer darum kabbeln, wer denn nun in Sachen Elektroauto die Nase vorn hat, bringt sich der chinesische Konzern LeEco in Stellung. Mit Produkten und Ideen, die die automobile Welt verändern könnten.

Tesla gegen den Rest der Auto-Welt? Das hätten die etablierten Autobauer aus Europa oder den USA vielleicht gerne. Weil es die Sache so schön übersichtlich macht. Hier, der visionäre Technologie-Milliardär Elon Musk, der mit ordentlich gemachten Elektroautos, großer Klappe, viel Charisma und großartigem Marketing die etablierten Autobauer wie eine Truppe alter, antriebsloser Industrieversager aussehen lässt. Und dort die Daimlers, GMs, Volkswagens und Fords, die jetzt versuchen, mit jeder Menge Geld, Ingenieurs-Power und Erfahrung das Thema Elektromobilität für sich zurückzugewinnen. Im Fall von Tesla könnte das vielleicht sogar klappen. Der Haken an der Sache: die Fokussierung auf Tesla könnte zum Bumerang werden.

Handy, Fahrräder, Wecker, Video-Streaming: LeEco ist ein Technologie-Mischkonzern.
Vernetzter Elektro-Chinese 1:10 Min.

LeSee – mehr als ein Auto

Denn wahrscheinlich ist es für Konzerne mit Multimilliarden-Budgets in der Tat kein Problem, das beste Elektroauto der Welt zu bauen. Und wahrscheinlich wird auch Elon Musks-Charisma-Konto spätestens dann an seine Grenzen kommen, wenn er mal ernsthaft mit seinen Produkten Geld verdienen muss. Aber: Wir reden dabei halt nach wie vor „nur“ von Autos. Das eine oder andere mag autonom fahren, klar. Und Elon Musk strebt immerhin nach der Mobilität der Zukunft. Trotzdem könnten sowohl Musk, als auch die etablierten Autobauer im Rennen um die mobilen Kunden von morgen und übermorgen leer ausgehen. Weil sie eben jeweils nur einen Bruchteil des künftigen Marktes, bzw. der Kundenbedürfnisse im Blick haben.

Reden wir von zukunftsfähiger Mobilität, dann reden wir immer auch von alternativen Antrieben. Von Vernetzung. Von künstlicher Intelligenz. Von Komfort. Vom perfekten Nutzererlebnis. Von Technologie in allen Dingen. Kurz: Von einem ganzen Ökosystem an Produkten, Services und Inhalten, in dessen Mittelpunkt der Kunde, bzw. der Nutzer steht. Alle aktuellen Spieler auf dem Feld der Mobilität konzentrieren sich aktuell vor allem darauf, einen Teil dieses Ökosystems abzudecken. Manche haben die sich daraus ergebenden Problem einfach noch nicht erkannt. Andere sind bereits viele Schritte weiter und beschäftigen sich in ThinkTanks intensiv damit, wie die mobile Zukunft denn aussehen könnte. Die dabei entstehenden Konzepte stoßen aber immer dort an natürliche Grenzen, wo es um Hardware geht, die keine Räder hat. Weder Tesla noch ein klassischer Autobauer stellt Handys her. Oder Fernseher. Und besitzt auch keine Senderechte für Contents aller Art.

Luftschlösser? Von wegen. LeEco investiert in das E-Auto-Startup Faraday Future, das in der Nähe von Las Vegas gerade eine Fabrik hochzieht.

LeEco – branchenübergreifender Konzern eines Multi-Milliardärs

Hier kommt Jia Yueting ins Spiel. In China ist der 43-jährige Multimilliardär so bekannt wie Marc Zuckerberg oder einst Steve Jobs. Ein 4,8 Milliarden Dollar schwerer Superstar der New Economy. Yueting ist Mitbegründer und Chef von Le TV, einem Konzern, der nicht nur das Netflix-Chinas ist, sondern inzwischen auch Highend-Smartphones, Fernseher und – intelligente Fahrräder baut. Analog zur sich rasant entwickelnden Produktpalette ist auch der Name längst Geschichte. Le TV heißt inzwischen LeEco. Und der Name ist Programm. Jia Yeuting will mit LeEco zum zentralen Zugangspunkt ins Ökosystem seiner Kunden werden. Egal ob via Smartphone, Streaming-Dienst oder E-Bike: Alles kommt von LeEco. Und künftig natürlich auch ein Auto.

LeSee heißt das rundgelutschte Elektro-Zäpfchen mit Selbstmörder-Türen, das Yueting im Vorfeld der Auto China 2016 in Peking vorgestellt hat. Le See steht dabei für Le Super Electric Ecosystem. Ökosystem. Da isses wieder. Keine Auto, das morgen in Serie gebaut werden kann. Sondern ein Statement. Der Innenraum: Ein weißer Traum aus Wolkenkuckuckshausen. Zwei futuristische Sitze, ein faltbares Lenkrad (!) das bei autonomer Fahrt im Armaturenträger verschwindet und eine Lounge im Fond, die sich dank smarter Polymere an jede Körperform anpasst, bei Nichtgebrauch aber ungefähr so bequem aussieht, wie ein Nagebrett.

Jia Yueting will Tesla-Chef Elon Musk hinter sich lassen. Weil der eben nur Autos baut. Und kein komplett vernetztes Ökosystem.

Smartphone, Tablet, Fahrrad, Auto – egal

„Wir bauen nicht einfach ein Auto!“, betont Jiang Yueting. „Wir verstehen das Auto als intelligentes mobiles Produkt auf vier Rädern, das sich im Grunde nicht von einem Smartphone oder Tablet unterscheidet!“ Entscheidend bei der Bewertung des LeSee ist also nicht die Frage, ob daraus mal ein taugliches Elektroauto werden kann oder nicht. Sondern rein die Tatsache, dass da jemand im technologischen Gesamtzusammenhang denkt und handelt. Der LeSee passt perfekt ins digitale Ökosystem, das LeEco rund um seine Nutzer aufbaut. Natürlich kann man dort so ein Auto auch kaufen. Wer das nicht braucht, mietet sich eben seinen fahrbaren Untersatz und dirigiert seinen autonomen Chauffeur per LeEco-Smartphone zum richtigen Ort. Und selbstverständlich läuft an Bord auch genau das Video, das gerade eben noch im Wohnzimmer über den LeEco-Fernseher bestellt wurde. Jia Yueting vergleicht das künftige Preismodell der LeSee-Fahrzeuge mit dem, das er heute für seine Handys anbietet. Je mehr Dienste und Services der Kunde bucht, desto günstiger wird die Hardware. „Irgendwann werden unsere Autos sogar völlig umsonst sein!“, meint Yueting.

Müssen sich aber etablierte Autobauer ernsthaft Sorgen wegen eines 43-jährigen Chinesen machen, für den Autos nur die Verlängerung des Internets sind und der besessen davon ist, Innovationen unters Volk zu bringen? Wahrscheinlich schon. Weil er eben nicht nur gerne lautstark gegen Apple und Google stichelt, sondern im Hintergrund längst an der Umsetzung seiner Visionen arbeitet.

Juang Yuetin ist an Farraday Future beteiligt

Beispiele gefällig? Kein Problem. Nehmen wir Faraday Future. Ein nach wie vor relativ undurchsichtig aufgestelltes E-Auto-Startup, das unter anderem mit dem Geld von Juang Yueting in der Nähe von Las Vegas eine Fabrik im Wert von ca. einer Milliarde Dollar aus dem Boden stampft. Gebaut werden soll dort zum Start ein noch nicht näher definiertes Elektro-SUV. Und perspektivisch natürlich auch der LeSee. Parallel hat Faraday Future gerade bei BMW im Handstreich drei führende E-Auto-Designer und –Entwickler abgeworben. Die waren dem Vernehmen nach sehr unzufrieden damit, wie die Münchner sich die Zukunft der i-Modelle vorstellen und haben bei Faraday Future nun alle Freiheiten.

Ach ja, welche Rolle spielt eigentlich Elon Musk mit seinen Teslas? Wir werden sehen. Für Ding Lei, bei LeEco für das Thema Autombil zuständig, verdient Tesla großen Respekt dafür, den Weg für die Elektromobilität frei gemacht zu haben. Klingt wie der Nachruf auf einen Patienten, der aktuell noch sehr lebendig ist. Und ist wahrscheinlich auch genau so gemeint. Denn: „Unser Vorteil besteht darin, dass wir kein Gepäck aus der Vergangenheit herumtragen, wie es bei den traditionellen Autobauern der Fall ist!“, so Lei und weist Tesla dabei ganz bewusst einen Platz unter den traditionellen Autobauern zu. Alteisen. Nicht mehr. Und nicht weniger.

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