Mercedes AMG-Driftschule: Paradies für Quer-Dynamiker

In Schwedens eisigem Norden liegt das Paradies für Quer-Dynamiker: die zugefrorenen Seen von Arjeplog. Hier befindet sich die Driftschule von AMG. Das Motto: seitwärts - bis die Servopumpe kocht.

Halt suchend rutscht die Mercedes E-Klasse übers Eis, hart schrammt die Stoßstange an einem Schneewall entlang. Trotzdem dröhnt aus dem Funkgerät: "Gas, Gas, Gas!" Der Fahrer gehorcht, erhöht Motorlast und Wheelspin, und der Mercedes driftet mit wehender Schneeschleppe durch die Kurve. Beim AMG-Wintertraining in Lappland geht es nicht darum, ein ausbrechendes Heck schnell wieder einzufangen, sondern möglichst lange heraushängen zu lassen.

Am ersten von vier Übungstagen gelingt das noch den wenigsten Teilnehmern. Mit hoher Geschwindigkeit einen Quersteher nicht nur zu provozieren, sondern ihn per Vollgas bis in den Kurvenausgang zu verlängern kostet Überwindung - und Übung. Das Paradoxon der Stabilität im instabilen Fahrzustand lässt sich nicht aus dem Stegreif realisieren. So verenden die ersten Versuche meist in der Schmach des Untersteuerns oder in einer Pirouette. Ohne sichtbare Folgen für die Karosserie: Entweder trudelt das Auto in der Weite der Eisfläche aus oder bleibt in einem Schneewall stecken. Dann kommen die Silbernen Engel in ihrem allradgetriebenen G-Modell zur Bergung.

Driften auf zugefrorenen Seen

Dem zugefrorenen See das Gewicht mehrerer Autos anzuvertrauen ist zunächst ein befremdlicher Gedanke. Nur wenig beruhigend wirkt dabei die Information, das Eis trage bereits ab 15 Millimeter und sei aktuell sogar über einen halben Meter dick. Doch Bedenken halten nur bis zum ersten gelungenen Drift - dann überstrahlt die Euphorie alles: Das erste Mal mit dem Gasfuß lenken ist wie das erste Mal Wedeln beim Skifahren.

Für den rutschfreudigen Untergrund sorgen die so genannten Icemaker; diese Eis-Pfleger verstehen ihr Handwerk. Sobald die tragende Schicht auf zehn Zentimeter angewachsen ist, räumen die Präparatoren mit Snowmobilen die obere Schneedecke beiseite. Nach Maßgabe von AMG werden auf einem abgesperrten Areal von 2,4 Kilometer Länge diverse Strecken freigeschoben, darunter eine Art Grand-Prix-Rundkurs mit Spitzkehren und Mutkurven.

Spikes fräsen sich durchs Eis

Falsche Vorstellungen von der Geschwindigkeit auf Eis hat, wem beim Thema Driften nächtliche Handbremskehren auf zugeschneiten Supermarkt-Parkplätzen einfallen: Auf den schnellen Passagen der Rundstrecke fräsen sich die AMG-Modelle auf bis zu 150 km/h hoch; es gibt lange, kurze, enge und weite Kurven, manche erfordern das Anpendeln, die hohe Kunst der Querfahrt, oder, kaum leichter, den Wechselschwung, den bewusst in die nächste Ecke mitgeführten Konter. Ein Geschlängel à la Nürburgring- Hatzenbach geht im vierten Gang - natürlich quer.

Ohne die Spikes an den Reifen würde sich die Leistung der drehmomentstarken Achtzylinder hoffnungslos in Schneefontänen verlieren. So aber ist der Grip erstaunlich, auch beim Bremsen, was nicht ohne Folgen für den blanken Untergrund bleibt. Runde für Runde fräsen die Spikes Riefen ins Eis, nehmen Wheelspin und Driftwinkel zu - bis die überlastete Servopumpe kocht und während einer Pause abkühlen muss. Dieses Phänomen tritt vor allem auf der Kreisbahn auf, die Fortgeschrittene zehn oder mehr Runden im maximalen Lenkeinschlag seitwärts nehmen.

Lernerfolge sind bei dieser Art des Wintertrainings nahezu garantiert: Selbst nervöse Naturen verlieren die Scheu vorm kontrollierten Schleudern, umrunden am dritten Tag einen großen Kreis im formvollendeten Drift. Ihnen hilft die Ruhe der scheinbar endlosen Landschaft ebenso wie das skandinavische Dämmerlicht. Zudem müssen sich die Drift-Lehrlinge bei der Überlistung der Fahrphysik nicht ums Material sorgen: AMG stellt sämtliche Fahrzeuge - vom SLK Black Series über den C 63 bis hin zum E 63. Alle bieten auf Eis permanenten Leistungsüberschuss und damit die Möglichkeit, bis in die hohen Gänge zu driften. Natürlich lässt sich der Schleuder-Verhinderer ESP komplett deaktivieren.

Als Instruktoren unterrichten Motorsportler wie Ex-Formel 3- und -DTM-Pilot Thomas Jäger. Schließlich gelten Rennfahrer-Weisheiten auch auf rutschigem Untergrund: Blickführung ist alles. Langsam in die Kurve, schnell raus - wobei statt schnell natürlich quer gemeint ist und der Drift gerne noch bis auf die nächste Gerade hinausgezogen werden darf. Dafür gibt es Extra-Lob über Funk. Am Ende ist den meisten Teilnehmern klar, warum die besten Rallye-Piloten aus Europas hohem Norden stammen - sie haben perfekte Bedingungen zum Trainieren.

Mohammad lernt Driften

Anders Mohammad: Der Saudi-Araber fährt zum ersten Mal auf Eis. Doch selbst er swingt am vierten Tag hemmungslos um den Parcours, als wäre es die selbstverständlichste Art der automobilen Fortbewegung. Der fein austarierte Flug mit dem Heck voraus über die Strecke sorgt für Glücksmomente - immer dann, wenn sich statt einzelner isolierter Bewegungen ein elegantes Ganzes formiert. Für manchen wird die geschmeidige Choreografie aus Bremsen, Einlenken, Gasgeben und Querfahren zur Besessenheit. Und der Partner sieht sich zu Hause am Telefon mit folgendem Vorschlag konfrontiert: "Schatz, ich habe unseren nächsten Winterurlaub gebucht. Nach Arjeplog. Ok?"

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Marcus Peters

Autor:

auto motor und sport, Heft 01 / 2009

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