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Blech gehabt

Foto: Fotostudio MPS

Ein Wirtschaftskrimi, der exemplarisch für ein spannendes Kapitel deutscher Automobilgeschichte steht: Die Geschichte des Stuttgarter Karosseriebauers Reutter, die nun als Buch vorliegt.

18.12.2006

Zum Feiern gibt es wenig Anlass, der Jubilar ist nicht mehr unter uns. Schon1963 wurde das Stuttgarter Karosseriewerk Reutter an Porsche verkauft, 1993 das letzte Gebäude des Stammhauses an der Augustenstraße abgerissen. Damit war nicht nur das Ende eines schwäbischen Traditionsbetriebs, sondern auch eines der letzten selbstständigen Karosseriebauer in Deutschland besiegelt.

Ebenso wie Authenrieth, Dannenhauer & Stauss, Drauz und Rometsch konnte sich das am 1. Oktober 1906 gegründete Unternehmen für Spezialkarosserien im Zeitalter der Massenproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr behaupten.

Schluss, aus und vorbei, könnte man sagen, ein Schicksal wie viele andere. Doch obwohl der Name Reutter heute nur noch für Enthusiasten ein Begriff ist, liest sich die jetzt zum 100. Geburtstag der Firma vorgelegte Chronik wie ein Wirtschaftskrimi, der exemplarisch ein spannendes Kapitel deutscher Automobilgeschichte von den ersten Motorwagen bis zu den Großserienautos unserer Tage beleuchtet. Auf 320 reich bebilderten Seiten mit vielen bisher unveröffentlichten Fotos, Konstruktionszeichnungen und Dokumenten geht es um Menschen und Maschinen, Ideen und Intrigen, Revolution und Inflation und natürlich um die Faszination des Automobils, das zu Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts riesige Fortschritte machte und Menschen jeglichen Berufes und Alters begeisterte.

Gründer und Mentor der Firma war wie so oft ein junger Tüftler voller Unternehmungsgeist, der als Sattlermeister in einer Stuttgarter Wagenfabrik arbeitete. Da er hier aber keine Perspektiven sah, um von den Chancen, die im Automobilbau steckten, profitieren zu können, machte er sich selbstständig.

Die im nahen Cannstatt angesiedelte Daimler Motoren-Gesellschaft begünstigte die Geschäftsentwicklung, da sie wie die meisten Hersteller nur Fahrgestelle produzierte, auf die sich Kunden individuelle Karosserien bauen ließen. Und die ersten Aufträge müssen wohl zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen sein, so dass Wilhelm Reutter expandieren und qualifizierte Mitarbeiter einstellen konnte. Richtig aufwärts ging es aber erst ab 1909, als sein Bruder Albert als Teilhaber und kaufmännischer Leiter in die Firma eintrat.

Wilhelm widmete sich fortan der Entwicklung technischer Verbesserungen und erwarb zahlreiche Patente, zum Beispiel für ein Klappverdeck statt der bisher üblichen, umständlich zu montierenden Gestänge-Konstruktion, für mechanische Kurbelfenster oder einen Fahrtanzeiger zur Verständigung zwischen Chauffeur und Fahrgast im Fond-Separee.

Mit solchen Finessen machte sich das Werk einen Namen, den man in Gestalt des Markenlogos auf repräsentativen Wagen von Daimler und Benz, Wanderer, Opel, Adler und Horch, aber auch auf einem Nash, Hupmobile oder Cadillac fand.

Selbst die Wirren des Ersten Weltkriegs und der Wirtschaftskrise in den späten Zwanzigern überstand die Firma mit Ideenreichtum, fristgerechter Lieferung und bester Qualität, sie experimentierte mit Aluminium und baute für die chinesische Regierung sogar gepanzerte Limousinen. Die Tagesproduktion stieg auf bis zu zwölf Wagen, weil man neben der handwerklichen Einzelfertigung zunehmend Kleinserien mit Karosserien gleicher Bauart herstellte.

Als Ferdinand Porsche 1931 ein Konstruktionsbüro in Stuttgart gründete, begann eine lange Geschäftsbeziehung mit Reutter. Hier wurden sowohl die ersten VW Käfer-Prototypen und diverse Stromlinien-Autos sowie nach dem Krieg die meisten Karosserien für den Porsche 356 gebaut. Die stetig steigende Nachfrage nach dem Sportwagen sorgte zwar für eine geregelte Produktion, aber auch für eine wachsende Abhängigkeit vom großen Bruder. So wurden die Erben von Wilhelm und Albert Reutter zunächst zum Verkauf eines Teilgrundstücks in Zuffenhausen zur Erweiterung des Porsche-Werks gedrängt,

1963 ging das ganze Karosseriewerk auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den Besitz von Porsche über und bildet bis heute einen Teil der Fabrikanlagen.

Dennoch verschwand der Name Reutter-Karosserie nicht völlig in der Versenkung: Als Abkürzung lebt er in der Firma Recaro GmbH weiter, die seither Sitze und anderes Autozubehör produziert.

Stuttgarter Karosseriewerk Reutter, Uta und Helmut Jung, Delius-Klasing-Verlag, Bielefeld 2006, 24,90 Euro

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