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Lordwerkzeug

Foto: 8 Bilder

Ein billiges Auto muss nicht preiswert sein. Das gilt vor allem auch für einen Rolls-Royce. Was kann man erwarten, wenn man mit begrenztem Budget auf Rolls-Einkaufstour geht?

13.01.2007 Heinrich Lingner Powered by

Autobahn A2, nördlich von Osnabrück, Ausfahrt Lohne/Dinklage: Hier, im so genannten Güllegürtel, soll er stehen. Der erste Rolls-Royce, den wir auf unserer Suche besichtigen wollen. Silver Shadow II, 77.000 Meilen, Erstzulassung März 1979 für 15.899 Euro. Das scheint verlockend, ebenso wie die Internetbilder des dunkelgrünen Rolls mit der hellen Innenausstattung. Das Autohaus ist schnell gefunden. Man handelt mit Jahreswagen, EU-Importen und edlen Gebrauchten.

Der Rolls im Showroom fremdelt ein wenig zwischen einem Mercedes-Benz R 129 und einem Smart Crossblade. Werner Mork hatte uns gewarnt. "Für wenig Geld gibt's kaum gute Autos", erzählte der Betreiber einer Werkstatt für ältere Rolls und Bentley im westfälischen Kamen. "Die Ergebnisse von solchen Käufen stehen oft genug bei mir auf dem Hof", verrät er. "Die Kosten wachsen den Käufern, die ein vermeintliches Schnäppchen gemacht haben, dann sehr schnell über den Kopf."

Werner Mork weiß, wovon er redet. Er schraubt seit fast 30 Jahren an den edlen Briten, ist beinahe ebenso lang in der deutschen Sektion des Rolls-Royce Enthusiasts' Club tätig und amtiert dort zurzeit als Technical Secretary. Nicht übel, denke ich und umrunde den Silver Shadow. Nur die fehlenden Radkappen irritieren ein wenig.

Türkante und Bodenbleche scheinen in gutem Zustand

"Wir haben uns erkundigt, die kosten angeblich 1500 Euro pro Stück", erläutert Verkäufer Hans-Jörg Krechmann, der hinzu kommt und mir den Rolls zeigt. Das stimmt nicht ganz, laut Mork sind die Deckel für unter 500 Euro je Exemplar zu haben. Die Karosserie zeigt auf den ersten Blick keine schweren Mängel. Radläufe, Schweller, Türkanten und Bodenbleche scheinen in gutem Zustand zu sein.

Der Innenraum macht einen zwar gepflegten, aber doch schon etwas verwohnten Eindruck. Etwa wie ein Schloss, in dem seit Jahren ein unverheirateter Graf wohnt, der sich den Unterhalt nicht wirklich leisten kann. So fehlen die Kopfstützen der vorderen Sitze. Die Fensterheber zeigen sich müde, und die elektrische Sitzverstellung hat hörbar Mühe, die schweren Fauteuils zu verschieben. Ansonsten funktioniert alles. Beim Drehen des winzigen Zündschlüssels leuchten alle Lampen auf und verlöschen beim Start auch wieder.

Nur die Leuchten für Kühlmittelstand und Benzinvorrat warnen noch bei laufendem Motor. Eine Sichtkontrolle unter der Motorhaube und 20 Liter Super aus dem Kanister beheben die Probleme. Der Rolls rollt unspektakulär, die Bremsen greifen weich, und das Getriebe schaltet beinahe unmerkbar. Vor allem die Bremsanlage sorgt bei Billigangeboten gern für teure Reparaturen.

Hydropneumatische Niveauregulierung an der Hinterachse

Das Hochdrucksystem reagiert auf falsches Hydrauliköl empfindlich und quittiert lange Standzeiten mit allerlei Undichtigkeiten. Das gilt im Übrigen auch für die hydropneumatische Niveauregulierung an der Hinterachse. Doch hier scheint alles in Ordnung zu sein. Welche Folgekosten tatsächlich auf den Schnäppchenjäger warten, kann letztlich nur ein Fachmann beurteilen.

"Nie ohne kundigen Begleiter", rät auch Werner Mork. Dennoch scheint der Rolls in Lohne einer zu sein, bei dem es sich lohnen könnte, ihn mit einem Rolls-Royce- Experten unter die Lupe zu nehmen. Ganz im Gegensatz zu unserem zweiten Objekt. Ein Silver Spirit soll es diesmal sein, dem kantigen 80er-Jahre- Nachfolger des Silver Shadow, mit dem er Fahrwerk und Technik in großen Teilen gemeinsam hat.

Der Verkäufer auf einem Gebrauchtwagenhof an der Automeile Kassels an der Leipziger Straße schickt uns auf eine kurze Odyssee ins hessische Bergland zu dem bei einem Bekannten abgestellten Silver Spirit. Und obwohl wir gewarnt waren ("Eigentlich ist er nur ein Teileträger oder etwas für einen guten Bastler"), sind wir doch ein wenig geschockt.

Silver Spirit in noblem Blaugrau

Der Silver Spirit in noblem Blaugrau steht im Hinterhof eines Sanitärbetriebs, und das schon ziemlich lange. Er bewegt sich keinen Millimeter, die Bremsen sind fest, der Reifendruck größtenteils in die Bergluft entwichen und die Türen unverschlossen.

Im Innenraum türmen sich abmontierte Verkleidungen auf den Sitzen, mit einem weißen Belag überzogen, der Mykologen in Verzückung versetzen könnte. Die Kühlerfigur verbirgt sich verschämt in ihrem Gehäuse. Wir lassen sie zurück, genau wie den Silver Spirit, denn dafür sind auch die geforderten 13 500 Euro etwas viel.

Für 650 Euro weniger wartet ein anderes Schnäppchen: Ein Silver Shadow I – H-Kennzeichen-tauglich und in gutem Zustand – soll für 12 950 Euro bei einem Händler unweit von Stuttgart stehen. Das Fahrzeug bei der Firma Stowasser & Schmalzried in Weinstadt spielt tatsächlich in einer anderen Liga: Er parkt unter einem Dach neben einer Corvette und einem Ponton-Cabriolet und wirkt auch auf den zweiten Blick so, dass man ruhigen Gewissens zur H-Abnahme nach Paragraph 21c vorfahren könnte. "Wir hatten schon viele Anfragen zu dem Auto", verrät Verkäufer Andreas Pflüger, der uns die Schlüssel zur kurzen Probefahrt überlässt.

Der Silver Shadow gibt sich unauffällig, die Karosserie ist fast makellos, ebenso der Innenraum. Alle elektrischen Helfer des Rechtslenkers scheinen zu arbeiten. Nur die lockere Lehne des Fahrersitzes und der nicht immer einrastende Rückwärtsgang geben Anlass zu Bedenken.

"Erst ab 20 000 Euro gibt's vernünftige Autos", hatte Experte Mork gewarnt. "Doch man kann auch schon mal für weniger einen guten Fang machen". Wenn wir wirklich einen Rolls- Royce kaufen wollten, dann würden wir den Letzten einer noch genaueren Betrachtung unterziehen.

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