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Lesertour: Lybien

Der Sandmann

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Schon oft war Helmut Arzmüller in der Sahara unterwegs. Nun erkundet er mit einer kleinen Gruppe den Südosten Libyens. Hier sein sehr spannender und erlebnisreicher Bericht aus dieser Gegend.

21.09.2008 Powered by

Im Funkgerät höre ich, dass Hans Probleme hat. Sofort kehre ich um. Schon aus der Ferne ist sein Auto zu sehen. Hans hat sich bis über die Achsen im weichen Sand festgefahren. Er versucht, sich zu befreien. Fährt vorwärts, rückwärts, vorwärts, rückwärts. Nichts geht mehr. Erst meine Seilwinde erlöst ihn von dem Übel. Gut, dass wir nicht nur mit einem Auto unterwegs sind. Es kann weitergehen. Bisher haben wir alles gut überstanden:In Tunis angekommen, brauchten wir nur drei Tage, um auf der Teerstraße über Gabès und Tripolis nach Zilla zu gelangen. Hier enden die befestigten Straßen, und unser Abenteuer Sahara begann. Jetzt ist unser Ziel Tazurbo, das wir auf der weiten Sandstraße auch problemlos erreichen.

Wir hoffen, hier irgendwo Treibstoff zu bekommen, denn in Rabianah wird es mit der Dieselversorgung kritisch. Doch wir haben kein Glück – die Tankstelle ist trocken. Also raus aus Tazurbo, weiter in Richtung Bazimah. Die verlassene Oase liegt am Rande eines großen Salzsees, der auch heute noch ein wenig Wasser führt. Ein hohes, steil aufragendes Gebirge dient uns als Wegweiser. Es begrenzt den Salzsee auf der östlichen Seite. Der entpuppt sich als eine rosa und bläulich schimmernde Lake. Dafür säumen abstrakte Gebilde aus Salz das Ufer und den Schilfgürtel.

Von der Oase sind nur noch verlassene Lehmgebäude, verwilderte Gärten und ein völlig vertrockneter Palmenhain übrig. Unsere PS-Geräte führen uns weiter durch eine unendliche Dünenlandschaft. Ein wunderbares Auf und Ab. Doch für Peter ist der Spaß schnell zu Ende. Übermut hat ihn gepackt – zu schnell fährt er eine Düne hinunter, schlägt schließlich mit der Schnauze auf. Es dampft, der Kühler ist kaputt! Ein großes Loch – das Wasser läuft in den Sand. Jetzt ist „Buschmechanik“ angesagt.

Während Peter den Kühler ausbaut, hole ich meine Notfallkiste aus dem Auto und krame die Faserspachtel-Dose heraus. Fast der ganze Inhalt geht drauf, aber das Loch ist zu! Am Abend ist Rebianah erreicht. Endlich können Treibstoff und Wasser nachgefüllt werden. Wir wollen ins Dreiländereck Ägypten-Sudan-Libyen – und der Weg dorthin ist weit. Die nächste Etappe nach Jaghbub ist 1600 Kilometer lang – ohne Tankstellen, ohne frisches Wasser. Am nächsten Morgen geht’s los – Richtung Südosten. Wir schlängeln uns durch die Berge, queren riesige Ebenen und wühlen uns durch tiefen, weichen Sand. Im Nachtlager füllen wir unsere Tanks aus den Kanistern auf. Die mühsame Fahrt hat uns viel Sprit gekostet.

Doch das Lagerfeuer vertreibt die Sorgenfalten. Ich bereite die Teekannen vor, schwenke die kleinen Teegläser mit Wasser aus und breche den Zucker. Dieses Ritual haben uns die Tuareg gezeigt. Wir genießen die Stille, blicken in den prächtigen Sternenhimmel und schwelgen in Erinnerungen an vergangene Reisen. Am Morgen entdecken wir den mächtigen Djebel Arkenou. Er zeichnet sich deutlich und dunkel am Horizont ab. Laut GPS ist er aber noch 90 Kilometer entfernt. Wir brechen in seine Richtung auf. Als wir näher kommen, und das Land hügeliger wird, sehen wir auch andere Felsspitzen. Beinahe bedrohlich ragen sie in den Himmel. Doch das Gebirge verschwindet langsam.

Gelber Dunst versperrt die Sicht. Plötzlich legt sich eine erschreckende Stille über die Wüste. Ein Sandsturm kündigt sich an. In der Ferne sehen wir eine dichte, rote Walze toben. Sie bewegt sich direkt auf uns zu. Kurz darauf ist auch die drückende Sonne nur noch als milchiges, rundes Gebilde zu sehen. Wir suchen Schutz – finden eine Höhle, in die wir uns verkriechen. Die Autos stellen wir zwischen zwei größeren Felsen ab. Gerade noch rechtzeitig, da braust es los. Die Zeit in dem dunklen Loch kommt uns wie eine Ewigkeit vor. Draußen pfeift und tost es. So verbringen wir die ganze Nacht in der Höhle. Erst gegen Sonnenaufgang legt sich der Sturm. Nachdem wir das Gebirge durchquert haben, fahren wir genau nach Norden an der ägyptischen Grenze entlang.

Die Landschaft ist atemberaubend: schwarzrote Berge, hellgelber Sand, strahlend blauer Himmel. Dann das nächste Gebirge. Es schlängelt sich von West nach Ost bis nach Ägypten hinein, versperrt uns den Weg in die Great Sand Sea. Es beginnt eine wahre Trialfahrt.

Wir überqueren einen Pass und müssen durch unwegsames Gelände hinab in ein ausgetrocknetes Flussbett. Der Weg nach unten gleicht einem Wasserfall – nur ohne Wasser. Untersetzung, erster Gang und weg von Gas und Bremse. So klettern wir alle nach unten. Im Flusstal angekommen, erwarten uns Felsbrocken und Geröll. Nach unzähligen Kilometern Hindernisparcours lässt uns das Tal wieder frei.

Alle haben die mühsame Etappe problemlos überstanden. Durch wild zerklüftete Sandsteinfelsen suchen wir uns einen Weg nach Norden. Endlich ist es soweit! Die Dünen der Great Sand Sea sind in der Ferne als gelbes Band zu erkennen. Ein schnelles Stück auf festem Schotter, dann geht es hinein in die riesigen Sandwellen.

Mit nur wenig Luft in den Reifen surfen wir durch die Dünen.Wundervoll. Auch wenn wir uns ab und zu festfahren, nach den nervenaufreibenden Passagen ist das die reinste Erholung. Auf der gelben Achterbahn geht es weiter nach Norden. Die Dünen werden langsam flacher, es ragen weiße Kalksteingebilde aus dem Sand auf. Sie sind stumme Zeugen eines Millionen Jahre alten Ur-Meeres.

Ebenso wie Muschelbänke und zahllose ersteinerte Seeigel. Wir folgen der Piste, die von der ägyptischen Oase Siwa kommt und sind kurz darauf in Jaghbub. Die Teerstraße, die hier wieder beginnt, bringt uns am Mittelmeer entlang nach Tunis zurück. Eine traumhafte Reise ist zu Ende.

Lange werden wir uns daran erinnern. Die Sahara hat uns gefangen genommen – und wir werden wiederkehren.

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