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Malte Jürgens im Steyr Puch Haflinger

Automobile Ameise auf Ecstasy

Steyr Puch Haflinger, Malte Jürgens, Frontansicht Foto: Wolfgang Groeger-Meier 13 Bilder

Redakteur Malte Jürgens bewegt ungewöhnliche Vehikel. Diesmal nimmt er für einen furchtlosen Fahrversuch in einem Steyr Puch Haflinger Platz.

10.10.2012 Malte Jürgens

Am 8. Juni 1958 erschien in der Grazer "Kleinen Zeitung" eine Notiz, nach der es sich anbot, die Geschichte des Automobils neu zu schreiben. "Hubraum ist durch nichts zu ersetzen", hieß es bis dahin stets, "es sei denn durch noch mehr Hubraum." Doch dem kleinen blechernen Murmeltier Steyr Puch Haflinger, das sich da auf der Zeitungsseite eine steile Wiese emporarbeitete, wohnte zwar eine gewaltige Kletterkraft inne, doch nur ein Nichts von Hubraum: 643 Kubikzentimeter genügen, um mit 600 Kilogramm Eigengewicht plus 500 Kilogramm erlaubter Zuladung Steigungen von immerhin 65 Prozent zu bezwingen.

Diese automobile Ameise auf Ecstasy wurde von 1959 bis 1974 hauptsächlich in Graz-Thondorf zusammengeschraubt, und ihr Geheimnis liegt in den diversen Getrieben, die Hubraum entbehrlich machen. Der erste Gang ist streng nach den Reinheits-Geboten der Straßenbauämter ausgelegt: Bei 2.000/min kriecht der Steyr Puch Haflinger mit 2,3 km/h die Randsteine und Fußwege entlang und bürstet, schrubbt oder spritzt alles aus dem Weg, dessen Mensch und Natur sich entledigten.

Raserei im Steyr Puch Haflinger jenseits von 50 km/h

Der zweite Gang taugt so gesehen zum Anfahren ähnlich gut wie der dritte; vierter und fünfter Gang sind der Raserei vorbehalten. Darunter versteht ein Haflinger-Fahrer alles jenseits von 50 km/h. Zusammen mit Stufe eins, der kürzesten der drei Übersetzungen der Radantriebe in den Portalachsen, werden 52 km/h realistisch. Wem das nicht reicht, der kann Stufe zwei montieren und bis zu 58 km/h erzielen. Für die Avus bietet sich Stufe drei mit 64 km/h an. Wenn dazu noch der Keilriemen des Drehzahlbegrenzers in die Pause geschickt und statt der erlaubten 4.800/min bis zu 5.500/min gedreht wird, fegt der Steyr Puch Haflinger mit annähernd 75 km/h über den Asphalt.

Der Stoßstangen-Ventiltrieb ist übrigens für einwandfreies Funktionieren bis 6.500/min ausgelegt. Dieses Niveau lässt sich mit der Nockenwelle des Steyr Puch 650 TR und einer etwas größeren Luftröhre unschwer erreichen. Wer noch nicht genug hat vom Sausen des Fahrtwinds, der baut wie unsere Puch-Freunde aus Österreich statt des serienmäßigen Zweizylinders einen Sechszylinder aus dem Hause Porsche ein; das geht, aber vermutlich nicht lange gut.

Pilates für Kraftfahrer

Das Ritual des Aufsteigens müsste beim Steyr Puch Haflinger eigentlich von den Krankenkassen mit einem Bonus belohnt werden. Dazu gilt es nämlich, das Einstiegsbein 72 Zentimeter in die Höhe zu schwingen, mit dem Fuß die Kante der Rahmenplattform zu überwinden, ihn fest auf die Talsohle des Pedalkastens zu stellen, dann mit einem salsamäßigen Hüftschwung den Allerwertesten auf dem dürftigen Polster zu platzieren und wie Schmidtchen Schleicher das elastische zweite Knie dem Rest des Körpers wieder anzunähern. Irgendwie hat das was mit Pilates für Kraftfahrer zu tun und einer Übung, die dem "hängenden Hund" durchaus nahe kommt. Gesundheitsminister Daniel Bahr jedenfalls sollte den gymnastischen Teil des Haflinger-Fahrens belohnen.

Den Zündschlüssel drehen und dann in das Schloss hineindrücken, schon lässt der Dynastart den Zweizylinder im Heck erwartungsvoll blubbern. Und wenn der 0,65-Liter dann anspringt, macht er Radau fast wie ein 6,5-Liter. Das Stakkato der Zündungen mischt sich in das Schwirren der Luftleitbleche und das Heulen des Gebläserades, und kaum in Fahrt, geht es erst richtig los: Dann singen die vielen Zahnräder im Antriebsstrang noch eine gradverzahnte Oberstimme dazu. Bis zu vier Personen können sich so wie Wotans wilde Jagd im Steyr Puch Haflinger durch die Landschaft bewegen, dank zwei optionalen Fondsitzen auf der Ladefläche und ihren davor ins Blech geschnittenen Fußkästen zum bequemeren Kauern.

Unebenheiten kicken Insassen hoch wie Abschlag von Neuer

Fahrer und Beifahrer sollten über eine intakte Aufhängung der eigenen inneren Organe verfügen, denn die Aufhängung der Haflinger-Räder schüttelt sie durch wie den Inhalt eines Shakers in den Händen der Cocktail-Artisten. Die Sitze in der ersten Reihe befinden sich direkt über den an einer Pendelachse aufgehängten Vorderrädern, und jede noch so seichte Unebenheit kickt die Insassen hoch wie ein Abschlag von Manuel Neuer. Da ist viel Demut gefragt. Ein Rolls-artiges Gleiten oder ein Bugattihaftes Davonschnellen bietet ein Steyr Puch Haflinger, wie wir gesehen haben, also nicht. Dafür jede Menge Spaß, wenn es ins Gelände geht: Mit Böschungswinkeln von 40 bis 45 Grad krabbelt die kompakte Karosserie fast senkrecht den Kirchturm hinauf, und das Einsatzspektrum eines Haflinger wird normalerweise durch die Furcht des Fahrers vor dem Elfmeter der Schwerkraft begrenzt und nicht durch technische Möglichkeiten.

Das war schon 1958 so, als der Technik-Chef Erich Ledwinka bei Steyr Puch den Haflinger aus der Taufe hob. Spaß und Vielseitigkeit – kurz SuV ;-) – wurden ihm in die Wiege gelegt, und fast 17.000 Exemplare verbreiteten diesen Anspruch in alle Welt. Der Steyr Puch Haflinger wirkte bis ins Mercedes G-Modell: Das entstand bei Puch unter dem Codenamen H2 – Haflinger der Zweite.

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