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Meinung Assistenzsysteme

Über hyperaktive Elektronik-Helfer

Portrait, Alexander Bloch Foto: Archiv 23 Bilder

Vorsicht, mein Assistenzsystem spinnt: Die nervige Kehrseite der gewonnenen Sicherheit durch hyperaktive Elektronik-Helfer.

08.10.2012 Alexander Bloch

Wir schreiben das Jahr 2012, bislang unbekannte Gefahren lauern im Straßenverkehr: am Wegesrand lümmelnde Landstraßenpfosten, mächtige Gebäude, parkende Autos und mysteriöse Dinge zwischen Himmel und Asphalt, die nur intelligente Assistenzsysteme erkennen. Gemeine Attacken, die wir dummen Fahrer sonst nie wahrgenommen hätten. Wieso auch? Sind Sie schon mal von einer waidwunden Brücke oder einer dunklen Tunneleinfahrt angesprungen worden? Eben, ich auch nicht. Der Mercedes-Notbremsassistent hat sich neulich aber piepsend und bremsend fürchterlich vor dem Eintritt in den autoleeren Stuttgarter Planietunnel erschreckt – und mich damit auch.

Es klingelt, piepst, brummt, rüttelt und blinkt hysterisch

Assistenzsyteme offenbaren bisweilen einen kruden Blick auf die Brisanz der Dinge. An manchen Tagen komme ich mir vor, als säße ich in einer ländlichen Disco: Es klingelt, piepst, brummt, rüttelt und blinkt hysterisch in vielen Testwagen – und nein, nicht nur bei den japanischen. Ja spinnt die Karre denn? Ehrlich gesagt ja – öfter zumindest. Assistenzsysteme sind in optimaler Verfassung ein Segen für die Fahrsicherheit, keine Frage. Sie können viel Blech und manchmal auch Leben retten, weil wir als Menschen mal müde, mal abgelenkt oder krank sind und nicht immer perfekt reagieren – doch die Assistenz-Dinger leider auch nicht. Die Kunst ist nicht, ein System zu entwickeln, das uns ständig betüttelt wie eine übervorsichtige Glucke, sondern das uns das Gefühl gibt, im richtigen Moment mit passender Reaktion zur Seite zu stehen.

Spurhalteassistentist ist besonderer Patient

Der Spurhalteassistent ist da ein besonderer Patient. Unter der Hand mag sein Gerüttel, Gegengelenke oder Gepiepse kaum einer. Dabei geht es nicht um einen drohenden fatalen Abflug in die Botanik, sondern Audis aktiver Lenkassistent wehrte sich vor Kurzem beharrlich gegen das zarte Touchieren des Mittelstreifens. Selbst ein Mercedes-Assistenzentwickler raunte mir mal zu: "Ich schalte das Ding auch immer aus." Na herzlichen Glückwunsch! Systeme, bei denen also der Aus-Knopf das Beste zu sein scheint.

Bei autonomen Notbremsungen wird es noch kritischer: Nur eine einzige Fehlbremsung vernichtet das Vertrauen des Fahrers nicht nur in den Helfer, sondern auch das ganze Auto. Schmeißt er von selbst und ohne Grund den Anker (siehe Mercedes und der Planietunnel), ist das gefährlich – für mich und den Verkehr hinter mir sowieso. Da wirkt es nur befremdlich, wenn darauf angesprochene Entwickler reflexartig mit "Also wir haben solche Probleme noch nicht erlebt" reagieren. Wir schon – öfter. Vielleicht solltet Ihr Eure Autos mal aus der Garage fahren.

Sensoren fehlt es noch an Präzision

Dabei wissen die Techniker in den Firmen doch genau, woran es liegt: Manchen Sensoren fehlt es noch an Präzision, und die Fusion von Radar-, Laser- und Kamerasystemen zur gegenseitigen Kontrolle ist noch nicht weit genug. Zudem lernen alle Hersteller fleißig dazu. Die Warnalgorithmen müssen verfeinert und in ihrer Denkweise vermenschlicht werden. Frei nach dem altem Spruch: Einem Assistenzsystem, das einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn es auch die Wahrheit spricht.

Wenn wir mal das Jahr 2020 schreiben, werden wir über solche Probleme sicher schmunzeln, genauso wie heute über hyperängstliche Bremseingriffe des ESP-Systems in der ersten Mercedes A-Klasse. Doch bis dahin gilt: Nervt mich nicht.

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