Ansichtssache Renault Latitude: Ein Außenseiter mit Spar-Aroma?

Renault Latitude

Kann der Renault Latitude in der Welt der Business-Limousinen bestehen, oder bleibt er ein Außenseiter mit Spar-Aroma? Jörn Thomas ringt um eine Antwort.

Die Renault-Leute müssen verrückt sein - wagen sie sich doch tatsächlich nochmal in die obere Mittelklasse - und zwar mit dem Renault Latitude. Bei uns traditionell in der Hand der Heimatmarken Audi, BMW und Mercedes. Alternativen wie Citroën, Jaguar, Peugeot, Saab oder Volvo kultivieren mehr oder weniger Exotenstatus. Am Ruder stehen strenge Erfolgstypen Marke randlose Brille. Perfektionisten, gegen die man als französischer Eindringling nur mit Mut und/oder Humor antreten kann.

Doch wer von Renault jetzt eine schräge Type auf der Kippe zwischen Genie und Wahnsinn erwartet, wird sich beim Renault Latitude wundern. Enttäuscht? Nur diejenigen, die grundsätzlich gegen den Strom rudern.

Bescheidener Erfolg des Renault Vel Satis

So wie es Renault mit dem Vel Satis getan hat. In den Jahren 2002 bis 2009, als sie dem Limousinen-Einerlei ein mutiges Raumkonzept im Wortsinn entgegensetzten. Designer Patrick LeQuément hatte freie Hand und konnte mit einer Art Luxus-Van das Segment der grauen Zweireiher aufmischen. Dafür gab es viel Aufmerksamkeit, aber (zu) wenig Stückzahl.

In Deutschland verloren sich 2008 gerade mal 51 Stück in der Zulassungsliste - nicht pro Monat, sondern im ganzen Jahr wohlgemerkt. Der Renault Latitude dürfte sich zumindest besser rechnen, schließlich gibt es ihn quasi schon. Und zwar bei Partner Samsung, wo er als SM5 schon länger im Einsatz ist. Der Renault Latitude  - ein sanfter Business-Typ, der nirgends aneckt, trotzdem einiges auf dem Kasten hat. Wenn auch nicht genug für den anspruchsvollen europäischen Markt. Daher schickten sie ihn ins Trainingslager, wo er eine Portion Renault-Aroma bekam.

Innere Werte statt protziger Schale. Funktioniert das? Gehen wir also auf Tuchfühlung mit dem Top-Modell Renault Latitude dCi 240. Zunächst müssen autointeressierte Bekannte herhalten.

Renault Latitude wird teurer geschätzt

Mit geschlossenen Augen, ohne Vorurteile. Dann kritische Blicke, intensives Fühlen und Tasten, zufriedene Mienen. Und nun die Preisschätzung. Die meisten liegen daneben, schätzen zu hoch. Zur Markteinführung hieß es, der Renault Latitude sei nur zu leasen. Für vier Jahre bei 40.000 Kilometer Laufleistung komplett mit Reparaturen für 599 Euro im Monat (den 140-PS-Benziner gibt es ab 399 Euro). Inzwischen ist er ganz normal zu kaufen:

Der Renault Latitude als Benziner kostet 25.890 Euro, der V6-Diesel mit fast schon absurdem Aufschlag 37.590 Euro. Was es da bei der Premium-Konkurrenz gibt? Höchstens Gelächter bei der Frage nach einer gut ausgestatteten Limousine, bevor man sanft auf den Hof mit den Gebrauchten geführt wird.

Kein Wertverlust-Ärger beim Leasing

Wer den Renault Latitude least, muss sich um den vermutlich eklatanten Wertverlust keine Gedanken machen. Um kosten-intensive Extras und triefige Augen nach langen Nächten vorm Online-Konfigurator auch nicht. Renault lässt Kunden keine Wahl: Lederpolster, Massage-Fahrersitz, Stereoanlage mit Soundsystem, Navigation, Tempomat, Bixenon mit Kurvenlicht, Rückfahrkamera und schlüsselloser Zugang sind grundsätzlich an Bord des Renault Latitude.

Nicht zu vergessen der ionisierende Innenluftreiniger plus Parfümspender. Das Topmodell Initiale als Basis - nicht schlecht. Immerhin steht beim Renault Latitude eine Farbe mehr zur Auswahl als bei den ersten Ford T-Modellen. Es gibt Grau- oder Schwarzmetallic - Renault scheint sich die Dienstwagenparkplätze ganz genau angesehen zu haben.

Entscheidend nicht nur dort: Wer hat den Längsten, Stärksten, Besten? Mit 4,90 Metern kann sich der Renault Latitude im Wortsinn zeigen. Hier hat sich kein Topdesigner sein Vermächtnis in Tornadolinien oder konvex-konkave Bleche gepresst. Der Renault Latitude ist eine Limousine, die aussieht wie ein Ex-Samsung, verschwistert mit dem Nissan Maxima. Schlimm? Überhaupt nicht.

Großzügiges Raumangebot im Renault Latitude

Innen gibt es genug Platz für vier, das Dach verkneift sich coupéhaftes Herunterfallen Richtung Heck. Auf der Rückbank des Renault Latitude logiert es sich daher entspannt, speziell bei chauffeursmäßig vorgeschobenem Beifahrersitz. Nur das manuelle Sonnenrollo wirkt etwas piefig im Vergleich zu den elektrischen Pendants der Oberklasse.

Beim Thema Stärke muss sich der Renault Latitude V6 dCi 240 nicht verstecken, hier schiebt immerhin ein Dreiliter-Diesel mit 241 PS und 450 Newtonmetern. Der V6-dCi gibt weder den Renndiesel noch Kardanwellen-Zwirbler, und Euro 6 kann er auch nicht, für 7,6 Sekunden von null auf 100 km/h sowie flaue Gefühle in der Magengrube reicht es locker.

Es fehlt nicht an Komfort, aber an Image

Aber darum geht es doch eigentlich gar nicht. Eine gute Limousine soll ihre Passagiere behaglich transportieren und hat stets die Fassung zu behalten. Das gelingt dem Renault Latitude V6 dCi 240 mit seiner komfortablen Federung, die nur hin und wieder mal leise poltert, einer Wandlerautomatik, die noch nach Herzenslust wandlert, und einer Lenkung, die entspannt die Richtung vorgibt, ohne ständig um Pylonen huschen zu wollen.

Was fehlt beim Renault Latitude V6 dCi 240? Eine Prise Finesse, satte Getragenheit und vielleicht das Entscheidende: Image. Unbezahlbar und schwer zu greifen. Viel Glück also, Latitude.

Die Latitude-Ahnen

Von 1992 bis 2000 beglückte Renault die obere Mittelklasse mit der Schräghecklimousine Safrane (4,73 Meter lang), zu deren Liebhabern auch Frankreichs Staatspräsident Chirac zählte.
 
Deutlich mutiger geriet der 4,86 Meter lange Nachfolger Renault Vel Satis (2002 bis 2009) - ein geräumiger, schick gemachter Mix aus Limousine und Van. Also eine echte Alternative für progressive Oberklasse-Fahrer, die keine Lust auf Stufenheck haben - so ähnlich wie Opel mit dem Signum und BMW inzwischen mit dem Fünfer GT. Zur Präsidenten-Suite brachten es allerdings nur die beiden Renault.

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Jörn Thomas

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