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Marc Lieb im Porträt

Der rasende Ingenieur

Marc Lieb, Porträt Foto: Archiv 12 Bilder

Porsche ist sein Leben, Rennen mit dem 911 RSR seine Mission. Aber nicht nur das: Marc Lieb gehört als Porsche-Werksfahrer zur Créme de la Créme des internationalen GT-Sports. Und der Stuttgarter könnte sich obendrein ganz locker an den Kommandostand stellen, denn der Werksfahrer fährt zweigleisig - als Profi-Pilot und als Fahrzeugtechnik-Ingenieur

06.06.2013 Bianca Leppert Powered by

Das Helmdesign eines Rennfahrers erzählt oft mehr als tausend Worte. So mancher präsentiert stolz ausgefallene Farben oder martialische Sprüche, wie „Go hard or go home“. Doch Marc Liebs Helm ist seit 1992 in schlichtem Dunkel- und Hellblau gehalten. Für das 24-Stunden-Rennen Le Mans 2012 ließ er eigens drei Namen einarbeiten: Alexandra, Benedict, Jonathan. Es sind die Namen seiner Frau und seiner beiden Söhne. Eine nette Geste? Mehr als das. Es sagt viel über den Menschen Marc Lieb aus, für den Motorsport mehr ist als nur Hobby oder Beruf, aber für den im Leben auch noch andere Dinge als Setup, Ideallinie und Podestplätze zählen.

Wer dem Porsche-Werksfahrer im Fahrerlager begegnet, mag hinter dem oftmals bierernsten und konzentrierten Gesichtsausdruck einen verschlossenen, weltabgewandten Rennfahrer vermuten. Das würde nicht mal sonderlich verwundern, denn Erfolg in diesem Beruf hat schon einigen Herren ein paar Sicherungen gelockert. Es gibt jedoch kaum jemanden, auf den dieses Klischee weniger zutrifft als auf Marc Lieb.

Stuttgarter ist wie der Druide Miraculix

Er mag verbissen und auch verdammt ehrgeizig sein, gehört aber zu den aufgeschlossensten Typen, die der Rennzirkus noch zu bieten hat. Der geborene Stuttgarter, der aus seiner Liebe zum Heimatverein VfB keinen Hehl macht, wirkt mit seiner ruhigen Art, technische Zusammenhänge sehr verständlich zu erklären, fast so reflektiert und souverän wie der langbärtige, weißhaarige Druide Miraculix aus dem Gallierdorf von Asterix.

Der Eindruck täuscht nicht: Lieb weiß, wovon er spricht. Er wollte sich nie auf eine Karriere als Rennfahrer verlassen. Deshalb hat er zusätzlich einen Bachelor als Fahrzeugingenieur in der Tasche. „Ich bin ein rationaler Mensch“, sagt Lieb. Und seine Wurzeln haben ihn geprägt.

In seiner Kart-Zeit tingelte er als Zwei-Mann-Team zusammen mit seinem Vater, der bei Porsche als KfZ-Mechaniker in die Lehre ging, durch Deutschland und schlief auf der Luftmatratze im Lastwagen. In der Formel Renault prügelte er die letzten Zehntel aus einem sieben Jahre alten Auto. „Wenn es größer gescheppert hätte, dann wäre alles sofort vorbei gewesen. Aber dadurch habe ich gelernt, schnell zu fahren - und gleichzeitig aufs Material zu achten“, erinnert sich der 32-Jährige. Eigentlich hatte er schon mit seinem Traum von der Rennfahrerkarriere abgeschlossen, doch dann verändert die Porsche-Nachwuchssichtung sein Leben. Lieb wird 2000 Porsche-Junior und fährt Carrera Cup.

Vom Porsche-Junior zum Werksfahrer

Er nutzt das Sprungbrett und wird Werksfahrer. Aber selbst als er den Sprung zum etablierten Profi geschafft hatte, setzte Lieb auf den Joker in der Hinterhand. „Die Saison 2004 lief nicht nach Plan. Ich dachte mir: Wenn irgendetwas schiefgeht, dann stehe ich mit leeren Händen da.“ Deshalb schrieb er sich an der Fachhochschule Esslingen für das Fach Fahrzeugtechnik ein.
 
Es war sein zweiter wissenschaftlicher Anlauf. Drei Jahre zuvor schnupperte der Porsche-Junior zwei Semester lang in das Fach Fahrzeug- und Motorentechnik an der Uni Stuttgart. Schnell merkte er, dass auch ein Perfektionist irgendwann an seine Grenzen stößt. Lieb beherzigte damals den Rat von Carrera-Cup-Organisator Helmut Greiner und konzentrierte sich aufs Rennfahren. „Das war ein wichtiger Tipp, sonst wäre ich womöglich gescheitert und hätte weiter studiert“, so seine Erinnerung.

Der rennfahrende Student Marc Lieb

Beim zweiten akademischen Anlauf schraubt er sein Werksfahrerprogramm auf das Minimum herunter. Während die Studienkollegen nebenbei als Kellner, Pizzaboten oder am Band eines Automobilherstellers ihr Studium finanzieren, verdient Lieb am Wochenende seine Brötchen in Monza, am Nürburgring oder in Zhuhai. Ein Privileg, das er zu schätzen weiß. „Und ohne meine Studienkollegen, die für mich während meiner Abwesenheit mitgeschrieben haben, wäre ich total aufgeschmissen gewesen“, erzählt er. Mehr als einmal schläft der rennfahrende Student damals über seinen Büchern ein.
 
Nach sieben Semestern hat er seine Abschlussarbeit zum Thema Differenzialsperre abgegeben und darf sich Fahrzeugtechnik-Ingenieur nennen. Nebenbei fährt er unter anderem den GT2-Titel in der Le Mans Series ein, feiert mehrere Gesamtsiege beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring und gewinnt den GT2-Titel in der American Le Mans Series.

Marc war schon immer sehr reif für sein Alter

GT-Profi Marco Seefried kennt Lieb seit seiner Jugend. Ein paar Jahre teilten sich die beiden sogar ein Zimmer. „Ich erinnere mich noch, wie ich Marc Englischvokabeln abgefragt habe. Nicht einmal erwischte ich ihn, dass er etwas nicht wusste. Das hat mich wahnsinnig gemacht“, sagt Seefried und lacht. „Dazu war Marc schon immer sehr reif für sein Alter. Das hat mich beeindruckt. Er ist ein Mensch mit Weitblick.“
 
Mit 25 Jahren wird Lieb zum ersten Mal Vater. Sein erster Sohn Benedict (7) kommt während des Studiums auf die Welt, sein jüngerer Sohn Jonathan ist drei Jahre alt. „Meine Familie ist sehr wichtig für mich, sie erdet mich. Wenn ich nach Hause komme, ist es nicht wichtig, ob ich Zweiter oder Dritter geworden bin.“ Heimat, Freunde und Familie sind sein Kokon. Lieb käme nie auf die Idee, seinen Wohnsitz wie andere Rennfahrerkollegen nach Monaco oder in die Schweiz zu verlegen. Er ist einfach glücklich in Ludwigsburg.
 
Seinen Hang, alles unter Kontrolle haben zu wollen, bekommt auch seine Familie gelegentlich zu spüren. Unpünktlichkeit? Existiert im Wortschatz von Marc Lieb nicht. „Meine Frau bekommt regelmäßig die Krise, wenn wir Stunden vorher zum Flughafen fahren, weil ich den Flieger nicht verpassen will.“
 
Statt sich auf seinem FH-Abschluss auszuruhen, arbeitete der Familienvater und Profi-Rennfahrer nach dem Studium rund 25 Stunden pro Woche in der Porsche-Performance-Abteilung in Weissach an Projekten wie dem Porsche 911 GT3 R Hybrid oder dem Bodywork für die 2013er Version des Porsche 911 GT3 R.

Als Rocky hörte, wer sein Ingenieur ist, hat er sich fast kaputtgelacht

Was die Frage nach den Berührungspunkten zwischen seinen beiden Berufen aufwirft. Bei der Vorbereitung für ein Rennen mit dem Porsche 911 GT3 R Hybrid trifft Ingenieur Lieb auf Fahrerkumpel Mike Rockenfeller. „Als Rocky hörte, wer da sein Ingenieur ist, hat er sich fast kaputtgelacht“, erzählt Lieb und muss dabei selbst lachen.

Setzt Lieb seinen Helm auf, sagt er dem Ingenieur adieu. „An der Strecke bin ich nur Rennfahrer. Ich will kein Besserwisser-Ingenieur sein. Der Fahrzeugingenieur trägt die Verantwortung. Als Fahrer sollte man da nicht reinquatschen, auch wenn es mir manchmal schwerfällt.“
 
Im vergangenen Jahr gab er seinen Ingenieursjob in Weissach auf. Es kostete Überwindung. Lieb stand wieder einmal an einer Weggabelung, an der er sich für links oder rechts entscheiden musste. „Es wurden immer mehr Reisen und Pressetermine rund um meinen Job als Werksfahrer“, sagt der GT-Profi, der in der Saison 2012 rund 170 Tage um den Globus tourte.
 
„Es war nicht einfach, aber ich habe entschieden, mich nur noch auf das Rennfahren zu konzentrieren. Ich bin jetzt 32 und werde auf diesem Niveau noch vier bis fünf Jahre fahren können. Das möchte ich genießen und lieber eine Sache richtig machen, statt zwei Sachen nur halb.“
 
Eine Sache? Vielmehr ein Traum. Neben den Werkseinsätzen in der Sportwagen-WM mit dem Porsche 911 RSR stehen für Lieb in dieser Saison die VLN, das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring sowie ein paar Einsätze in seiner heißgeliebten Australischen V8 Supercar Serie im Terminkalender.

Traum vom Sieg beim 24h-Rennen in Le Mans

Insgeheim denkt er aber schon ein Jahr weiter, denn ein Traum blieb bisher noch unerfüllt - der Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Lieb hofft, einen Platz im LMP1-Projekt von Porsche für 2014 zu ergattern. Wie ernst er es meint, beweist, dass er seinen Ingenieurs-Job in Weissach aufgegeben hat. In den vergangenen Monaten trainierte er noch härter und achtete noch mehr auf seine Ernährung.
 
Neunmalkluge sagen, der Umstieg vom GT in einen LMP sei zu groß. Doch Timo Bernhard oder Romain Dumas haben einst das Gegenteil bewiesen. „Der größte Unterschied ist der Abtrieb“, sagt Lieb. „Du musst deinen Fahrstil umstellen. Ich bin mir sicher, dass das nach ein paar Testtagen kein Problem ist.“ Wer weiß: Vielleicht sieht man das schlichte blaue Helmdesign von Marc Lieb bald wieder in Le Mans - diesmal vielleicht in einem LMP1-Porsche.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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