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Menschen des Nürburgring

Die grüne Hölle im Herzen

Nordschleife, Impressionen, Reise Foto: Dino Eisele 25 Bilder

Die Nordschleife fesselt. Am besten wissen das die Menschen, die von ihr leben. Eine Momentaufnahme, fernab von Reglements und Politik.

10.07.2016 Natalie Diedrichs 1 Kommentar

In diesem Moment hat sie ihre Ruhe. Kein Röhren, kein Quietschen. Die Nordschleife liegt einfach nur da und lässt sich berieseln. Es regnet Bindfäden. Opi Strack, wie er sich selbst nennt, blickt aus dem Fenster seiner kleinen Imbissbude an der Zufahrt Breidscheid. Seit über 40 Jahren sitzt er jeden Tag am gleichen Platz links neben der Theke. „Mir hattet hier immer jut jefallen“, plaudert der 85-Jährige nach Eifel-Mundart. Er gehört zum Nordschleifen-Inventar. Sein Vater hat beim Bau der Strecke zwischen 1925 bis 1927 mitgeholfen, war einer ihrer Schöpfer.

Strack selbst hat 1948 „bei der Kolonne“ angefangen. Hecken gestutzt, Rennabschnitte ausgebessert. „Hier gab et ja nix anderes.“ Zehn Jahre später verkaufte er Tickets und Souvenirs. Damaliger Preis für eine Runde Nordschleife mit dem Motorrad: eine Mark, mit dem Auto zwei. Sie war immer ein Magnet. Franz Josef Strauß, Helmut Kohl, Neil Armstrong – alle waren da und haben Opa Strack am Breidscheid die Hand geschüttelt.

Romantik und Pragmatismus

„Prominente treiben sich ständig hier herum“, ergänzt Enkel Alexander Huth und wendet eine Bratwurst auf dem Grill, „so wie der da!“, und zeigt mit der Zange Richtung Eingang. Glockenklingeln, die Tür geht auf. Ex-DTM-Fahrer Christian Menzel kommt rein und wischt sich die Regentropfen von der Jacke. Nimmt Platz, bestellt einen Kaffee.

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Nordschleifen-Impressionen Hölle im Herzen
auto motor und sport 12/2016
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Nordschleife, Impressionen, ReiseFoto: Dino Eisele
Opi Strack hat Kultstatus am Ring und verkauft seit 58 Jahren Tickets.

Schweigen, ein kurzer Moment der Lethargie. Alle schauen gedankenverloren Richtung Piste. Wie viele Runden Menzel dort gedreht hat, weiß er nicht. Tausende wahrscheinlich. Das erste Mal ist er als Dreijähriger bei seinem Vater mitgefahren. Seitdem lässt ihn die Nordschleife nicht mehr los. Er liebt sie, liebt den Sport und nennt es ein Privileg, das sie hier schätzen. „Uns alle verbindet die Leidenschaft für diese wunderschöne Strecke“, schwärmt er und ist stolz darauf, sie bislang jedes Mal gemeistert zu haben – abgesehen von drei Leitplankenkontakten.

Nordschleifen-Virus lässt die meisten nicht wieder los

Imbissbesitzer Huth gibt sich pragmatisch: „Die Nordschleife ist immer da“, stellt er fest. Natürlich freue er sich jedes Jahr auf die Motorengeräusche im Frühling. Wenn die Strecke erwacht, die depressive Winterstimmung verjagt. Aber irgendwie kennt er das ja schon ein Leben lang, verkauft hier seit 2002 seine Currywurst. Geheimrezept. An Spitzentagen geht sie 150-mal über die Theke. TV-Koch Horst Lichter fand sie lecker, glaubt Huth. Zumindest kam er ein zweites Mal vorbei.

Viele kommen vorbei, nicht nur zweimal, sondern häufiger. Und manche bleiben. So wie Fredy Lienhard und Ralph Beck aus der Schweiz. Die beiden Cousins vermieten seit 2009 gemeinsam mit Gesellschafter Marc Müller Autos für die Rennstrecke. Es gab gute und schlechte Zeiten, sagen sie, doch jetzt läuft das Geschäft. Die Schweizer sitzen auf Recaro-Schalen in der schwarz-weiß-kariert gefliesten Halle, schlürfen einen Energydrink und schwelgen in Erinnerungen.

Kulturelle Unterschiede am Ring

„Wenn die Leute hier vom Platz fahren und anschließend zurückkommen, hat man plötzlich ganz andere Menschen vor sich“, sagt Fredy. Die Nordschleife verändert, löst überwältigende Emotionen aus. Vielen gibt sie auch einen neuen Sinn. Unzählige Umarmungen, Verbeugungen, Freudentränen hat er erlebt – einer habe ihnen sogar schon mal fast die Füße geküsst, erinnert sich der Schweizer.

Nordschleife, Impressionen, ReiseFoto: Dino Eisele
Marc Müller, Ralph Beck und Freddy Lienhard (v.l). vermieten Autos für die Nordschleife.

Aus aller Welt strömen sie in die Eifel, um die Strecke zu erleben, sie einzuatmen. Natürlich gibt es da auch mal kulturelle Differenzen: Besonders von amerikanischen und chinesischen Nordschleifen-Enthusiasten komme häufig die Frage, wofür denn eigentlich das dritte Pedal im Fußraum da sei. „Zum Glück gibt es bei uns auch die Option, Automatik zu fahren“, sagt Ralph. Von richtigen Getriebearten über Heiratsanträge im Kesselchen bis hin zur Erfüllung des letzten Wunsches hat er schon alles organisiert. „Wenn ein Krebskranker vor seinem Tod zum ersten oder zum letzten Mal diese Strecke fahren will, geht einem das schon nahe“, erklärt Ralph und hält kurz inne. „Dieses Lächeln vergisst du nicht mehr.“

All-Inclusive Nordschleifen-Menü

So wie die Schweizer zieht es viele an den Ring. Sie steigen aus ihrem alten Berufsleben aus, wollen sich neu erfinden, neue Konzepte ausprobieren. Markus Löw ist einer davon. Zehn Jahre Investmentbranche – das reichte dem 34-Jährigen. Nun hat er ein Haus in Nürburg gekauft, alles schick hergerichtet und bietet seinen Kunden das „Nordschleifen-Menü“ an: Wohnen mit Streckenblick, Autos mieten, Zeit am Ring verbringen. Wer grillen möchte, dem organisiert er einen Grill und Fleisch aus der Region. Wer am Ring picknicken möchte, dem besorgt er einen Picknickkorb und eine Decke.

„Ich will einen Anlaufpunkt für Menschen schaffen, denen es genauso geht wie mir“, erklärt er. Auch seine Begeisterung für die Schleife reicht lange zurück. Mit 21 war er zum ersten Mal dort. „Es hat geregnet ohne Ende, und ich hatte einfach nur Angst. Hab mich nicht getraut zu fahren.“ Ein paar Wochen später war er wieder da, nahm seinen Mut zusammen und fuhr. Seitdem fährt er jeden Tag, besitzt eine Jahreskarte. „Wenn ich von Nürburg nach Adenau will, nehme ich immer den Weg über den Ring.“

Tankstelle mit Kultfaktor an der Döttinger Höhe

Sich neu erfinden, das hat Hans-Joachim Retterath nicht nötig. Denn mit seiner Tankstelle an der Döttinger Höhe hat der 65-Jährige am Ring ungefähr den gleichen Stellenwert wie ein Wasserverkäufer in der Wüste. Beim „Retti“ tanken alle.

Nordschleife, Impressionen, ReiseFoto: Dino Eisele
Joachim "Retti" Retterath übernahm mit 21 die Kult-Tankstelle an der Döttinger Höhe.

Lebensrettende Maßnahme: Super Plus. E10 hat er auch, aber nur ganz versteckt, irgendwo an einer Randsäule. „Dat will ja keiner.“ Vom edlen, oktangeschwängerten Stoff dagegen jagt er an guten Tagen schon mal einen ganzen Tanklaster durch die Leitungen. Und auch sein Imbiss läuft. Kein Wunder, statt fettigem Brutzelkram liefert er leckere Hotelqualität.

Mit 21 übernahm er den Laden und das Hotel damals von seinem Vater. Inzwischen hat er Urgestein-Status: Eifelrennen, 1.000 Kilometer, der Lauda-Unfall – Retti war dabei. Hat alles erlebt, hat jeden getroffen. „Hömma, et jab Zeiten bei mir, da hat in jedem Zimmer ein Weltmeister jelegen.“ Und er hat sie bekocht. Hat Formel-1-Star Emerson Fittipaldi einen Kanister auf die Strecke gebracht, als ihm der Sprit ausgegangen war. Rettis Gästebuch ist voll mit Autogrammen, mit Danksagungen von Legenden. Das macht ihn stolz. Er ist wie die anderen ein Steinchen im Mosaik, ein Teil im Puzzle. Egal ob Imbissbetreiber, Rennfahrer, Autovermieter, Tankwart oder Hotelbesitzer – sie gehören zum Mythos, erhalten ihn aufrecht. Und alle tragen die Hölle im Herzen.

Neuester Kommentar

Ich war anlässlich des letzten Events von Sauber BMW am Nürburgring. So wie ich dort Empfangen und behandlet wurde hat mir gereicht. So unfreundlich und Ungastlich wurde ich noch nirgends empfangen. Für mich ist dieser Platz gestrichen und obschon eine Super Strecke, die man nirgend wo wieder ähnlich findet werde ich diesen Platz kaum mehr Besuchen.

tonic1990 10. Juli 2016, 16:52 Uhr
Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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