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London to Brighton Veteran Car Run

Veteranenfahrt für Automobile

London to Brighton Veteran Car Foto: Archiv 20 Bilder

November in London: An 500 Auto-Veteranen werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Brighton zu erreichen.Vor und hinter den Kulissen steigt gewaltig der Dampf auf.

13.07.2009 Malte Jürgens Powered by

Die Götter des technischen Fortschritts erhalten im November immer besonders viele Dankesgebete. Die meisten davon aus England, denn im November findet der London- Brighton-Lauf statt, eine Veteranenfahrt für Automobile, die vor 1905 gebaut worden sind. Bei diesem Run fahren auch Dampfvehikel mit, und die Dankesgebete gelten der Tatsache, dass die Benzinautos sich damals dann doch recht rasch an den Straßendampfern vorbeientwickelt haben. Andernfalls wäre England heute unter einer gewaltigen Rauchwolke nicht mehr zu erkennen. Zehn Säcke Kohle braucht der Salveson für die 97 Kilometer von Londons Hyde Park bis an den Madeira Drive im Seebad Brighton.

Der Daimler von Motor Klassik hat blaues Blut

Das Auto, mit dem Motor Klassik am diesjährigen Run teilnahm, gehört wie die allermeisten seiner rund 500 im Hyde Park antretenden Artgenossen schon zur Benzin verbrauchenden Spezies. Der zweizylindrige Daimler mit dem amtlichen Kennzeichen A7 ist sozusagen von königlichem Geblüt: Im Juni des Jahres 1900 wird er mit einer Hooper- Karosserie an den Prince of Wales ausgeliefert, der ein Jahr später zum König Edward VII. gekrönt wird. Später geht A7 in den Besitz von Lord Suffield über, dann in den von Lord Hastings, bei dem er eine viersitzige Tonneau- Karosserie erhält. 1924 wird er vom britischen Daimler-Agenten Ernest Instone auf einem Schrottplatz entdeckt und für zehn Pfund für Daimler in Coventry zurückgekauft. 1938 dreht König George VI. damit eine Runde über den Fabrikhof der britischen Daimler-Werke.

Der Jaguar-Daimler-Heritage-Trust setzt die königliche Kalesche heutzutage nicht ohne Hintergedanken ein. Seit 1960 gehört British Daimler zu Jaguar, und die Daimler-Versionen sind immer die ultimativen Luxusausführungen der Jaguar- Modellpalette - doch werden sie derzeit nicht angeboten. 2005 sollen neue Daimler-Ausführungen des aktuellen Jaguar XJ erscheinen, weshalb man dem historischen Erbe verstärkt Aufmerksamkeit zollt. Als Chauffeur von A7 pumpt beim Start des Runs um halb acht im Hyde Park ein gewisser Michael Quinn Druckluft auf den Tank. Quinn arbeitet wochentags bei der Jaguar-Vertretung im Londoner Stadtteil Kensington, und er kennt sich in der Jaguar- und Daimler-Geschichte verblüffend gut aus. In einem Nebensatz erklärt er, warum: Sein Großvater war niemand anderes als der Jaguar-Gründer und Daimler- Käufer Sir William Lyons.

Seine Erinnerungen an William Lyons als Großvater sind von Sachlichkeit geprägt: "Er gehörte noch zur eher formal ausgerichteten Generation. Kinder spielten nicht die Hauptrolle in seinem Leben. Nach seinem Tod wurde ich durch sein Haus geführt, vorbei an seinen Schränken, und es stand mir frei, etwas auszusuchen. Das wunderbare C-Type-Modell aus purem Silber, das er einmal besaß, war ihm schon zu Lebzeiten gestohlen worden. Ich entschied mich also für zwei Paar seiner handgenähten Schuhe. Als ich sie anprobierte, konnte ich es kaum glauben. Obwohl er sie jahrelang benutzt hatte, passten sie mir wie angegossen. Ich trage sie heute noch ab und zu."

Der Start erfolgt in Gruppen mit zehn bis zwölf Autos

Ein schwungvolles Drehen der Anlasskurbel. Willig nimmt der Zweizylinder die Arbeit auf. Die beiden Fußpedale wirken auf Kupplung und Bremse. Und das Gas? Die Drehzahl wird allein per Zündverstellung reguliert. Spät bedeutet langsamer Leerlauf, früh lässt den Motor bis auf 1.000 oder 1.200 Umdrehungen pro Minute hochjubeln. So war das damals: Es galt, den Motor zu einer konstanten Drehzahl zu überreden; alles andere ist Sache des krachend unsynchronisierten Dreigang-Getriebes. Der Start zum Run erfolgt in Gruppen zu zehn oder zwölf Fahrzeugen. Der Locomobile von 1899 neben uns geht an den zahlreichen Londoner Ampeln fast so gut wie ein modernes Auto, Dampfwolke hin oder her. A7 schleppt sich dagegen mit knirschendem ersten Gang langsam voran, dann die Suche nach dem zweiten, ganz zu schweigen vom dritten. Und wieder Rot. Um die Jahrhundertwende war Dampf eine fahrbare Alternative , keine Frage.

Die Elektro-Autos hatten schon zu ihrer Zeit keine Chance - wie ein London-Brighton-Report vom ersten Run 1896 belegt. Charles Jarrott war damals dabei, und sein Buch "Ten Years of Motor and Motor Racing" hält die Szenerie eindrücklich fest: "Ein nebliger, dumpfer, feuchter, typischer Novembermorgen sah mich auf dem Weg vom Holborn Viadukt zur Central Hall. Als Garage diente sie jenen unerschrockenen Leuten, die unter Gefahr für Leib und Leben einen Run von London nach Brighton fahren wollten." "Das Gesetz, Motorwagen auf öffentlichen Straßen durch einen vorauslaufenden Mann mit einer roten Flagge begleiten zu lassen, war gerade gekippt worden, statt maximal vier Meilen pro Stunde waren jetzt zwölf erlaubt. Um diesen bedeutenden Moment zu feiern, wurde ein Motorwagenlauf organisiert. Der Start war auf zehn Uhr morgens vor dem Hotel Metropole festgesetzt."

Erinnerungen von Charles Jarrott

"Ich werde niemals die Szene vergessen, die sich mir darbot. Französische Mechaniker und deutsche Geschäftsleute wirbelten mit Enthusiasten aller Herren Länder in unbeschreiblicher Verwirrung durcheinander. Riesige Brenner wurden von Auto zu Auto getragen, um die Glührohr-Zündungen anzuheizen, und ab zu flackerte eine Petroleum-Verpuffung durch die vernebelte Halle. Ein unbeschreibliches Inferno." "Léon Bollée war anwesend - mit seinen Dreirädern, die ich eher als Festland- Torpedos bezeichnen würde. Elektro-Autos tauchten auf, deren Fahrer offenbar keine Ahnung davon hatten, dass ihre Batterien kaum für 20 Meilen reichen würden. Dabei waren aber auch die Panhard-und-Levassor-Maschinen, die gerade das Rennen Paris - Marseilles hinter sich hatten." "Der Earl of Winchilsea zerriss spektakulär eine rote Fahne. Im zweiten Auto, ein Daimler Landaulette, saß Gottlieb Daimler. Der Lauf verlief so chaotisch, dass danach alle Pferdehändler und Sattelmacher beruhigt waren - das Automobil würde sich nie durchsetzen."

Doch die Pferdehändler und Sattelmacher irrten. In den Jahren nach 1896 wurde der London- Brighton-Run zunächst unregelmäßig ausgetragen, und nicht immer war das Ziel tatsächlich Brighton. Doch seit 1927 findet der Run jährlich statt, seit 1930 unter dem Patronat des Royal Automobile Club RAC. Seitdem ist es für traditionsbewusste britische Automobilisten eine Frage der Ehre, mit den ältesten Eisen der Kraftfahrhistorie am Run teilzunehmen. Worüber niemand spricht: Es ist auch eine Frage des Geldes. Denn Autos, die bis zum 31. Dezember 1904 gebaut wurden und die damit London-Brightonfähig sind, gelten nicht nur den Engländern als besonders wertvoll. Deshalb ging vor zwei Jahren ein Aufschrei durch die Szene, als der RAC das Limit auf den 31. 12. 1906 anhob. "Das", wetterte der britische Auto-Historiker David Burgess-Wise, "hätte man sich 1927 überlegen müssen." Malcolm Jeal, Funktionär des London-Brighton-Runs, stellt heute klar: „Es gab nie eine juristische Auseinandersetzung. Es gibt jedoch Leute, die inzwischen sauer sind auf die Organisatoren. Und das liegt daran, dass heutzutage mehr über hundertjährige Autos bekannt ist als noch vor 50 Jahren.

Der Daimler gibt auf dem Weg den Geist auf

Damals konnte zum Beispiel ein Renault oder Mercedes von 1905 teilnehmen, weil die Firmenarchive noch nicht zugänglich waren und deshalb eine exakte Baujahrbestimmung nicht möglich war. Mittlerweile unterstützen uns die Hersteller, weshalb manches Auto, das vor 50 Jahren London-Brighton gefahren ist, jetzt nicht mehr zugelassen wird." Dem Daimler mit dem Kennzeichen A7 ist dieser Streit egal. Beim offiziellen "Coffee-Stop" in Crawley verweigert er endgültig den Dienst. "Klingt nicht gut", sagt Michael. "Ihr habt Big-end-troubles", erläutert der Jaguar-Streckendienst den Pleuellager-Schaden. Was bleibt, ist ein seltsamer Wunsch. Man müsste ein Auto haben, das vor 1905 gebaut wurde. Und damit dann, einmal im Jahr, alle zwischen London und Brighton verblasen. Zuerst den Dampfer von Salveson, der natürlich pünktlich im Ziel war.

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