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Marktrundgang der Techno Classica Essen

Wo der Wucher lauert

Techno Classica 2015, Marktübersicht Foto: Kai Klauder 83 Bilder

Realistisch oder überzogen, Sternlastig oder vielfältig. Auf der Techno Classica gibt es einige Überraschungen zu entdecken. Erster Marktbericht mit antiseptischen Alfas, unverkäuflichen Oldies und dem Sättigungseffekt beim Mercedes 300 SL.

15.04.2015 Kai Klauder Powered by

Gerade liegt die Pressemappe der Techno Classica 2015 vor mir. Der Schwerpunkt ist eindeutig: Die Kursentwicklung der Oldtimer. Die Überschriften lesen sich wie Börsenmeldungen: "Oldtimer-Wertsteigerung: Der HAGAI Oldtimer-Index für seltene und hochwertige Klassiker", "Oldtimer verzeichnen 2014 leichten Wertzuwachs. Deutscher Oldtimer Index des VDA" oder "Die teuersten Oldtimer des Jahres - Oldtimerauktionen 2014".

Ich sehe - und höre - schon N24-Börsenpabst Mick Knauff über die Oldtimerszene rauchig-markant sinnieren: "Ja ja, da kann man nichts machen, Klassiker werden eben immer teurer, die Preiskurve zeigt steil nach oben - ein Ende ist nicht in Sicht."

Doch ich schnappe mir Frank Wilke vom Marktbeobachter classic-analytics und mache einen Marktrundgang, um selbst eine Preiseinschätzung auf der weltgrößten Klassikermesse zu machen. Ist die Klassikerszene wirklich in der Hand von Spekulanten und Preistreibern, von Investoren und Leuten, die die Fahrzeuge als Anlageobjekt sehen?

Die S.I.H.A., Veranstalter der Techno Classica Essen, spricht von "über 2.500 Fahrzeugen", die in diesem Jahr bei der Oldtimermesse angeboten werden. Am ersten Tag, dem "Happy View Day" für Pressevertreter, "Insider" und Händler sind viele Anbieter noch damit beschäftigt, ihre Klassiker ins rechte Licht zu rücken und zentimetergenau einzuparken. Kein Wunder, sie müssen jeden Quadratmeter nutzen, um die Fläche möglichst effizient auszunutzen.

Wir starten in Halle 3 am Stand von Motor Klassik. Erste Überraschung. Das ehemalige Freigelände 3 wurde mit einer Hallenkonstruktion überdacht und beherbergt nun als "Halle 2A.Private Automobilanbieter" einige Fahrzeuge aus Privathand. Wir finden jedoch auch viele Fahrzeuge von zumindest semiprofessionellen Händlern.

Die Fahrzeuge zeigen wir in unserer Fotoshow.

Auffällig sind hier die vielen Importe - und wie der spätere Rundgang bestätigen wird, die überraschend wenig vertretenen Mercedes-Klassiker wie W123 und W124.

"Unverkäuflich für das Geld"

Uns fällt ein Ford Anglia Sports Tourer von 1947 ins Auge. "Der Zustand ist toll, der Wagen bei uns sehr selten - doch der Wagen ist unverkäuflich für das Geld", sagt Frank Wilke, der gleich drei Gründe nennt: "Erstens ist es ein Ford, zweitens hat er einen Motor, der kaum vorhanden ist, und drittens ist es diese Form. Den will doch keiner haben. Und wenn doch, dann wären um die 13.000 bis 14.000 Euro realistisch - aber nicht die geforderten 21.000 Euro."

Verbraucht statt gebraucht

In Halle 2 bietet ein schwedischer Händler zahlreiche deutsche Klassiker an: Darunter einen VW Käfer-Scheunenfund, der schön aussieht und nett drapiert ist - inklusive passendem Schlitten auf dem Dach. "Der ist am Ende. Der ist nicht mehr gebraucht, sondern verbraucht", urteilt Wilke. Die Patina ist einer Schrottplatz-Aura gewichen, die aufgerufenen 39.000 Euro sind viel zu viel. "Bei knapp über 20.000 Euro muss da Schluss sein, und das auch nur bei einem Liebhaber." Auch das DKW 3=6 Cabrio fällt bei dem Profi durch: "Das ist ein super Zustand, die Form toll, die Restaurierung hochwertig, doch die 79.500 Euro sind utopisch. Maximal 35.000 Euro sind realistisch."

Techno Classica als Testmesse

Diese hohen Preisforderungen überraschen Wilke allerdings überhaupt nicht. "Die Techno Classica ist eben eine Testmesse - und das war sie auch schon immer. Wer etwas probieren will, probiert es hier. Da werden zum Teil wirklich heftige Preise auf die Tafeln geschrieben, doch die Händler testen das aus. Sie bleiben meistens auch kurioserweise bei den Preisforderungen über die gesamte Techno Classica - und packen dann den Wagen wieder ein. Vielleicht bieten sie ihn dann ein paar Wochen später über einen Online-Marktplatz oder die Kleinanzeigen in den Fachzeitschriften etwas günstiger an." Wilke erinnert sich an die Unkenrufe, die es vor rund 5 bis 6 Jahren gab, als ein renommierter Händler einen BMW 507 für 800.000 Euro anbot. "Damals schrien viele, dass sei viel zu teuer und völlig überzogen. Doch jetzt liegt ein wirklich guter 507 schon bei 1,6 Millionen - und die Unkenrufer sind still."

Sättigungseffekt beim Flügeltürer

Es gibt im Moment einige Trends zu verzeichnen, etwa, dass die Szene nach Fahrspaß-Klassikern sucht. Wie etwa nach dem Mittelmotorsportler Renault 5 Turbo, der in den letzten Jahren einen heftigen Preisschub erfahren hat. "Die Leute suchen jetzt vermehrt nach fahraktiven Autos mit toller Technik - und davon profitiert so ein R5 Turbo. Da hat Renault aus einer Einkaufsbüchse einen Mittelmotor-Rennwagen gemacht. Und diese abgedrehte Idee bekommt immer mehr Fans. Das ist purer Fahrspaß, zwar schlecht verarbeitet, aber das ist ja egal, weil so ein Auto nur am Sonntag aus der Garage geholt wird."

Andererseits gibt es auch schon erste Anzeichen, dass einige ehemalige Zugpferde der Szene an Strahlkraft verlieren: "Der 300 SL ist so ein Fall. Der ist in letzter Zeit etwas günstiger geworden. Ich denke mal, dass da ein leichter Sättigungseffekt einsetzt. Das Thema 300 SL ist dann auch mal gut", sagt Wilke.

Abwarten und aufs erste Zucken warten

Auch der Audi Sport Quattro ist ein Sonderfall. Seit im Januar 2015 ein solcher kurzer Quattro mehr als 402.000 Dollar erzielte (347.000 Euro) ist es sehr ruhig auf dem Markt geworden. "Da gibt es derzeit keine Autos. Wer einen Sport Quattro hat, wartet jetzt erstmal ab, was da so in den nächsten Monaten passiert. Manche werden nun heiß auf die Sport Quattros, manche erhoffen sich explodierende Preise. Und damit entwickelt sich eine Eigendynamik."

"Original restauriert" - original oder restauriert?

Wir kommen zum Stand eines Horch-Restaurierers. "Ach ja, die Autos sind zwar ganz schön, doch die kann man nur in Deutschland verkaufen." Etwa der Horch 350 Phaeton  von 1927. Der soll 275.000 Euro kosten. Doch das ist deutlich zu viel, sagt Wilke: "Rund 200.000 Euro wären realistisch." Auch der daneben geparkte Horch 420 Sport Cabriolet ist mit 380.000 Euro mutig eingepreist. "Der Markt für diese Autos ist sehr klein. Bei diesem Auto kommt noch hinzu, dass es heißt 'original restauriert' - was heißt das nun - original oder restauriert?

Antiseptische Alfas und das Kopfkino

Die nächsten Augenfänger sind zwei offene Alfa Romeo 6C mit Ghia-Karosserie. Der eine, ein 1947er 2500 holte einen Klassensieg bei der Villa d'Este. "Der sollte so etwa bei 700.000 Euro liegen", meint Wilke, leider gibt es keine Angaben zum Preis - die bekommt man nur bei ernsthaftem Interesse. Das andere Cabriolet ist ein ebenfalls toprestaurierter 2500 von 1947, der 395.000 Euro kosten soll. "Der wirkt so ein bisschen antiseptisch auf mich. Ein Alfa wird gefahren und lebt auch, deshalb darf er auch etwas angeratzt sein. Denn nur so startet doch das Kopfkino und man denkt sich, welcher Pate wohl mit diesem großen Alfa durch die Toskana geballert ist. Wenn der Wagen allerdings komplett restauriert wurde und man auf neu bezogenen Sitzen Platz nehmen muss, verliert das Auto doch an Flair."

Nach dem ersten Rundgang auf der Techno Classica 2015 gibt es also ein recht hohes Preisniveau bei den Profihändlern zu vermelden. Morgen schauen wir uns auf dem Privatmarkt um - und suchen nach den Schnäppchen.

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