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Liège-Brescia-Liège

Zwergenaufstand

Foto: Gudrun Muschalla 13 Bilder

50 Jahre nach der Suez-Krise und dem ersten Ölschock entdeckt die automobile Menscheit die Langsamkeit wieder. Zum Jubiläum traten 54 Autos zur Wiederauflage des legendären Marathons von Lüttich nach Brescia und zurück an.

23.01.2009 Markus Stier Powered by

Zu den vorrangigsten Aufgaben eines Historikers gehört, uns zu befähigen, aus der Geschichte zu lernen, auf dass die Menschheit den gleichen Unsinn nicht zwei Mal mache. Nehmen wir ein Beispiel: Vor 50 Jahren reist eine Karawane von 27 Autos über die lange Strecke vom belgischen Lüttich ins italienische Brescia und zurück. 3.336 Kilometer sind zu absolvieren - und abgesehen von fünf Stündchen Pause am Umkehrpunkt nonstop. Damit das Ganze nicht am Ende noch Spaß macht, sind lediglich Autos mit dem maximalen Hubraum von 700 Kubikzentimetern zugelassen. Wer 60 PS unterm Hintern hat, darf seine Knutschkugel schon Bolide nennen.

Härtetest und Tortur für die kleinen Wägelchen

Ein Drittel der Autos stirbt in sengender Höhensonne den Hitzetod, ein weiteres Drittel repariert sich einen Wolf, um am Ende doch wegen Zeitüberschreitung aus der Wertung zu fliegen. Ein schmutziges Dutzend erreicht todmüde nach vier Tagen und Nächten das Ziel.

"Wehret den Anfängen", hätte Malcolm McKay rufen müssen, als vor wenigen Jahren auf den Britischen Inseln der Plan aufkam, diese Tortur müsse man zum 50-jährigen Jubiläum unbedingt wiederholen. Immer diese Briten, die fatalerweise einen schweren Hang zur Verklärung der Vergangenheit haben und einen ausgeprägten Sinn für Masochismus. Wie sonst ist zu erklären, dass sie sich ständig alte Autos aus landeseigener Produktion zulegen oder bei Länderspielen immer wieder zu Elfmeterschießen antreten.

Malcom McKay ist gelernter Historiker, aber auch Rallye-Organisator - was in Kombination eine fatale Mischung ergibt. Statt der Schnapsidee Einhalt zu gebieten, sagte er: "Ich mach’s", und natürlich rannten einige seiner Landsleute gleich los, um sich für die Zeitlupengaudi möglichst lahme Untersätze zu besorgen. Entsprechend standen in Lüttich 54 Furchtlose am Start, um die Langsamkeit zu entdecken.

Besonders beliebt unter den Briten sind die niedlichen Roadster der Firma Berkeley, die es in der Basisversion mit 328 Kubikzentimeterchen gibt oder mit der Dreizylinder-Bigblock-Variante, mit fast 0,7 Liter Hubraum und mörderischen 40 PS. 1958 fuhren sechs Berkeley im Feld, keiner sah das Ziel. 2008 standen acht Berkeley am Start. Noch Fragen?

Die ersten vier Tage schüttet es ohne Pause. Die Harten fahren offen, es ist schließlich Sommer. Eine englische Teilnehmerin schwärmt: "Ach, ich fühle mich wie im Urlaub. Es regnet, und ich esse Eis."

Der Zahn der Zeit nagt an Mensch und Maschine

Aber wir wollen nicht zu schwarz sehen, die Menschheit hat doch ein bisschen aus der Geschichte gelernt. Anstatt die Nächte durchzubrettern, wird abends in ordentlichen Hotels Halt gemacht. Die Aktion dauerte so zehn Tage, und gefahren wurde auch nicht auf Zeit. Zur Neuauflage galt es lediglich, einem kryptischen Roadbook zu folgen und unterwegs hübsche Bilder an vorgegebenen Stellen zu schießen. Der Belgier Remo di Cocco erinnert sich: "Früher haben wir das alles in drei Tagen abgefahren. Aber damals waren die Autos auch neu. Heute sind sie alt wie wir, und alte Leute kann man nicht mehr so scheuchen."

Sein rund sieben Jahrzehnte alter Landsmann Edouard Boucquey ist neben di Cocco der Einzige, der schon die echte Lüttich - Brescia - Lüttich mitgemacht hat. Als belgischer Rallyemeister von 1955 besorgte er sich für den Zwergenaufstand einen Werks-BMW. Seine Isetta hatte 250 Kubikzentimeter und 12 PS. 50 Jahre später reist er als Beifahrer im gleichen Auto.

Eigentlich wollte er mit der Rallye- Fahrerei aufhören. Seinen alten DKW hat er vor zwei Jahren extra verkauft. Nun hockt er wieder in einer Isetta und schwingt alle paar Minuten das Fensterleder, um die Sicht auf die ansteigende Straße wieder herzustellen.

Die Strecke führt über die Original- Route von 1958

Lediglich die teilweise nur zweispurige Autobahn zwischen Karlsruhe und München umgehen die Teilnehmer, um nicht von 30 Mal so starken 38-Tonnern aufgefressen zu werden. Nach zwei Tagen Flachland kommen die Alpen. Ein schottischer Offizier hätte die nie erreicht, weil er sich mit seinem Fiat 500 in München rettungslos verfuhr.

Eine alte Dame half ihm aus der Patsche. "Mein erster Freund hatte genau so ein Auto", schwelgte sie, verschwieg pietätvoll weitere Details und mobilisierte flugs ihren Sohn, der heute ein hohes Tier bei BMW ist und den kleinen Fiat wieder auf den richtigen Pfad brachte.

Wer einen Cinquecento unterm Hintern hat, fährt im Feld den Ferrari unter den lahmen Enten. Apropos Ente: Der Messerschmitt-Fraktion kommt ein 2CV plötzlich wie ein Riesenvan vor.

In der Isetta hockt Edouard mit dem Fahrer Hüfte an Hüfte. Der Schenkel des anderen ist die einzig warme Stelle im Auto. Eine Heizung gibt es ebenso wenig wie eine Lüftung. Vom linken Seitenfenster, das gegen das Beschlagen der Frontscheibe ständig offen sein muss, tropft stetig ein Wasserfall auf den Sitz, der als Rinnsal den linken Oberschenkel entlang zum Allerwertesten läuft. Zum Ausgleich tröpfelt Kondenswasser vom oberen Scheibenrahmen auf das rechte Bein. Das alles lässt sich ausgiebig genießen, die Höchstgeschwindigkeit des schwächsten Autos im Feld liegt bei Tempo 80.

Und doch macht es Spaß. Besonders das Überqueren von 1600 Meter hohen Pässen ist ein Genuss. Jede Spitzkehre ist ein Kampf am Limit. Wer den zweiten Gang einmal hergibt, kriegt ihn in der dünnen Luft bis oben vielleicht nie wieder rein. Der Isetta-Fahrer liest den Asphalt wie ein Golfer das Grün. Jedes abgesackte Stückchen Asphalt könnte 50 Umdrehungen mehr bringen, die Fuhre in Schwung halten. Bergab heißt es weit voraus das Gelände beobachten, die Trommelbremsen des Mini-BMW sind dimensioniert wie bei einem Moped.

Die Isetta schafft mit stoischem Gleichmut alle Berge

Angesichts solcher Herausforderungen kommt trotz eines Durchschnittstempos, das jeder gut gedopte Radsportler mitgehen könnte, nie Langeweile auf. Dazu lässt sich die Schönheit der Berge in Slow Motion viel intensiver genießen. Plötzlich ertappt sich der Lenker beim Gedanken, wie öde so eine Pässefahrt mit einem SUV mit Luftfahrwerk und Registeraufladung sein muss.

Nach einem weiteren Schauer in der schmucken Altstadt von Lubljana sitzt Edouard Boucquey in einem Straßencafe und ruft daheim an. "Hier scheint die Sonne, wir haben 33 Grad", hat seine Frau gesagt. Doch der Plan, dem Göttergatten ordentlich Heimweh einzuimpfen, schlägt fehl. Der unverwüstliche Belgier bestellt einen Whisky, und mit der Sonne im Glas wird auch das Wetter schön. Ein stabiles Hochdruckgebiet folgt der Rallye bis ins Ziel, auf dem Rückweg von Brescia sind die Verdecke der Berkeley bei 29 Grad schon längst getrocknet.

Dieses Mal ist die englische Armada mit kleineren Blessuren durchgekommen. Auch die Isetta meistert drei Pässe hintereinander mit stoischem Gleichmut. Ein einziges Mal stinkt es gefährlich ungesund im Auto, der Fahrer hat im Tran vergessen, die Handbremse zu lösen. 1955 trat Eduard Boucquey schon nach vier Tagen in Cortina nach Kardanschaden die Heimreise an. Nicht einmal nach dem Ausfall durfte er schlafen, es ging umgehend zurück nach Hause.

2008 darf er sich auf dem Heimweg bei geöffnetem Faltdach die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Eine Rallye sei das ja nun weniger, verrät er. "Es ist eher ein Vergnügen."

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