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Linge-Sammlung

Pokal-Runde

Foto: Beate Jeske 16 Bilder

Der einstige Porsche-Rennfahrer und -Techniker Herbert Linge trennt sich von einem Großteil seiner Erinnerungsstücke. Im Ladenburger Auktionshaus Seidel & Friedrich präsentiert er einige der bedeutendsten Objekte – und erinnert sich.

25.04.2008 Franz-Peter Hudek Powered by

Wehmut? - Nicht wirklich. Herbert Linge steht mit ernster Entschlossenheit vor den zwei Meter hohen Glasvitrinen, in denen sich seine gesammelten Andenken an die Rennsportzeit von 1954 bis 1969 befinden - Pokale, Ehrenpreise, Armbinden, Sticker, Buttons, Wimpel, Rennprogramme, Streckenaufzeichnungen, Glückwunsch-Autogramme, Betriebsanleitungen und vieles, vieles mehr. Linge, der im Juni seinen 80. Geburtstag feiern wird, lässt diese Erinnerungsstücke meistbietend versteigern.

Der in Weissach geborene Techniker und Rennfahrer begann 1943 als Lehrling seine Laufbahn bei Porsche, war ab 1952 einer der besten Rennmechaniker des Hauses und nahm seit 1954 auch an Wettbewerben teil. "Man hat selbst Versuchs- und Einstellfahrten unternommen", erzählt Linge, "sodass es dann geheißen hat, der Herbert kann auch Rennen fahren." Linge erzielte zahlreiche Klassensiege auf allen internationalen Rennstrecken, oft zusammen mit Partnern wie Hans Herrmann, Paul Ernst Strähle, Edgar Barth, Helmut Polensky (Rallye Lüttich - Rom - Lüttich) oder Fernando Segura (Carrera Panamericana Mexico).

Linge korrigiert die Beschreibungen

Im Jahr 1963 gewann Linge die deutsche GT-Meisterschaft. Für den Film "Le Mans" fuhr Linge 1970 beim 24-Stunden-Rennen den Kamerawagen, einen Porsche 908 Spider. Außerdem doubelte er bei den anschließenden Aufnahmefahrten im Gulf-917 den Schauspieler Steve McQueen. Bis 1993 arbeitete Linge in leitender Position im Porsche-Entwicklungszentrum von Weissach, an dessen Aufbau er maßgeblich beteiligt war.

Doch jetzt befinden wir uns im Auktionshaus Seidel & Friedrich in Ladenburg, das am 25. und 26. April "Die Herbert- Linge-Sammlung" versteigern wird. Und dort stehen auch die hohen Glasvitrinen, vor denen wir den einstigen Porsche-Mann nach seinen Lieblingsstücken befragen. Es fällt ihm schwer, sich zu entscheiden. Linge ist kein launiger Plauderer und Egomane. Wer ihn aber präzise um eine Auskunft bittet, erhält diese mit allen Details, auf freundliche und respektvolle Art. So auch die Korrekur seiner Lebensdaten: "Von 1945 bis 1949 war ich natürlich nicht bei Porsche, sondern habe für die Amis in Stuttgart- Zuffenhausen Jeeps und Lastwagen repariert." Das war zu jener Zeit, als der Firmensitz von Porsche nach Gmünd in Kärnten verlegt worden war.

Der fliegende Mechaniker: Linge in den USA

Ein kleiner Mexikanerhut aus Silber, dazu ein Feuerzeug und ein Zigarettenetui mit aufgelöstem Innenfutter weckt unser Interesse. Wir fragen den rüstigen Achtzigjährigen nach deren Herkunft und beginnen das einstige Prinzip Porsche zu begreifen, das den Grundstein für den heutigen Erfolg bildete. Anfang der fünfziger Jahre wohnte Linge fast ständig in New York, wo er dem US-Importeur Max Hoffmann als Techniker zur Seite stand. Linges Aufgaben waren "Vergaser einstellen in Miami oder ein gerissener Gaszug in Chicago. Da war ich oft zweieinhalb Tage mit dem Auto unterwegs."

Linge betreute die 356- Modelle und später den Rennspyder 550. Die Kunden in den USA, die oft auch einen Ferrari oder Aston Martin besaßen, staunten: "So einen Service gab es bei ihren doppelt so teuren Sportwagen aus Italien und England nicht." Die wichtigste Produktwerbung, die Porsche damals betrieb, waren Erfolge im Rennsport. Häufig gingen Privatfahrer mit ihren in Zuffenhausen erworbenen Leichtgewicht-Sportwagen an den Start, so auch bei der Carrera Panamericana Ende 1952. Die Piloten der beiden 356 hießen Paul Fürst Metternich, Baron Teffé von Hoonholtz, Philipp Constantin Graf Berckheim und Herbert Linge, der von New York nach Mexiko beordert wurde, um dort die Autos der blaublütigen Porsche-Piloten zu betreuen.

Jedes Lot mit eigener Geschichte

Linge erinnert sich: "Während ich am Start noch einmal die Ventile der Autos einstellte, schaute Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer bei uns vorbei." Neubauer, der auf Linge "wie ein General" wirkte, bot dem jungen, engagierten Rennmechaniker an, die beiden 356 in den Mercedes-Garagen zu warten. "Das war wie ein Befehl", berichtet der Porsche- Mann, der das Angebot gern in Anspruch annahm. Die beiden 356, ein Coupé und ein Cabrio, parkten deshalb während des Rennens immer unter dem Mercedes- Stern. Dank Linges Einsatz kam "Principe Metternich, con Porsche de solamente 60 H.P." (mexikanisches Bosch-Werbeblatt) auf den 8. Gesamtrang. Zum Dank erhielt Linge die kleinen Kostbarkeiten aus Silber mit eingravierter Widmung. So besitzt fast jedes der rund 2.500 Objekte und Objektgruppen - im Fachjargon "Lots" - seine eigene, einzigartige Geschichte.

Herausragend auch Linges handgefertigte Gebetsbücher der legendären Mille Miglia von 1954, als Linge und Hans Herrmann im Porsche 550 in voller Fahrt unter einer geschlossenen Eisenbahnschranke durchschossen, und von der Tour de France Automobiles aus dem Jahr 1964. Während die Pokale nur die Frucht des Sieges darstellen, belegen diese Schriftstücke den staubigen und vor allem zeitraubenden Weg dorthin. Ein Teil der Sammlung besteht aus Geschenken, die Linge von Porsche für seinen unermüdlichen Einsatz im Rennsport erhielt.

Darunter ein weißes Keramikmodell des 356 Coupé mit der Plakette "Porsche dankt für sportliche Leistung 1954" und ebenfalls ein 356, diesmal in Silber, "Dem deutschen Meister 1963", signiert von Ferry Porsche. Ausgesprochen hübsch im luftigleichten Stil der fünfziger Jahre sind drei Teller aus Ulmer Keramik gestaltet. Die handgemalten Motive zeigen jeweils einen 356 in schicker Umgebung: beim Skifahren im Gebirge, am Badestrand und vor dem Nachtclub "Chat Noir". Linge trennt sich nicht leicht von den Erinnerungsstücken, zeigt aber eine klare Strich-Drunter-Entschlossenheit: "Wir haben keine Kinder, und zu Hause ist einfach kein Platz mehr."

Porsche wollte die einzigartige Sammlung ihres Vorzeigemannes nicht

Einige Objekte behielt der Porsche-Pionier bei sich in Weissach, auch die gesamten, in Jahresordnern angelegten Unterlagen und Fotos zur Historie der von ihm betreuten und gefahrenen Fahrzeuge. Eine Auktion, urteilt Linge, gebe schließlich jedem interessierten Porsche-Liebhaber die Chance, bestimmte Dinge direkt zu erwerben, ohne dass Zwischenhändler und Spekulanten davon profitierten: "Das ist eine reelle Sache für alle Beteiligten."

Und Porsche? Das Stammhaus sei öfters gefragt worden, hätte sich aber für die Linge-Automobilia nicht definitiv entscheiden können. Als schließlich doch noch Interesse signalisiert wurde, "war der Vertrag mit dem Auktionshaus Seidel & Friedrich frisch unterzeichnet". Die Auktion findet am 25. und 26. April in 68526 Ladenburg statt. Infos und Katalog: www.autotechnikauktion.de Telefon 0 62 03/95 77 77, Fax -1 71 93.

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