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Little Italy - Gran Premio Nuvolari

Foto: Dino Eisele 30 Bilder

Besuch mit dem kleinen Prinzen beim großen Tazio Nuvolari. Mit an Bord des NSU TT auf den Spuren der italienischen Rennlegende: Motor Klassik-Leser Martin Schmeisser.

08.12.2008 Hans-Jörg Götzl Powered by

Bei Kilometer 662 hilft nur noch ein Schnaps. Tapfer hat Martin Schmeisser, Gewinner des Gran Premio Nuvolari- Wettbewerbs aus Heft 6/08, bis in den kleinen Ort Chiusi della Verna irgendwo in den Bergen zwischen Siena und Rimini ausgehalten. Nun aber steht der 40-jährige Landmaschinenmechaniker an der Tankstelle neben dem NSU TT aus dem Fuhrpark der Audi Tradition und ist reichlich blass um die an sich sonnenverbrannte Nase.

Die Heckschleuder fordert einen starken Magen

"Ist mir schlecht", stöhnt der Franke. Praktischerweise ist Audi-Pressemann Peter Kober zufällig an derselben Zapfsäule zugange und weiß ein altes Familienrezept: "Trink einen starken Schnaps, das hilft." Martin schaut zwar zweifelnd, betritt aber dennoch den nebenan gelegenen Alimentari und kommt mit einer Flasche Grappa der Marke Julia wieder heraus. Noch ein zweifelnder Blick, dann zwei kräftige Schlucke, und nach drei Minuten hat der bekennende Italien-Fan frische Farbe im Gesicht. "Es geht wieder", meint er ebenso erstaunt wie erfreut und zwängt sich tatendurstig auf den Beifahrersitz des NSU.

Weiter also unter dem zornigen Brüllen des luftgekühlten 1200er-Heckmotors, und bevor jetzt jemand die Fahrweise des Piloten in Zweifel zieht - ich bin unschuldig, größtenteils jedenfalls. Des einen Freud ist beim NSU TT des anderen Leid: Der Rennzwerg begeistert zwar den Fahrer mit einem äußerst stabilen, zielgenauen Fahrwerk, das allerdings wird mit geringem Federungskomfort und kräftigen Nickschwingungen erkauft. Auf den holprigen Landstraßen Umbriens hüpft der NSU daher wie eine Wüstenspringmaus von Schlagloch zu Schlagloch und verlangt vom Beifahrer einen stabilen Magen.

Zudem erlaubt der TT trotz Trennscheiben-Bereifung erstaunlich hohe Kurvengeschwindigkeiten, die Pizza und Pasta auch horizontal kräftig durchschütteln. Was beinahe auf der gesamten Strecke der Fall ist: Längere Geraden zum Ausruhen gibt es im Grunde nur zu Beginn und am Schluss der neuen Route, die sich Organisator Luca Bergamaschi und sein Team von Mantova Corse für den mittlerweile 18. Gran Premio Nuvolari ausgedacht haben. Nach dem traditionellen Start in Mantua, dem Geburtsort des wohl furchtlosesten Rennfahrers aller Zeiten, weisen rote Pfeile am ersten Tag über Imola und Misano nach Rimini. Die zweite Etappe führt von dem legendären Badeort in die Toskana nach Siena, und am dritten Tag eilen die 300 Teams von Rimini zurück nach Mantua.

Nuvolari siegte, wenn es unmöglich war

Startnummer Eins ist dabei wie immer dem 1953 entschlafenen Tazio Nuvolari vorbehalten; sein silberner Auto Union Typ D ruht auf der Piazza Sordello mitten in Mantua und verabschiedet die Teilnehmer. Neben Bernd Rosemeyer war Nuvolari der Einzige, der die Mittelmotor-Monster der Auto Union wirklich beherrscht hat; wie sehr sich die beiden Ausnahmefahrer einander verbunden fühlten bezeugt die Tatsache, dass Nuvolari kurz vor Rosemeyers Unfalltod Pate dessen neugeborenen Sohnes Bernd wurde - obwohl beide keine gemeinsame Sprache sprachen.

106 Siege hat der fliegende Mantuaner insgesamt auf zwei und vier Rädern errungen, und das in einer Zeit, als noch nicht an jedem zweiten Wochenende ein Grand Prix stattfand. Legendär wurde Nuvolari durch seine Furchtlosigkeit und seinen unbändigen Siegeswillen: Andere Fahrer gewannen Rennen, wenn es möglich war. Nuvolari siegte, wenn es unmöglich war. Dann ließ sich der Italiener, von dem man munkelte, er sei mit dem Teufel im Bunde, mit mehreren bandagierten Knochenbrüchen auf seine Bianchi Freccia Celeste setzen und deklassierte die Konkurrenz, fletschte im unterlegenen Alfa Romeo P3 die Zähne und donnerte an den Silberpfeilen vorbei oder holte im Auto Union Typ D einen uneinholbaren Rückstand auf und ließ die anderen Fahrer fassungslos hinter sich.

Gar so heroisch geht es beim heutigen Gran Premio Nuvolari nicht mehr zu, von einer Seniorenausfahrt ist die Gleichmäßigkeitsrallye dennoch weit entfernt: Die Tagesetappen sind lang (305, 488 und 252 Kilometer), die ausgesuchten Straßen schmal und kurvenreich und die Zeitvorgaben eng. Obwohl den 65 PS unseres NSU TT lediglich 685 Kilo gegenüberstehen, müssen wir den Vierzylinder ständig bei Laune halten, um mit den uns umgebenden Dino Spyder, Daytona und Lancia Fulvia HF halbwegs mitzuhalten. Zudem warten bereits nach zweieinhalb Kilometer am Palazzo Te die ersten fünf von insgesamt 65 Wertungsprüfungen, die in typisch italienischer Manier alle mit Druckschläuchen gemessen werden. Dies ist nach wie vor eine Domäne der Azzurri; Spitzenteams absolvieren die Übung regelmäßig mit Abweichungen unter einer Zehntelsekunde.

Favorit schafft nur 100 Kilometer

Leider strandet bereits nach rund 100 Kilometern einer der Favoriten auf den Gesamtsieg am Streckenrand: Giuliano Cané. "Das Hinterachsgetriebe am Wanderer W 25 ist zerbröselt", erklärt der mehrfache Mille Miglia- und Gran Premio- Sieger aus Bologna. Auch sein Mitfavorit, der amtierende MM-Champion Luciano Viaro, tut sich diesmal schwer: "Ich fahre normalerweise den 6C 1500, der eine sehr weiche Kraftentfaltung hat, jetzt habe ich einen 6C 1750, und der ist sehr viel ruppiger und damit schwerer dosierbar", sagt der Alfa-Werksfahrer aus Triest.

Viaro klagt auf hohem Niveau: In den ersten fünf Prüfungen etwa ist der Stoppuhren-Spezialist nie schlechter als fünf Hundertstel. Wir liegen stattdessen zwischen 13 und 47 Hundertsteln, was insgesamt gerade noch für den zweistelligen Bereich genügt. Umso bedauerlicher, dass die nächsten Wertungsprüfungen im Autodromo Enzo e Dino Ferrari in Imola einmal rund um die Strecke gelegt wurden. "Ein paar schnelle Runden wären mir lieber gewesen", meint Beifahrer Martin, der sich gern bei Bergrennen vergnügt.

Gelegenheit dazu gäbe es am späten Abend im Autodromo Santa Monica in Misano, dummerweise rollen wir kurz hinter San Marino mit defekter Zündung aus. Bis wir die durchgeschmorte Sicherung entdeckt haben - wer denkt denn an so was? - sind wir längst aus dem knappen Zeitrahmen und damit außerhalb vernünftiger Platzierungen. Als wir gegen Mitternacht im Etappenziel Rimini ankommen, packen wir die Stoppuhren auf die Rückbank.

Zwei Silzilianer auf Fiat 508 C gewinnen

Früh am nächsten Morgen geht es weiter, zu früh für die Mitstreiter Hubertus Hüppauff und Burkhard Steins im Lotus Elan, die am Abend ihre Bordkarte abgaben, ohne sich die Startzeit zu notieren. "Als wir fragten, meinte ein Zeitnehmer irgendwas von neun Uhr, und da waren schon alle weg", erzählt Steins. Da hätten die beiden Berliner beinahe den schönsten Streckenabschnitt durch Umbrien und die Toskana verpasst, auf dem es endgültig keine Gerade mehr gibt, dafür jede Menge Berge und wunderschöne historische Städte. "Eine wunderbare Strecke", lobt Alfa-Fahrer Axel Marx am Abend und frotzelt: "Die erste Etappe war dagegen etwas ungeschickt - als es hell war, war die Gegend langweilig, als die Umgebung schön wurde, war es dunkel."

Auch der letzte Abschnitt beginnt früh, doch diesmal sind alle am Start, deren Auto noch läuft. Bis Mantua sind noch zehn Sonderprüfungen zu absolvieren, und im Ziel haben die Sizilianer Mario Passanante und Francesco Messina mit ihrem unscheinbaren Fiat 508 C von 1938 am wenigsten Strafpunkte gesammelt.

Der wahre Held des 18. Gran Premio Nuvolari aber ist der Schweizer Manuel Jolly, dessen Frau Yvette vor kurzem bei einer anderen Rallye unverschuldet tödlich verunglückte. Jolly fährt die gesamten 1.045 Kilometer allein in seinem Amilcar CGSs und erreicht Rang 31. Zur Erinnerung an seine Frau beschließen die Veranstalter, jeweils die Coppa Yvette Jolly an die bestplatzierte Dame zu vergeben, in diesem Jahr an die Italienerin Franca Boni. Als der Preis und die näheren Umstände verkündet werden, erheben sich alle Teilnehmer zu minutenlangem, schweigendem Applaus.

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