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London to Brighton Veteran Car Run

Brighton-Sport für Veteranen

Mercedes-Simplex-Trio, Tourenwagen 1904, Sportwagen, Racer Foto: Malte Jürgens 28 Bilder

Zum London to Brighton Veteran Car Run starteten starteten am 7. November 505 Veteranen. 433 von ihnen kamen durch - darunter auch der Mercedes Simplex mit Motor Klassik und Jochen Mass am Steuer. Run-Bemerkungen aus dem Fond.

18.02.2011 Malte Jürgens Powered by

Das Leben mit einem klassischen Automobil der Veteranen-Epoche steht klar im Einklang mit der Natur. Wenn die November-Temperaturen im Londoner Hyde Park bis knapp vor den Gefrierpunkt absinken, sorgt die klassische Technik von allein dafür, dass dem menschlichen Anlasser nicht kalt wird. 

Leistungssport schon vor dem Start

Unser Fünfliter-Vierzylinder wird mit der Andrehkurbel gestartet, und die Einzelhubräume von gut 1,3 Liter pro Topf sind zwar mit 4,5 : 1 nur spärlich verdichtet, aber wenn er nicht zündet, der Hund, wird dem Mann an der Kurbel spätestens nach der dritten vollen Umdrehung angenehm warm. Die Mechaniker-Crew vom Mercedes-Classic-Team kann sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Der Kollege an der Kurbel des Mercedes Simplex 28/32 aus dem Jahr 1904 nimmt so langsam die Gesichtsfarbe des reifen Liebesapfels an. Letzteres steht für den poetischen Namen der Tomate, Ersteres für die Erkenntnis, dass der London-Brighton-Run durchaus Leistungssport sein kann.

Nach der siebten oder achten Umdrehung schwingt die Kurbel aus, und der Gesichtsausdruck des Anlassers signalisiert ganz unmissverständlich ein „Na warte nur, Freundchen“ Richtung Simplex. Die Zischhähne auf den paarweise gegossenen Zylinderblöcken werden geöffnet, und aus einer Laborflasche mit pipettenförmigem Auslaufröhrchen ergießt sich von oben eine geheimnisvolle Flüssigkeit in die Brennräume. Über die Mischung darf spekuliert werden: ein bisschen Benzin, ein wenig Benzol, ein Spritzer Nitro, und das Ganze aufgefüllt mit reinem Äther, oder so.

Die Zischhähne bleiben offen, Claus dreht nochmals die Kurbel, und dann versteht man, warum die kleinen mechanischen Messingpforten zum Inneren des Motors einst ihren Namen "Zischhahn" bekommen haben: Bei jeder Zündung schießt knallend, pfeifend und zischend eine blaue Stichflamme mit gelbrötlichem Zentrum in die Höhe, das sieht nach knapp 1.000 Grad aus. Und jetzt, grinsen die Kollegen, müssen die Hähne wieder geschlossen werden. Nur wie? Noch im Auspufftakt dazu Richtung Zischhahn fingern, den Ansaugtakt nutzen, zu mit dem Ding, aber da, bamm und tsch, hat der Hund schon wieder gezündet. Wo sind die Asbesthandschuhe aus dem Werkzeugkasten? Die Schmauchspuren auf der sorgfältig lackierten Motorhaube künden noch lange vom Spiel mit dem Feuer.

Vorwärmen anno 1896: Benzin drüber und anzünden

Die Sitten beim ersten London- Brighton-Run 1896 waren da noch etwas rustikaler. Charles Jarrott beschreibt in seinen Memoiren die Methode eines Teilnehmers, seinen Motor vorzuwärmen: Benzin drüber, anzünden und die Motorhaube schließen. Ist das ausgeleerte Benzin verbrannt, ist der Motor warm. Damals hat das funktioniert: Die meisten Maschinen sind 1896 ja noch mit Glührohrzündung ausgerüstet, da können keine elektrischen Kabel verbrennen. Jetzt sind wir startbereit.

An dieser Stelle bietet sich ein kurzer Exkurs in die Geschichte des London-Brighton-Runs an. Frühe Prä-Automobile, nämlich die tonnenschweren Dampf-Locomobile, zerstörten durch ihr Tempo und das vieltonnenschwere Gewicht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in England mit zunehmender Geschwindigkeit die noch primitiven Straßen. Die Eisenbahn-Unternehmer fürchteten die neue Konkurrenz zudem, und die Großgrundbesitzer wollten den von ihnen kontrollierten Heumarkt nicht aufgeben. Wohin denn dann mit dem ganzen Pferdefutter? Folglich war in England fast jede Fraktion von Rang gegen das Auto, was 1865 zum Red-Flag-Act führte: Locomobile durften maximal 4 Meilen pro Stunde fahren, und ein Bediensteter mit roter Flagge musste ihnen vorausschreiten.

Das hielt Pferd und Bahn noch drei Jahrzehnte lang konkurrenzfähig. 1896 war es aus mit dem Act. Autos durften erst mit 12, dann mit 16, später mit 20 Meilen pro Stunde reisen. Und um diesen historischen Beschluss artgemäß zu feiern, donnerten am 14. November 1896 genau 58 Benzin- und Dampfkutschen die 97 Kilometer runter nach Brighton. Dieser seit 1948 jährlich zelebrierte Lauf ist ein Ereignis, welches so große gesellschaftliche und historische Durch schlagskraft besitzt, dass sogar die Preise des technischen Geräts dafür beeinflusst werden.

Teilnahme nur für Autos vor 1905

Nach der Definition des ehrenwerten Veteran Car Clubs VCC, der 1930 im Anschluss an den damaligen London-Brighton-Run in der Bar des Ship Hotels in Brighton gegründet wurde, ist die erste Pionierepoche des Automobils 1904 abgeschlossen. Nur Motorfahrzeuge, die bis zum 31. Dezember jenen Jahres gebaut wurden, sind teilnahmeberechtigt am Run. Folglich kostet ein Auto von 1904 heute deutlich mehr als das baugleiche Modell von 1905, das für den Run aber um ein Jahr zu jung ist. Streitereien um einen schottischen Arroll-Johnston führten vor ein paar Jahren dazu, dass die Frist bis 1906 verlängert wurde. Offizielles Argument: "Weil junge Leute dem Run fehlen, und die bekommt man nur mit jüngeren Fahrzeugen."

Als daraufhin die Eigner der echten 1904-und-früher-Autos Klagen ihrerseits gegen den Veranstalter erhoben - der Wert der London-Brighton-tauglichen Originale drohte drastisch zu sinken - einigte man sich rasch wieder auf das Originaldatum 1904. Die Strahlkraft des Runs ist dabei unübertroffen. "London-Brighton eligible" ist ein Prädikat, das die automobilen Pioniere in dramatischer Art und Weise adelt. Und nur im Hyde Park Anfang November sieht man, was es aus dieser grauen Frühzeit des Automobilismus alles noch gibt.

Erstmals beim London to Brighton Run dabei: NSU Dreirad

In diesem Jahr zum ersten Mal dabei ist etwa ein Dreirad von NSU, Jahrgang 1904, an den Start gebracht vom Museum Autovision in Altlussheim bei Hockenheim. Unglücklicherweise streikte die Mechanik, aber Museumschef Horst Schultz zeigte sich dennoch beglückt: "Zum ersten Mal fährt beim Run ein NSU mit"

Deutschland stellte in diesem Jahr mit 26 Startern unter 505 tatsächlich über die Linie gerollten Veteranen das Gastland Nummer eins. Die Startzeit richtet sich nach dem Lauf der Welt: Bei Sonnenaufgang, in diesem Jahr in London 7 Uhr 4 Minuten Ortszeit, geht’s los; und bei Sonnenuntergang hat man in Brighton zu sein. Sonst fliegt man aus der Wertung. 433 Automobile der Pionierepoche schafften die Vorgabe, darunter das gesamte Mercedes-Team. Es bestand aus dem Simplex-18/32-Tourenwagen, in dem Motor Klassik den Run zähneklappernd genießen durfte, einem Simplex Rennwagen 18/40 aus dem Museum und einem Kundenfahrzeug, dem zweisitzigen Simplex-Racer 1904 von Bruce McCaw. Der amerikanische Sammler hatte für einen siebenstelligen Betrag diese Rarität ersteigert, um nach eigenen Worten "einmal am London-Brighton-Run teilnehmen zu dürfen".

Lieber ein Bier in Brighton als einen Kaffee in Crawley

Le-Mans-Sieger Mass fährt wie im Wettbewerb. Der sorgfältig ausgerichtete Zwischenstopp wird ignoriert. "Was wollen wir mit einer Tasse Kaffee in Crawley? Lieber ein Bier in Brighton." Nach drei Stunden sind wir da, durchgefroren bis auf die Knochen. Das entspricht einem Schnitt von rund 33 km/h, ohne Tanken.

Auch die meisten anderen deutschen Teilnehmer haben es bis an die Kanalküste geschafft. Wolfgang Krämer über seinen Leon Buat: "Der ist gelaufen wie eine Biene. Selbst den Red Hill hinauf war kein Problem." Kommendes Jahr werden auf dem Run am 6. November auch viele deutsche Fahnen flattern. Mit den Erfindern Daimler und Benz werden 125 Jahre Automobil gefeiert, Mercedes-Benz wird auch beim Run der Star sein. Und es müsste schon mit dem Fürsten der Finsternis zugehen, würde Motor Klassik bei solch einem Jubiläum nicht einen eigenen Salut über den Kanal schicken.

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