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Mercedes 500 SEC

Pro Secco

Foto: Rossen Gargolov 10 Bilder

Von einem der aufbrach, den siebten Ford Taunus zu kaufen, dann die Notbremse seiner Obsession zog und sich für ein Luxuscoupé entschied. Im 500 SEC fährt er nun auf der Zielgeraden seiner Wünsche.

20.02.2008 Alf Cremers Powered by

Der Taunus ist bezahlt, aber er springt nicht an. Es riecht nach uraltem Benzin. Selbst anhaltendes Vergaserflambieren mit Startpilot sorgt nur für ein paar kurze hochtourige Zuckungen des ausgetrockneten Sechszylinders. Der frische Sprit aus dem Reservekanister kommt vorn erst gar nicht an.

Okay, das Abholen des seltenen Taunus Ghia zog sich monatelang hin, was nicht am Zaudern lag. Es ergab sich einfach nicht. In der Zwischenzeit hätte der Viertürer Gelegenheit gehabt, nach langer Standzeit zu regenieren. Frisches Benzin, frische Öle, neue Bremsflüssigkeit. Selbst ein alter Ford mag das gern und dann ein paar Runden um den Block drehen, damit der V6 das Laufen wieder lernt. Es ergab sich einfach nicht.  

Im Augenwinkel tauscht der 500SEC auf - der Taunus hat verloren

Auch der Händler, auf Youngtimer spezialisiert, hatte viel zu tun. Autos in der Schweiz und in Frankreich holen, Autos in den Scheunen der heimischen Provinz aufstöbern, Autos aufbereiten, inserieren, verkaufen. Da bleibt so ein Taunus schon mal liegen. Jetzt gibt er sein Bestes, zerlegt die Benzinpumpe, säubert die Leitungen, spielt den Startpilot-Feuerschlucker - wieder alles ohne Erfolg. "Aber ein Ford läuft doch immer", seufzt er resignierend.

"Okay, wir kommen ein anderes Mal wieder und bringen einen Anhänger mit. Tschüss, nichts für ungut. Man steckt eben nicht drin in alten Autos ..." Doch beim Hinausgehen bleibt der Taunus-Besessene an einem Mercedes 500 SEC hängen, streift den Außenspiegel und lässt diese Luxusyacht auf Rädern einen Moment lang auf sich wirken. Leder dunkelolive, Stahlfelgen mit Plastikradkappen, alles original und unprätenziös. Der Zustand, nicht Concours, aber ordentlich. Kein Rost, jedoch ein paar Dellen und Macken.

Das einstige Lieblingsauto der Barbesitzer findet so puristisch und in dieser eher schrillen Siebziger-Jahre-Farbe wieder zur ursprünglichen unschuldigen Eleganz zurück. "Mein Gott, das wäre doch mal was. Im Kopf entsteht ein hoch explosives Gefühlsgemisch mit unberechenbarer Wirkung. Statt des siebten Taunus Ghia - alle mehr oder weniger gold und innen irgendwie braun, alle mit mattem Einschicht-Metalliclack, mit ausgeblichener Rückbank, Rostblasen an Kotflügeln und Radläufen, mit harten Holzreifen auf weißlich ausgeblühten Alu-Rädern. Und immer steht eine Handvoll Wasser in der Reserveradwanne. Die Platte hat einen Sprung, ewig das gleiche Lied.

Aufgeld zahlen, Schlüssel drehen und genießen

Nein, nicht schon wieder! Der Ausbruchsversuch gelingt. Der verdutzte, aber flexible Händler von "Altelieberostetnicht" spricht den Wankelmütigen bei Zahlung eines erheblichen Aufgelds vom Taunus frei. Der 500 SEC, ein Schweiz- Import, ist "wohl wegen der Farbe ein Ladenhüter". Er wurde bereits als Lichtmaschinenspender missbraucht. Der Mann im schwarzen Overall baut sie in Windeseile von seinem eigenen SEC wieder zurück. Auf den ersten Schlüsseldreh springt der Achtzylinder an, der Gurtbringer grüßt leise, aber bestimmt. Jetzt noch Rote Nummern dran, Papiere gegen Geld und nichts wie weg, bevor sich’s einer von uns beiden anders überlegt.

Zwanzig Kilometer sind es noch bis zur Autobahn - Zeit, sich an den Luxusliner zu gewöhnen. Buntes Herbstlaub spiegelt sich in der regennassen Straße. Das Radio bleibt aus, jedes Geräusch wird herausgefiltert und eigens interpretiert. Die Schaltpunkte der Automatik analysiert, Bremsen und Lenkung feinsinnig erfühlt. Es ist wohl alles in Ordnung.

Der Sound des Achtzylinders macht süchtig - wenn man ihn hört

Nach etwa zwölf Kilometern kommt beim Fahrer jenes Gefühl großer Gelassenheit auf, das sich in einer bequemeren Sitzposition niederschlägt. Mittelarmlehne runterklappen, den Sitz etwas zurück, vorn leicht anheben, Lehne etwas flacher, Kopfstütze einen Tick höher. Mit dem Symbolschalter an der Türverkleidung dirigiert man die lautlosen Elektromotoren. Kurz vor der Autobahnauffahrt wird noch getankt. Auf dem Weg zur Kasse noch ein Blick zurück zum Wagen - wie das Umdrehen nach einer schönen Frau, anerkennend, stolz und ein wenig verliebt. Die anderen freilich lässt der SEC kalt.

Exakt 82 Liter Super rauschen rein. Sie werden 673 Kilometer reichen, bis der Reservepfeil aufleuchtet. Streicheleinheiten fürs Gaspedal, niemals Kickdown, keine Kraftmeierei. Der schwere Wagen fährt nicht an, er setzt sich in Bewegung. Vom Motor ist nichts zu hören, leider auch nichts vom süchtig machenden Achtzylinder- Sound. Nur manchmal, beim Spureinfädeln, dringt ein leises Fauchen ins Cockpit. Der Regen vermischt sich langsam mit Schnee, auf der Ostalb setzt jetzt die Dämmerung ein, die A7 ist bei Ellwangen noch nicht zu Ende.

Das Leder hat die Körperwärme inzwischen gänzlich aufgenommen. Selbst ohne Sitzheizung stellt sich Behaglichkeit ein, das Lenkspiel ist auch in engen Baustellen nicht zu nervös, die 169.000 Kilometer auf dem Zähler wirken glaubwürdig. Der V8 ist dank eingeschaltetem Tempomat in geschmeidigem Fluss - Zeit zum Sinnieren hinter dem großen und schwarzen Lenkrad ohne Lederbezug. Immerhin kostete der Wagen seinerzeit 104.000 Mark, 13 Extras inklusive.

Der Wurzelnussfurnier löst sich, die alte 126er-Krankheit, neben dem Wählhebel zeigt es Risse. Das Leder des Fahrersitzes wirft ein paar narbige Falten. Gelb statt orange schimmern die Zeiger der Instrumente. Die Spuren der Jahre kann das große Coupé nicht verleugnen. Es ist eine milde Patina, die dem Wagen Würde verleiht. Schon weiße Blinker würden reichen, sie ihm zu nehmen.

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