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London-Brighton-Run

Bloß nicht am Berg anhalten

London to Brighton Veteran Car Run 2011 Foto: Gaukler Studios 16 Bilder

Mit einem Mercedes Simplex von London 100 Kilometer südwärts in die Küstenstadt Brighton - das ist die Antwort auf die Frage, wie man als Oldtimerfreund einen perfekten Sonntag verbringt.

07.12.2011 Bernd Ostmann

Engländer lieben ihre Traditionen: Wenn 530 Fahrzeuge zum 78. Mal zum London-Brighton-Run antreten, dann sind eine halbe Million Zuschauer auf den Beinen. Und sobald es um die Tradition geht, ist der Engländer leidensfähig. Sonntagmorgen, sechs Uhr, im Hyde Park. Der Novembertag beginnt mit klirrender Kälte. Was sagt der englische Fan dazu? "Ein schöner Morgen." Stimmt, es hätte schlimmer kommen können. Es ist zwar wolkenverhangen, aber es regnet nicht.

Worum geht es hier im Hyde Park? Ganz schlicht um die Feier der Emanzipation des Autos. 1896 wurde der "Red Flag Act" gestrichen. Bis dahin hatte ein Mann mit roter Flagge vor einem Auto herzugehen und die Passanten vor diesem Ungetüm zu warnen. Schluss damit! Außerdem wurde die erlaubte Höchstgeschwindigkeit von Schritttempo auf 16 Meilen pro Stunde (22,4 km/h) angehoben. Die Automobilisten der frühen Tage waren von den Änderungen begeistert und organisierten eine Fahrt von London nach Brighton.

Nur Automobile bis Baujahr 1904

1927 wurde die erste Erinnerungsfahrt durchgeführt. Und seit damals ist die historische Tour nur zwei Mal ausgefallen: 1940 und 1947. Zugelassen sind übrigens ausschließlich Automobile bis Baujahr 1904. Bei Sonnenaufgang, auch wenn keine Sonne scheint, geht es um 7.02 Uhr los. Den Anfang macht diesmal das Benz-Dreirad mit Jutta Benz am Lenker. Sie fährt allerdings nur den Start - und mit einem zweiten Benz Patent-Motorwagen dann durchs Ziel. "Sonst wäre ich wohl eine Woche lang unterwegs", erklärt die Enkelin des Erfinders. Bei einer Leistung von 0,75 PS durchaus möglich.

Wir reisen mit einem Mercedes Simplex - quasi ein Youngtimer aus dem Jahr 1904. Mit der Startnummer 523 gehen wir erst um 8.15 Uhr auf die Reise - was sich schnell als Problem erweist. Die Mega-City London ist auch am Sonntag um acht Uhr längst zum Leben erwacht. Und was ein 107 Jahre alter Veteran gar nicht mag: den Stop-and-go-Verkehr. Die Kupplung kennt nur zwei Stellungen: auf oder zu. Das ständige Anfahren erschüttert das gesamte Gefährt, selbst die Kotflügel und die großen Lampen geraten gefährlich in Schwingungen.

Der Spurt von Ampel zu Ampel setzt aber vor allem der Kupplung zu. Der erste Gang geht nur noch mit brachialer Gewalt und zornigem Zahnradkrachen rein. Beim Zweiten protestiert das Getriebe bald ebenso heftig. Da hilft auch das Doppelkuppeln und die Gedenkminute, bis die Drehzahl wieder runterkommt, nichts. Sollte unsere Reise etwa schon in London zu Ende sein? Entwarnung: Hat der Simplex erst einmal Fahrt aufgenommen, kühlt die Kupplung schnell ab. Und wo es geht, mogeln wir uns über die Busspur oder zwischen den Fahrbahnen an den Staus vorbei. Die Sorgenfalten aus unseren Gesichtern hat die Kälte ohnehin längst weggeliftet.

Fünf Pedale - das hat mit Simplizität nichts zu tun

Simplex steht für einfach. Was Konstrukteur Wilhelm Maybach jedenfalls so unter simpel verstand. Dass am Lenkrad zwei Stellhebel für Zündung und Handgas zu bedienen sind, ist nichts Ungewöhnliches. Dass der Pilot im Fußraum aber gleich fünf Pedale treten soll, hat mit Simplizität eher wenig zu tun. Der Reihe nach: Ganz rechts ist das Bremspedal für die Eingangswelle. Das kleine daneben ist das Gaspedal. Ein zweites Bremspedal wirkt auf die Ausgangswelle. Dann kommt das Kupplungspedal, das glücklicherweise einen dicken Gummibelag trägt - und somit auch leicht zu finden ist. Und dann gibt es noch ganz links ein kleines Pedal für die Auspuffklappe, damit kann man richtig Radau machen und die Aufmerksamkeit von Passanten erregen. "Wir benutzen es, um zu prüfen, ob der Motor richtig rundläuft", erklärt unser Mechaniker Klaus Balle.

Er reist im Fond, zusammen mit Peter Fouquet, dem Bosch-Chef von England, der uns zumindest ein Stück des Weges nach Brighton begleitet. Balle startet den Simplex: Zuerst wird Benzindruck aufgebaut. Dann sollte die Zündung am Lenkrad auf spät gestellt werden. "Das ist besser für meine Arme", meint Balle. Denn dann geht er an die Kurbel und wirft den Vierzylinder an. Zwei, drei Kurbeldrehungen, und der Motor schnurrt wie ein Kätzchen.

Das muss nicht immer so sein. Balle hat auf der Fahrt nach Brighton schon einiges erlebt. Einmal verlor der Simplex seine Zündanlage, ein andermal gab es einen plötzlichen Leistungsverlust. An den langen Steigungen vor Brighton kann das ausgesprochen lästig sein. Bei vielen Teilnehmern hilft hier nur noch Abspringen und Schieben. Hier hätte es spätestens Jutta Benz mit ihrem Dreirad erwischt, aber auch einige der ersten motorisierten Kutschen oder die Zwitter aus Kutsche und Motorrad - skurrile Gefährte, bei denen der Passagier vorn in einem Korbsessel sitzt und der Pilot dahinter am Lenker steht. Und es gilt für die Dampfwagen, die so viel Kohle fressen, dass an der Strecke Depots angelegt werden müssen. Wer den Verkehr in London überlebt hat, der scheitert nicht selten am Berg.

Und die ersten ernsthaften Automobile? Der Mercedes Simplex leistete in seiner Rennversion bereits 1903 rund 60 PS und erreichte eine Höchstgeschwindigkeit jenseits von 100 km/h. Er und seine Altersgenossen kommen also problemlos hoch. Für sie werden eher die vielen Helfer, die in der Fahrbahnmitte stehen und den Verkehr zwischen den Problemfällen und dem restlichen Verkehr regeln wollen, zum Prüfstein. Denn Anhalten am Berg ist für alle Oldies Gift.

Ernst Piëch und Jochen Mass von London nach Brighton

Der Lohner-Porsche mit Hybrid-Antrieb, den Ernst Piëch an den Start bringt, kommt problemlos über die Hügel. "Aber einmal hat er doch gekocht", verrät der Porsche-Enkel im Ziel.

Piëch ist nicht der einzige große Name beim diesjährigen London-Brighton-Run. Mit einem amerikanischen Autocar startet Ex-Formel 1-Pilot Jochen Mass. Der frühere Formel 1-Weltmeister Nigel Mansell fährt zusammen mit Mike Penning, dem britischen Staatssekretär für Transport, den Mercedes Simplex-Rennwagen aus dem Jahr 1902.

Der Simplex war das Superauto der damaligen Zeit. Die Chauffeure saßen aber nicht nur voll im Wind, sie mussten auch kräftig zupacken. Das dicke Lenkrad lässt sich nur drehen, wenn der Wagen rollt. Schwer geht eigentlich alles. Mit einer Ausnahme: dem Gaspedal.

Die Automobile der ersten Stunde waren allesamt anfällig. Nicht jeder Oldie ist deshalb der 100 Kilometer langen Tortur gewachsen. Ein Navigationssystem braucht man beim London-Brighton-Run übrigens nicht. Man muss sich nur an den gestrandeten Automobilen am Streckenrand orientieren. Überall wird geschraubt und gebastelt. Das gehört bei einer Ausfahrt mit den Veteranen einfach dazu. Wer aber auf sich hält, der erreicht Brighton. Irgendwann, auch wenn es nach Sonnenuntergang ist.

Mercedes Simplex mit 1,5 Millionen Euro versichert

Trotz aller Schwächen: Die ersten Automobile haben längst bei den Sammlern ihre Liebhaber gefunden. Schade, denn ein Reiz von London-Brighton und den skurrilen Gefährten ist, dass die meisten Autos noch in Familienbesitz sind. Sie werden von Generation zu Generation weitervererbt. Und man fährt jedes Jahr von London nach Brighton.

Heute wird ein Dechert mit acht PS aus dem Jahr 1902 für knapp 60.000 Euro gehandelt, dessen Kutschbock nur Platz für zwei hat. Wer einen Viersitzer möchte, der zahlt für einen etwa elf PS starken Talbot Type CT2 K9 mindestens 180.000 Euro. Der Mercedes Simplex ist mit 1,5 Millionen Euro versichert. Und ein De Dion-Bouton Dampfwagen, der 1887 beim ersten Autorennen in Paris am Start war und auch den London- Brighton-Run bereits absolvierte, der wechselte für 3,3 Millionen Euro den Besitzer. Es wäre jammerschade, wenn die Liebe zur Tradition zum großen Geschäft würde.

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