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McLaren P1

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McLaren P1, Frontansicht Foto: Patrick Gosling 23 Bilder

Der McLaren P1 ist der englische Superlativ - so hyper wie sonst nur noch der Porsche 918 Spyder und der LaFerrari. Wie fahren sich 916 PS dort, wo sie herkommen, im Grünen?

19.11.2015 Marcus Peters Powered by

Wie die Reichen und Schönen privat leben, deckt ja immer wieder die Yellow Press auf. Höchst investigativ per Heli-Aufnahme etwa. Aber wie lebt so ein Superduperhypersportwagen eigentlich? Wo kommt er her? Wie sieht es dort aus, wo - sagen wir - der McLaren P1 herkommt? Also auf zu einer Studienreise.

Seine Heimat ist nahe Woking. Und Woking liegt im Süden Englands, etwa 50 Kilometer entfernt von London, auf halbem Weg ins Nirgendwo. Man kann Sportwagen sehr gut im Nirgendwo abstimmen, denn dort finden sich kurvige, hügelige und vernachlässigte Straßen. In England sind sie zudem häufig absurd schmal.

Wir fahren einen Linkslenker im Linksverkehr. Das erschwert jegliches Überholen - man kann es praktisch nur in übersichtlichen Rechtskurven wagen -, vereinfacht aber das Zirkeln an der Grasnarbe entlang. Oder an den hedges and fences, den Hecken und Zäunen. Sie umgeben die ausufernden Besitztümer der Adeligen, kleben oft so dicht an der Straße, dass man wie in einem grün-braunen Tunnel fährt. Eine überdachte Schmalspur- Nordschleife mit Gegenverkehr. Der McLaren P1 drückt sich, so gut es geht, an der belaubten Wand entlang, gerade so knapp, dass die linken Reifen nicht von der Asphaltkante rutschen, nur dann bleibt er auf seiner Spur - und füllt sie praktisch bündig aus. Ausweichen? Guter Witz.

Laut körnender Asphalt

Autos, die hier entwickelt wurden, reagieren zwangsläufig auf Schenkeldruck, platzieren sich fast wie von selbst. Die kaum gedämpfte Anbindung des Fahrwerks am P1-Chassis lässt Störgrößen akustisch ungefiltert durch. Laut körnt der raue Asphalt unter den Sportreifen des McLaren P1, und je schneller man fährt, desto deutlicher formt sich ein weißes Rauschen.

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Fahrbericht McLaren P1 rund um Goodwood
auto motor und sport 20/2015
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Dies fällt besonders dann auf, wenn man den Hyperhybriden rein elektrisch fährt. Dann beschleunigt der McLaren P1 übrigens immer noch so stark, dass man locker im normalen Verkehr mitschwimmen kann; seine Batteriereserve reicht etwa zehn Kilometer weit. Wir haben das gleich morgens ausprobiert, um es nicht zu vergessen - denn bei einem 916-PS-Boliden denkt man nicht unbedingt an Elektromobilität.

Der erste Weg hat uns rein elektrisch zur Tankstelle geführt; der McLaren P1 verlangt nach Kraftstoff und erhält ihn in Ottershaw nahe dem McLaren-Werk. Das Tanken selbst sieht ziemlich rennsportartig aus, denn der Einfüllstutzen beim McLaren P1 sitzt hinter dem Fahrersitz und ist über eine Klappe im Dach zugänglich.

Lord March trompetet davon

Nächste Station: "The Kennels" in Goodwood, ein feines Restaurant am Rande des riesigen Anwesens von Lord March. Der Graf und Geschäftsmann hat seinen Ferrari FF direkt vor der Eingangstüre geparkt, genau dort, wo wir ein Foto schießen wollen. Zufällig kommt er gerade aus der Türe und fragt, ob er seinen Boliden entfernen soll - ein wahrhaft zuvorkommender Herr. Und er hat das Herz eines Racers, gibt beim Wegfahren so viel Gas, dass der Zwölfzylinder inbrünstig trompetet. Genau so stellt man sich den Ausrichter des Festival of Speed vor.

Goodwood, die Zweite. Motor Circuit, der Austragungsort des Goodwood Revival. Mit den schicken weißen Zäunen und dem roten Telefonhäuschen (das jetzt eine cash machine beherbergt) britelt es an jeder Ecke. Gerade sind wieder einmal Trackdays, und ein wild gewordener Renault Clio treibt ein paar Porsche 911 vor sich her. Den McLaren P1 juckt es gehörig in den Profilspitzen, doch die Veranstaltung ist privat.

So bleibt uns immerhin eine Teepause - an dem zur Imbissbude umgebauten Lkw im Fahrerlager. "Keep calm and drink tea" steht darauf zu lesen, und es könnte als Wahlspruch einer ganzen Gegend verstanden werden, deren Bewohner wohl nur im Notfall in Hektik verfallen.

McLaren P1 mit knalligem V8

Hinter uns wird gerade eine Spitfire T9 startklar gemacht; im Infield gibt es ein Flugfeld. Kurz darauf hebt das Jagdflugzeug sprotzelnd und knallend ab, leider ohne Feuer zu spucken, so wie es sein Name suggeriert. Auch der McLaren P1 kann knallen, dann nämlich, wenn man ihn startet: Sein V8 plärrt ohne Anlassergeräusch aus dem Nichts los - der Elektromotor wirft ihn an.

Ist der Race-Mode aktiviert, so feuert der McLaren P1 zusätzlich noch eine Salve aus seinem mittigen Auspuffschlot. Danach klingt er brabbelig wie eine vierzylindrige Rennmaschine. Mit zunehmender Drehzahl meint man zunächst einen Nissan GT-R zu hören, später einen Ferrari GTO von 1984, dann einen hochdrehenden Rennmotor - der 3,8-Liter-Biturbo explodiert bis 8.000/min hinauf.

Letzte Station des McLaren P1: Der Testtrack von Chobham neben den berühmten Longcross-Filmstudios; hier werden viele Verfolgungsjagden gedreht. Bei einer Highspeed-Runde auf dem ovalartigen Linkskurs probieren wir kurz den blauen Knopf am Lenkrad aus. Er nennt sich DRS und ist für Highspeed-Junkies gedacht: Drückt man ihn, klappt die Heckflügelstellung in Sekundenbruchteilen von 29 auf null Grad ein, was den Abtrieb um 60 Prozent reduziert. Der spürbare Effekt ist bei dem Tempo, das wir hier erreichen können, eher mäßig.

P1 feuert in 2,8 Sekunden auf 100km/h

Wirklich Beeindruckendes lässt sich erst mit dem Launch-Knopf bewirken - einer Art Raketenstart. Wer im Stand die Launch Control aktiviert, soll sich laut McLaren in 2,8 Sekunden von null auf Tempo 100 schießen und nach 6,8 Sekunden 200 erreichen. Keine zehn Sekunden später stehen laut Herstellerangaben 300 km/h auf dem Tacho.

Dabei ist der Katapulteffekt aus dem Stand nicht einmal das Imponierendste - das kann ein allradbewehrter Porsche Turbo S besser. Nein, es ist die Gewalt im dritten Gang. Dann finden die Hinterreifen so viel Griffigkeit, dass alle 900 Nm unzensiert randürfen. Und es entsteht ein Sog, der fast die Blätter von den Bäumen reißt. Häufig faszinieren bei Supersportwagen die Bremsen, im McLaren P1 jedoch die schiere Antriebsleistung.

Und die Kurvenkompetenz des Überfliegers? Wir steuern ihn auf die sogenannte Snake-Passage im Infield des Highspeed-Kurses. Hier schlängelt sich das Asphaltband eng durch eine wuchernde Landschaft. Kein Gegenverkehr, keine Lkw, dafür eine Kuppe, die den McLaren P1 aushebeln, und urwaldähnlicher Bewuchs, der ihn verschlingen möchte. Für einen Sportfahrer ist diese fordernde Konstellation das Paradies - ähnlich wie eine leere Nordschleife.

Heißes Blut und kalter Schweiß

Ob und wie man mit einem 900-PS Monster zusammenwächst, entscheiden die ersten Kurven. Wir erinnern uns an den LaFerrari in Fiorano, an den rasenden Puls bei Tacho 270 am Bremspunkt der kurzen Geraden, das heiße Adrenalin im Blut und die kalte Angst im Nacken: Bloß nicht zu spät bremsen ...

Jetzt ist alles anders. Ruhig lenken wir ein, die Vorderachse krallt sich im granulösen Asphalt fest. Die Hinterachse drängt dezent, bleibt aber stabil im leichten Übersteuern (erst später sehen wir, dass wir dabei fette schwarze Striche gezogen haben).

Geschmeidig taucht der McLaren P1 in die nächste Ecke, lässt das Heck wieder genau so weit heraus, dass der Radius wunderbar eng bleibt. Wir tanzen mit dem Hypercar; das ist angesichts seiner brutalen Leistung unvorstellbar beglückend. Und selbst als der Zweisitzer über die Kuppe pfeilt, dabei leicht wird, den Bodenkontakt verliert, signalisiert er: Junge, kein Problem, passt schon, bleib am Gas.

Schwer zu beschreiben, warum der eine Supersportler Vertrauen vermittelt, der andere aber nicht. Dass der McLaren P1 so zugänglich ist, liegt wohl an seiner rennwagenartigen Ergonomie. Der Fahrer sitzt so tief im Auto, dass er sämtliche g-Kräfte im Zentrum wahrnimmt, dennoch eine beruhigende Übersicht genießt. Und auch das kaum zu negierende Turboloch macht sich ausnahmsweise positiv bemerkbar: Das Drehmoment baut sich nicht schlagartig auf, sondern mit pfeifendem Warnruf.

Das ist Leistungsentfaltung als Beispiel für die sprichwörtliche britische Höflichkeit, der nichts so fremd ist wie die Direktheit. Somit hat uns der McLaren P1 nicht nur seine Heimat gezeigt, sondern auch eine kurze Einführung in landesübliche Verhaltensweisen gegeben. Ganz wie sich das für eine Studienreise gehört.

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