Jetzt auch für: iPhone, iPad, Android und Windows
Marken
Themen
Artikel
Videos
Baureihen
Alle Treffer mit anzeigen

Mercedes 200 D

Zwei Tage unterwegs in einer Wanderdüne

Foto: Frank Herzog 14 Bilder

Zwei Tage auf Selbsterfahrungstrip im 200 D Automatic - laut und langsam. Tut Sparen sehr weh? Killt der Oelmotor das gediegene Mercedes-Feeling? Alf Cremers nahm sich frei, machte die Nagelprobe und kaufte gelassen, allem Feinstaub zum Trotz, seinen ersten alten Diesel.

04.11.2008 Alf Cremers Powered by

Ich mag keine Diesel. Keine alten, weil sie nach bürgerlichem Mief und schwäbischer Sparsamkeit riechen, laut und langsam sind. Keine neuen, weil sie Rasen ohne Reue ermöglichen und draußen immer noch ruppig klingen. Ich mag Mercedes, am liebsten Sechszylinder mit Vergaser. Und weil ich nicht sonderlich schnell fahre, stört mich auch der höhere Verbrauch keineswegs.

Handfester Maschinenbau: 72 PS-Diesel mit Automatik

Trotzdem will ich es wagen, das Experiment mit einem Selbstzünder alter Schule. Es gibt Leute in der Szene, die schwören auf alte Diesel. Nicht nur, weil man sie mit Salatöl billig fahren kann, sondern auch, weil sie so schön gelassen machen. Ein weißer 200 D W 123 hätte es für meine Kurzzeitbeziehung werden sollen - am liebsten mit Automatik, um die Trägheit auf die Spitze zu treiben. Doch brauchbare 200 D W 123 zu erträglichen Preisen sind gerade ausverkauft. Einfach Ausleihen geht auch nicht - Ich muss Autos besitzen, um sie wirklich zu begreifen. Vor allem, wenn es um das Mysterium des Diesels geht.

Schließlich begehe ich eine Grenzüberschreitung ins finstere Reich der Langsamkeit. Das Angebot früher 124er-Diesel ist gut und reichlich. Der neue, 72 PS starke und auf Drehzahl getrimmte Zweiliter-Selbstzünder vom Typ OM (Oelmotor) 601 reißt sicher keine Pflastersteine raus. Automatik ist Bedingung für mein Experiment, das senkt den Kaufpreis und konserviert wohlmöglich doch noch einen Hauch des gediegenen Mercedes-Gefühls.

Sein Preis ist gut vierstellig, der Wagen gepflegt, die Probefahrt gerät ausgiebig. Der Diesel fährt sich weit besser als gedacht. Das stets hörbare dumpfe Nuscheln des Motors säuselt nach rituellem Vorglühen nicht so aseptisch seidenweich wie die Sechszylinder in 260 E und 300 E. Es klingt nach handfestem Maschinenbau. Und es sieht auch so aus, das stolze Aggregat. Aus vollem Guss gefräst und mit mechanischer Stempel-Einspritzpumpe ausgerüstet wie einst der 300 SL, zeigt es Würde und Autorität.

Jetzt noch mit kühlem Kopf die Schwachstellen checken. Okay, etwas Rost oben am linken Radlauf, die Dämpferbeinaufnahmen vorn sind aber so einwandfrei wie die Wagenheberaufnahmen. TÜV und AU hat er noch bis August. Innen trister hellgrauer Stoff im Altherren-Pyjama-Look unter zotteligem Lammfell verborgen, die Sitzwange leicht abgewetzt, die Türverkleidungen oben teilweise aus den Fugen. Also die üblichen Altersspuren beim 124er, nichts Dramatisches.

Die Klasse "Schadstoffarm E" macht unfaire 776 Euro Strafsteuern für ein so umweltfreundliches, vielseitiges und nachhaltiges Sieben-Liter-Auto, das schon 22 Jahre wertvolle Ressourcen bindet.

Viele 124er-Diesel erleben in Afrika ihren zweiten Frühling 

Händler Alexander Bobylev in Albstadt- Lautlingen freut sich, dass der 200 D Automatik im vornehmen Perlmuttgraumetallic im Lande bleibt und nicht nach Afrika geht. Die Einträge im Fahrzeugbrief lesen sich wie eine bürgerliche Familienchronik, ein rundes Dutzend handbeschrifteter Ölzettel mit weiteren Wartungshinweisen zeugt von rührender Pflege. Doch ein paar kleine Beulen und Kratzer rundum künden von einem arbeitsreichen Autoleben als Nutztier.

Der letzte Besitzer war Automechaniker, machte alles in Eigenregie. Das Wartungsheft endet früh bei 60.000 Kilometern, nun zeigt das Zählwerk 153.000. Selbst der Fahrsitz fühlt sich angenehm straff an. Langsam kommt Freude auf über den schönen, gepflegten Zustand des Wagens, die originalen Leichtmetallräder und die grün getönten Scheiben sorgen selbst beim Diesel für einen Hauch von Noblesse. Das große, offene Schiebedach bringt mir den Maitag mit sprießenden Baumwipfeln zum Greifen nahe, manchmal weht vorwitzig ein weißes Blütenblatt ins Auto.

Ich fahre Richtung Tuttlingen, will durchs Donautal vorbei an Kloster Beuron nach Sigmaringen. Der Wagen läuft zufrieden, grummelt dösend vor sich hin, die Automatik schaltet früh und weich, die Tachonadel pendelt munter zwischen 80 und 90 km/h. Groß sind die Tachoabstände beim Diesel. Bei 180 km/h ist die Skala zu Ende - es vergeht längere Zeit, bis der orangefarbene Zeiger die jeweils nächste 20er-Einteilung nimmt.

Baumarkt-Öl, ein Keilriemen und auf nach Peking

Erstaunlich munter ist der 200 D von 80 bis 120 km/h im vierten Gang. Da surfen wir beide auf einer flachen Drehmomentwelle von 120 Newtonmeter zwischen 2.500 und 3.500 Touren. Darunter wirkt er zäh und obenheraus dann rustikal laut. Schade, dass der Wagen keinen Drehzahlmesser hat, erst bei 5.150/min wird abgeriegelt. Für einen Diesel ist das schon allerhand, die sportlich-direkten Tassenstößel im Ventiltrieb machen ihn drehzahlfest.

Der Diesel ist ein Dauerläufer und kein Sprinter. Unterwegs freut man sich an der einfachen und effizienten Motortechnik - kein Turbolader, kein Ladeluftkühler, keine im Alter anfällige Hochdruck-Direkteinspritzung. Nun gut, der 124er hat nicht mehr das Vollmaterial-Ambiente seines Vorgängers, Leichtbau und Kunststoff sind schon spürbar, und der Verzicht auf Chrom schmerzt.

Aber es bleibt genügend Solidität und Urvertrauen übrig, um mit diesem Mercedes, nur mit einem Reservekanister, einem Keilriemen und fünf Litern Baumarkt-Öl gerüstet, jetzt entlang der Seidenstraße bis nach Peking zu fahren. Solche Gedanken spinnt man unterwegs im alten Diesel, einem CDI-Fahrer würde dies nie einfallen.

Vorglühen bedeutet: erst nachdenken, dann losfahren

Geborgenheit hat nichts mit Leistung zu tun. Es ist vielmehr ein vages Gefühl aus gesundem , nicht zu leisen Motorenklang, großzügigem Raumgefühl und einer beruhigenden Schwerfälligkeit, die beim Drehen am großen schwarzen Lenkrad aufkommt. Es ist noch nicht einmal Mittag, als ich eine Esso-Tankstelle anfahre, um vollzutanken, um mich froh zu sparen. 63 Liter Diesel fülle ich ein und ordere gleich noch eine Tiger-Wäsche "Volles Programm", danach glänzt er in der Sonne wie ein Jahreswagen.

Das Wischerblatt schmiert grausam, ein Wechsel ist fällig. Der lokale Mercedes-Benz-Vertreter hat es spontan auf Lager. Ein Teil für ein 22 Jahre altes Auto, das ist gelebte Nachhaltigkeit, die an ein paar Mikrogramm Feinstaub scheitern soll. Der Nachmittag scheint auf einmal viel länger zu dauern. Hier noch ein Umweg zur stillgelegten Bahnstrecke, dort ein Abstecher zum Sportflugplatz, jedes Kloster und jedes Schloss wird angesteuert. Im Diesel tun Umwege nicht weh, die Tanknadel registriert sie kaum.

Wenn ich nach einem Halt wieder starte, so freue ich mich an ihm. Es ist das gute Gewissen, mit dem kleinen Glück zufrieden zu sein. Nur 7,5 Liter Verbrauch, nur ein bescheidenes 22 Jahre altes Auto. Das Image des Statussymbols ist längst herausdiffundiert wie die Weichmacher aus seinem Interieur. Der 200 D-Schriftzug wirkt wie ein radikales Bekennerschreiben für eine bessere Welt, jenseits von Verschwendung und grenzenlosem Wachstum. Vorglühen bedeutet: erst nachdenken, dann losfahren.

Diesel verbindet. Im Truckertreff Zollhaus an der B 32 komme kurz vor ich mit Fernfahrern ins Gespräch, einem Schweizer und einem Holländer, auf Mercedes Actros und Scania, beides 40-Tonner mit rund 400 PS. Früher fuhren sie privat 250 D - sie loben noch heute die Zuverlässigkeit der lahmen Diesel.

Morgen werde ich ihm einen neuen Stern vornedrauf kaufen. Der alte ist schon matt und grau. Er federt müde zurück. Es ist vermutlich noch der erste.

Kommentar schreiben

Es ist noch kein Kommentar vorhanden. Seien Sie der Erste und sagen Sie und Ihre Meinung.

Neues Heft
Empfehlungen aus dem Netzwerk
Autokredit berechnen
Anzeige