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Meinung Ersatzreifen

Es geht ums Geld, nicht ums Gewicht

Sebastian Renz, Porträt Foto: Sebastian Renz 2 Bilder

Fakten, heißt es, müsse man kennen, bevor man sie nach den eigenen Vorstellungen verdrehen kann. Statistisch hat ein Auto im Schnitt nur alle zehn Jahre eine Reifenpanne. Daher brauche es keine schweren Ersatzräder mehr, meint die Industrie. Sebastian Renz rechnet nach.

08.05.2014 Sebastian Renz

Unter den großen Legenden in nunmehr 128 Jahren Automobilgeschichte sind diese drei in den Top Ten: erstens der seit etwa 1970 propagierte Durchbruch des stufenlosen Automatikgetriebes. Zweitens die unmittelbar bevorstehende Großserienreife der Brennstoffzellentechnik (egal wann man fragt, 2008, heute oder 2018, die Antwort ist immer "in vier Jahren") und drittens die Einschätzung, ein Reifenreparatursystem, freundlich Tire Fit genannt, könne ein Ersatzrad ersetzen. Ersatz ersetzen – was nach einer drittklassigen Lösung klingt, ist in Wirklichkeit gar keine.

In der Realität funktionert es anders

Denn in der Realität funktioniert Tire Fit nur für die Hersteller. Die erinnern gern daran, dass Reifenschäden inzwischen sehr selten seien, bei einem Auto nur alle zehn Jahre aufträten und man sich daher den Platz und das Gewicht sparen könne. Das mit dem Jahrzehnt stimmt allerdings nur, wenn man mit einer Jahresfahrleistung von 15.000 Kilometern rechnet. Die relevantere Zahl sind die 150.000 Kilometer, die statistisch zwischen zwei Reifenschäden an einem Auto liegen. Das fahren die meisten von uns in der Redaktion in zwei Jahren.

Und selbst dann bleibt es ein statistischer Wert. Allein die Kollegen Dralle und Lingner kommen zusammen auf vier Reifenschäden in den letzten drei Jahren. Jedes Mal passierte es bei Testwagen mit Tire Fit. Und in keinem Fall ließ sich der Schaden damit reparieren. Statistisch: null Prozent Erfolg.

Drei Stunden statt fünf Minuten

Im besten Fall waren die Kollegen nach drei Stunden wieder unterwegs – nach dem vollen Programm von Hotline rufen über Abschlepper abwarten, aufladen, Reifen reparieren und weiter. In zwei weniger besten Fällen musste Jens in einem Ersatzauto weiter, Heinrich verpasste einen Flug. Im schlechtesten Fall wartete Jens einen Tag auf einen Reifen, weil es keinen Ersatz gab. Früher lag der einfach unter dem Kofferraumboden oder wohnte im Motorraum.

Mich traf es im Gegensatz zu Jens nicht draußen in der Walachei (buchstäblich!), sondern letzten Sonntag daheim. Weil Reifenschäden – sicher statistisch nachweisbar – meist an regnerischen Wochenenden nach Ladenschluss auftreten. Ich sah erst den Platten hinten links am Meriva, dann in Gedanken das ganze Prozedere: anrufen, abwarten, abschleppen, austauschen. Bevor ich den Mobilitätsgaranten anrufen wollte, wagte ich einen Blick unter den Kofferraumboden und entdeckte: das Notrad!

60 Euro: der Preis der Freiheit

Die wenigsten Testwagen haben eines, weil dort eher ein Subwoofer oder der Harnstofftank residiert, oder die Hersteller die Mulde zum Ladevolumen dazurechnen. Der Verzicht aufs Ersatzrad reduziere Gewicht und damit den Verbrauch – aber bei maximal 20 Kilo nur unter den NEFZ-Laborbedingungen. Vor allem reduziert Tire Fit Kosten: für ein Rad, Wagenheber und Schraubenschlüssel (fehlt natürlich auch). Ginge es wirklich ums Gewicht, müssten die Hersteller eher große Glasdächer, elektrisch verstellbare Sitze und 18-/19-/20-Zoll-Optionsräder aus dem Programm streichen. Oder anderes, was wir über Jahre ungenutzt im Auto herumfahren: Airbags, Gurtstraffer, Rücksitze, im Fall vieler Zeitgenossen sogar die Blinker. Darf aber alles bleiben.

Natürlich regnete es, aber das Notrad, für 60 Euro in der Aufpreisliste des Meriva, war in fünf Minuten am Auto. Es rettete mein Wochenende. Montag konnte ich die lächerlichen 700 Meter zum Reifenhändler fahren, den der Meriva sonst nur auf einem Abschlepper erreicht hätte. Ein vollwertiges Ersatzrad wäre besser gewesen, meinen Sie? Ach kommen Sie, viel zu schwer, zu teuer, das lohnt doch nicht. Bei mir hat das Notrad statistisch zu 100 Prozent ausgereicht!

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