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Mercedes 170 Cabriolet Restaurierung

Die ungeplante Restaurierung

Mercedes-Benz 170 Cabriolet, Heckansicht, Garage Foto: Fact 16 Bilder

Reinsetzen und fahren, davon träumte Jürgen Freudenberg beim Kauf eines Mercedes 170 Cabriolet C. Aber dann kam er doch nicht um eine Komplettrestaurierung herum.

13.12.2013 Bernd Woytal Powered by

Schon Jürgen Freudenbergs Vater beschäftigte sich mit Sternen. Er war aber kein Astronaut oder Himmelsforscher. Bei ihm ging es um Sterne, die auf glänzenden Kühlermasken thronten, denn er arbeitete von 1929 bis 1934 bei einer Mercedes-Niederlassung in Stade an der Elbe. "Noch heute sind mir viele seiner Erzählungen aus dieser Zeit in Erinnerung", sagt Jürgen Freudenberg.

Vererbte Begeisterung für Mercedes

Wie der Vater entwickelte auch der Sohn eine gewisse Vorliebe für die Marke Mercedes-Benz. Doch an den Besitz eines solchen Fahrzeugs war zunächst nicht zu denken. Mangels entsprechender Finanzen kamen eher betagte VW Käfer in Betracht, an denen es ständig etwas zu reparieren gab. In den 70ern fuhr der gebürtige Hamburger einen uralten Ford Taunus Kombi als Familienauto. Dem setzte allerdings die Korrosion heftig zu. "Ständig gab es etwas zu schweißen", erinnert sich Freudenberg.

Aus lauter Ärger darüber fasste Jürgen Freudenberg den Entschluss, sich ein rostfreies Auto aufzubauen. Seine Wahl fiel auf einen Mercedes 170 S, weil dieses Fahrzeug ein Fahrgestell hatte und sich deshalb gut für den Plan eignete - und weil ihm Wagen der Fünfziger schon immer gut gefielen.

Diesen Mercedes zerlegte er komplett und schützte beim Wiederaufbau alle möglichen Stahlteile durch Feuerverzinken gegen Rostbefall. Da er damals in einer Werft arbeitete, standen ihm die dazu nötigen Einrichtungen offen.

Leider musste er den Wagen später wieder verkaufen, als Geld für den Hauskauf benötigt wurde, doch nun hatte er erste Erfahrungen auf dem Gebiet der Oldtimer-Restaurierung gesammelt. Erst Jahre später setzte er dieses Wissen wieder ein, nachdem er sich einen finanziellen Spielraum für das Hobby Oldtimer erarbeitet hatte.

Ein klassischer Mercedes nach dem anderen wird aufgebaut

So erwarb und restaurierte er zum Beispiel ein Mercedes 170 S Cabriolet A oder ein 220 SE Ponton Cabriolet, nach seiner Meinung "eines der am aufwendigsten zu restaurierenden Autos". Tja, und dann gab es da noch jenes Foto aus dem Nachlass seines Vaters, auf dem dieser an der Tankstelle der einstigen Mercedes-Vertretung in Stade zu sehen ist, zusammen mit einem Mercedes 170 W 15. Solch ein Wagen fehlte noch in der Sammlung.

Zufällig wurde in einer Fachzeitschrift einer dieser sechszylindrigen Mercedes als Cabriolet C in gutem Zustand im Schwarzwald zum Kauf angeboten. Freudenberg nahm die Chance war und reiste mit Frau, Geld und Gepäck nach Süddeutschland. Dort wollte er das Cabriolet übernehmen und in einer gemütlichen Mehrtagestour nach Norden holen.

Zuerst wird die Hupe abgeklemmt

Doch entpuppte sich das bereits vor längerer Zeit restaurierte Mercedes 170 Cabriolet C nicht so perfekt, wie es beschrieben war. Speziell der Zustand der Technik bereitete dem Perfektionisten Sorgen. Er kaufte das Auto trotzdem und beruhigte sich mit den Worten: "Das bekommst du wieder hin." Dabei dachte er an eine Teilrestaurierung. Ein Irrtum.

Immerhin, die Überführungsfahrt absolvierte das Mercedes 170 Cabriolet C ohne Pannen, abgesehen von einem durchgescheuerten Kabel in der Lenksäule, das beim Lenken die Hupe zu einem Dauerton animierte. "Das Erste, das ich also an diesem Auto machte, war die Hupe abzuklemmen", erzählt der 65-Jährige. Aber dabei blieb es natürlich nicht.

Schnelle Entscheidung zur Komplettrestaurierung

Bei einer genauen Inspektion des Mercedes 170 Cabriolets in der heimischen Garage stieß er auf verschlissene Technikteile und das eine oder andere Provisorium. "So etwas gibt es bei mir nicht", sagt er und entschied sich für eine Komplettrestaurierung. Die begann mit der Demontage aller Teile und dem Trennen der Karosserie vom Rahmen. Seine Strategie dabei lautete: "Baugruppe für Baugruppe zerlegen und dabei möglichst viele Fotos machen, um nicht den Überblick zu verlieren."

Für bestimmte Arbeiten nahm er die Hilfe von Experten in Anspruch. So brachte er die demontierte Karosse des Mercedes 170 Cabriolet C zur Firma Walkling nach Hohenhameln. Dort wurden der unter dem Blech verborgene Holzrahmen teilweise erneuert und einige wenige Blechreparaturen durchgeführt.

Weil die schweren Türen des Mercedes 170 Cabriolet C im Original lediglich mit Holzschrauben an der hölzernen A-Säule befestigt sind und nach einer gewissen Zeit nach unten hängen, sah Freudenberg eine Verbesserung vor. Bei seinem Mercedes werden die Türscharniere von durchgehenden Gewindeschrauben in der A-Säule gehalten, und zwecks weiterer Versteifung wurde die Blechpartie an der A-Säule kräftig verstärkt.

Problematische Teileversorgung

Um das Fahrgestell des Mercedes 170 Cabriolets kümmerte er sich selbst. Den komplett demontierten Rahmen gab er zunächst zum Sandstrahlen, dann erfolgte eine Lackierung in Schwarz. Nun ging es ans Aufarbeiten der Radaufhängung und der Bremsen. Besonders viel Zuwendung benötigte die Vorderachse, weil hier viele Neuteile erforderlich waren.

Das hört sich einfacher an, als es ist, denn es gibt diese Teile für das Mercedes 170 Cabriolet C nicht mehr aus dem Regal zu kaufen. Die Blattfedern wurden deshalb angefertigt, ebenso die Achsschenkel mit allen Verschleißteilen.

"Ein Riesenproblem stellten die vorderen Öldruckdämpfer dar", entsinnt sich der Hobby-Restaurierer, "die waren wegen ihres total zerstörten Innenlebens eigentlich nur noch Attrappen". Leider war in der Vergangenheit im Gehäuse der Dämpfer so ungeschickt geschweißt worden, dass eine Instandsetzung nicht möglich war. Und Ersatz ließ sich nirgendwo auftreiben.

Erst nach zwei Jahren stieß Freudenberg auf ein Inserat eines Holländers, der zwei gebrauchte Dämpfer für das Mercedes 170 Cabriolet C anbot. Er kaufte sie sofort ungesehen, doch auch die waren natürlich reparaturbedürftig. Mit viel Arbeit gelang es aber schließlich, aus vier schlechten Dämpfern zwei brauchbare zu machen.

Bei ersten Probelauf qualmt es fürchterlich

An der Hinterachse des Mercedes 170 Cabriolet C hielten sich die Verschleißschäden in Grenzen, selbst Kegelrad und Ritzel des Achsgetriebes erwiesen sich als gut. Allerdings wollte Freudenberg möglichen Ölverlust an allen Bauteilen reduzieren, entsprechend rüstete er nicht nur die Hinterachse, sondern auch das Schalt- und Lenkgetriebe sowie den Motor auf moderne Simmerringe um.

Das Prüfen beziehungsweise Überholen der Hinterachse und des Schaltgetriebes vertraute er der Firma Hauben Auf in Hamburg an. Er selbst revidierte den Reihen-Sechszylindermotor des Mercedes 170 Cabrios. Den zerlegte er zwar komplett, musste aber letzten Endes dennoch Lehrgeld bezahlen, weil er das Innenleben der Maschine nur teilweise erneuerte. Beim späteren Probelauf qualmte der Motor fürchterlich, deshalb blieb nichts anderes übrig, als die Maschine wieder auszubauen und sie bei der Firma Hauben Auf komplett überholen zu lassen.

Nicht zufriedengeben wollte er sich mit dem serienmäßigen Motorölfilter. Mercedes hatte damals lediglich einen Gewebe-Filter im Nebenstrom vorgesehen, der wegen seiner Bauweise auch Strumpf-Filter genannt wird. Dass dies keine optimale Lösung war, stellte man bei Mercedes ebenfalls fest und versah den konstruktiv identischen Motor des später erschienenen Typs 230 mit einem Ölfilter im Hauptstrom. Diese Konstruktion nahm Freudenberg für sein Mercedes 170 Cabriolet C zum Vorbild und rüstete seine Maschine entsprechend um, wozu er die Ölkanäle von außen anbohren musste, was er auf einem Bohrwerk in seiner Firma durchführen konnte. "Solche Arbeiten bereiten mir großen Spaß", erzählt er, und weil er die Maschine auch auf moderne Lager umgerüstet hat, kann er nun moderne HD-Öle fahren.

Das Montieren macht am meisten Spaß

Doch bevor es ans Fahren ging, mussten zuerst einmal Motor und Getriebe eingebaut und dann das fertig restaurierte Fahrgestell samt Antriebseinheit mit der Karosserie des Mercedes 170 Cabriolets verheiratet werden. Die Karosserie wurde zuvor in Dunkelblau lackiert und die Kotflügel schwarz - wie es Freudenberg sich wünschte. Denn über die Originallackierung gaben die vorliegenden Werksunterlagen keine Auskunft. Auch am Fahrzeug fanden sich keine Hinweise, weil es bei der ersten Restaurierung vor vielen Jahren komplett entlackt worden war.

Die Phase der Montage gehört zu den schönsten der Restaurierung, wenn man sieht, wie der Wagen mit jedem Tag kompletter und schöner wird. "Beim Schrauben musste ich immer wieder an meinen Vater denken und stellte mir vor, wie er damals an solchen Fahrzeugen die gleiche Arbeit verrichtet hat", gesteht Freudenberg.

Das Ergebnis seiner mehrjährigen Restaurierungsarbeiten kann sich jedenfalls sehen lassen. Und der Vater wäre sicherlich stolz darauf, mit welcher Hingabe sein Sohn alte Sterne zum Leuchten bringt.
 

Restaurierungsdaten Mercedes-Benz 170 Cabriolet C

  • Kaufort/Jahr: Schwarzwald, 2003
  • Kaufzustand: Der Wagen war vor langer Zeit schon einmal restauriert worden, nach intensiver Nutzung befand er sich im Zustand 3. Er war angemeldet und fahrbereit.
  • Vorgeschichte: Laut vorliegender Dokumentation wurde das Fahrzeug als „Typ  Mercedes-Benz Maybach Schnellgang“ am 24. Juli 1934 per Achse zur Mercedes-Niederlassung in Karlsruhe überführt und am 30. Januar 1935 per Bahn zur Mercedes-Verkaufsstelle nach Chemnitz transportiert, von wo es am 4. April nach Zwickau ausgeliefert wurde. Der 170 lief bis in die 50er Jahre in Thüringen, wurde dann stillgelegt und in den Siebzigern vom Verkäufer erworben und restauriert.
  • Restaurierungsumfang: Fahrzeug komplett zerlegt, Rahmen sandgestrahlt und lackiert, Chassis mit neuen Blattfedern und aufgearbeiteten Stoßdämpfern restauriert. Achsen zerlegt und aufgearbeitet, Bremsanlage erneuert. Umbau von Zentral- auf Fettschmierung, Lenkgetriebe überholt. Motor und Getriebe zerlegt und revidiert, auf Simmerringdichtungen umgerüstet, Motor auf Ölfilterung im Hauptstrom umgebaut. Holzrahmen teilweise erneuert und neu verblecht. Sitze aufgearbeitet und neu bezogen, Verdeck erneuert. Chromteile aufgearbeitet, Elektrik revidiert, Sicherungskasten an Spritzwand verlegt.
  • Restaurierungsdauer: 2003 bis 2012
  • Fachkundige Unterstützung: Hauben Auf, 20537 Hamburg (Technik), Walkling, 31249  Hohenhameln (Holz), Wendt, 28309 Bremen (Sattlerarbeiten)
  • Kosten: Zirka 50.000 Euro ohne Eigenarbeit
  • Wert: 95.000 Euro laut Gutachten

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