Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows

Lesertour: Albanien

Italiens wilder Nachbar

30 Bilder

Inmitten der beliebtesten europäischen Urlaubsziele gelegen, ist Albanien dennoch für viele immer noch exotischer als Bali. Ein Reisebericht von unserem Leser Bert Gronitz über ein fremdes Land, das für Geländewagen wie gemacht ist

06.12.2008 Powered by

Drin heißt der Fluss, den wir überqueren wollen – und wir hoffen, dass wir nicht drin absaufen. Denn die Fähre von Koman Richtung Fierzë, die gerade anlegt, ist rostiger als ein ganzer Autoschrottplatz. Wir fassen uns ein Herz, fahren vorsichtig an Bord. Die Bretter, die das Deck über dem Rumpf bilden, ächzen, als wir die Auffahrt mit unserem Wagen wagen. Aber wir kommen an. Nicht drin, sondern drüben. Bis hierher war die Reise völlig entspannt. Deutschland, Österreich, Slowenien, das Hinterland von Kroatien mit den herrlichen Plitvicer Seen, Montenegro.

Unser Ziel, Albanien, erreichen wir schließlich über eine enge Straße, die eher die Bezeichnung Feldweg verdient. Hecken säumen den Wegesrand – wie im schottischen Hochmoor. Nach einer ersten Nacht im Freien am Shkodër See zieht es uns nach Shkodër, wo wir die Neue Moschee entdecken, eine der schönsten des Landes. Als der Fluss Drin mit dem Seelenverkäufer bei erhöhtem Puls überquert ist, ist der Weg frei zum traumhaften Valbones-Tal. Riesige Felsen, majestätische Berge, finstere Höhlen: Die Fahrt durch die Schluchten erinnert uns an den Hindukusch. Auch hier regiert noch immer der Kanun, die Blutrache – aber wir benehmen uns ja. Wir kommen nach Kukës. Der Einstieg in das Tal der schwarzen Drin wird die abenteuerlichste Strecke der ganzen Reise – heftiger, als wir es uns vorgestellt haben: Hoch, sehr hoch oben geht es auf extrem schmalen Wegen an den Hängen der Berge entlang. Tief unten schlängelt sich die Drin an deren Füßen dahin. Was für ein Erlebnis! Auf engsten Schotterpisten erreichen wir den Nationalpark. Die Wege dort unterscheiden sich nur durch die Passierbarkeit: fast oder völlig unmöglich.

Die tiefen Spurrinnen wären selbst fürs Unimog eine Herausforderung; ein ums andere mal müssen wir umkehren. Doch die Landschaft – einfach idyllisch. Hier schlagen wir unser Camp auf. Nach zwei bitterkalten Nächten im Gebirge brechen wir in Richtung Ohridsee auf, der etwa auf einer Höhe mit Neapel liegt. Doch nichts mit Idylle, zu sehr pulsiert auf der Strecke der Transitverkehr nach Mazedonien. Desto willkommener ist uns der Campingplatz: endlich mal wieder warm duschen. Tags darauf geht es in das Bergdorf Darde – bei teilweise sintflutartigem Regen. Die Straßen sind mit wahren Schlammlawinen überflutet. Der nächste Morgen beginnt mit einer Führung durch den Ort. Das erledigt Peter, ein deutscher Rentner, der hier seine zweite Heimat gefunden hat – der Liebe wegen. Start ist bei der Familie des Dorfältesten.

Welches Haus wir auch immer betreten – Gastfreundschaft und Freundlichkeit sind hier noch oberstes Gebot, jeder lächelt und bietet Getränke an. Die Weiterfahrt nach Gjirokastër gestaltet sich sehr zügig, Südalbanien lockt. Auf kleinen Feldwegen geht es Richtung Griechenland, bis wir in Shkallë zum Syri Kaltër abbiegen, dem „blauen Auge“: Auf engstem Raum entspringen hier vier eiskalte Quellen. Das Wasser ist von bester Qualität und strahlt in der Farbe eines leuchtenden Aquamarins. Die herausquellende Wassermenge ist so gewaltig, dass augenblicklich ein zehn Meter breiter Fluss mit starker Strömung entsteht. Wir füllen unsere Tanks mit frischem Wasser und gehen wieder auf Tour. Nach Gjirokastër, der bergigen „Stadt der tausend Stufen“, rollen wir ans Mittelmeer – von Sarandë aus sieht man die griechische Insel Korfu, die malerischen Buchten entlang der Küste laden zum Baden ein.

Danach führt uns der Weg an einem U-Boot-Bunker aus der Zeit des kommunistischen Diktators Enver Hoxa (1944 bis 1985) vorbei bis nach Himarë – einer griechisch anmutenden Stadt. Und dann der Llogara-Nationalpark: Vom 894 Meter hohen Llogara-Pass genießen wir die einmalig schönen Ausblicke. Der höchste Gipfel liegt in 1380 Metern. In Berat angekommen, versuchen wir uns wieder auf die Kamikazefahrer in den Großstädten Albaniens einzustellen. In einer Welle aus Lärm, Staub und Gestank nähern wir uns dem Zentrum auf einer dreispurigen Straße – diese Region ist tatsächlich nur was für entspannte und geübte Fahrer. Die Schluchten des Balkans, die Weite des Meeres, die Enge der uralten Städte ­– und die über­raschende Offenheit der Albaner: einfach unvergesslich.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk