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Mercedes 230 SL Restaurierung

Vom Alptraum zur Traum-Pagode

Mercedes-Benz 230 SL Foto: FACT 16 Bilder

Nach der Restaurierung des Mercedes-Benz 230 SL bescheinigt ein Gutachten den makellosen Zustand 1. Der Weg dahin war mehr als steinig.

29.09.2012 Bernd Woytal Powered by

"Ich glaube, wir müssen ihn wegschmeissen." Diese niederschmetternde Nachricht musste Volker Kuhl erst einmal verkraften. Gerade hatte ihn Elmar Hübner angerufen und einen Zustandsbericht über einen Mercedes-Benz 230 SL durchgegeben, den die beiden eigentlich restaurieren wollten. Stand es wirklich so schlimm um den Wagen? Nein, es war noch schlimmer.

Mercedes-Benz 230 SL Pagode-Kauf ohne Besichtigung

Dabei hatte alles so gut angefangen. Kuhl, Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb bei Veltins, erinnert sich noch genau an die überraschenden Worte seines Chefs am Ende einer Tagung im Januar 2009: "Sie fahren jetzt nach Düsseldorf, dort habe ich ein altes Auto für uns gekauft." Michael Huber, Generalbevollmächtigter der Brauerei, wusste um die Oldtimer-Liebe seines Mitarbeiters.

Und da er sich ebenfalls für klassische Automobile interessierte, hatte er kurzerhand eine Mercedes-Benz 230 SL Pagode erworben, die in seinem Bekanntenkreis zum Verkauf stand - allerdings ohne sie inspiziert zu haben. Kuhl holte also den mit einem Hardtop versehenen Wagen ab und überführte ihn auf Achse direkt nach Warstein in die Werkstatt von Elmar Hübner, den er schon beim Kauf seines Mercedes R 107 zu Rate gezogen hatte.

Geflickter Unterboden am Mercedes-Benz 230 SL 

"Auf den ersten Blick sah der Mercedes-Benz 230 SL nicht schlecht aus, innen war es zwar stark verwohnt, aber es lief und hatte kurz zuvor die Hauptuntersuchung bestanden", weiß Hübner noch. Nur der dick aufgetragene Unterbodenschutz machte ihn etwas misstrauisch. Volker Kuhl war zunächst noch guter Dinge, besonders, als sich Hübner bereit erklärte, den Wagen wieder schön herzurichten. Für die Aufarbeitung und für benötigte Neuteile wollte er die gleiche Summe bereitstellen, die sein Chef beim Kauf investiert hatte, sodass jedem die Hälfte des Mercedes-Benz 230 SL gehörte. "Innerhalb von zwei Tagen zerlegte Hübner das Auto, und ich war optimistisch, dass es mit dem Zusammenbau ebenfalls so schnell gehen würde", erzählt Kuhl.

Doch nachdem ein Trockeneisstrahler den Unterbodenschutz komplett abgetragen hatte, wurde das Ausmaß der eingangs angedeuteten Katastrophe erst richtig deutlich. Die Karosserie des Mercedes-Benz 230 SL Pagode war über die Jahre hinweg immer mal wieder geschweißt worden, dabei kamen die unterschiedlichsten Schweißarten und -geräte zum Einsatz, je nachdem, was in den Werkstätten gerade zur Verfügung stand. Laut Hübner waren "die neuen Bleche stets über die alten drübergeschweißt worden, und angesichts dieser Flickschusterei blieb nur übrig, das Auto mit geringst möglichem Aufwand wieder einigermaßen herzurichten oder das volle Programm zu fahren."

Restaurierung nach deutschem Reinheitsgebot

Nachdem Kuhl sich vom ersten Schreck erholt hatte, hielt er Rücksprache mit seinem Vorgesetzten. Die beiden entschieden sich schließlich, das Projekt Mercedes-Benz 230 SL Pagode trotz dann deutlich höherer Kosten durchzuziehen und ein perfektes Ergebnis anzustreben - sozusagen eine Restaurierung nach deutschem Reinheitsgebot, um es in der Bierbrauersprache zu sagen. Nun war Hübner, der eine Autofit-Werkstatt leitet, die sich üblicherweise mehr der Wartung und Reparatur modernerer Fahrzeuge widmet, extrem gefordert. Doch ihn, der bislang noch keine Restaurierung in diesem Umfang durchgeführt hatte, packte der Ehrgeiz.

Gesegnet mit einem überdurchschnittlichen handwerklichen Geschick und großem Kampfgeist gelang ihm ein wahres Glanzstück. Wenn in der Werkstatt wenig los war, oder abends und am Wochenende, trennte er die zahllosen rostigen Partien aus der Karosserie des Mercedes-Benz 230 SL heraus, um sie durch Neuteile zu ersetzen. Zwischendurch erinnerte die Karosse eher an ein grobmaschiges Sieb als an ein Auto. Der Blechteilelieferant ließ keinen Zweifel daran, dass er stark an einem Happy End zweifelte, und Hübners Kunden aus dem Ort, die zum Tanken kamen, schauten immer mal wieder kopfschüttelnd nach dem Stand der Dinge.

Eine perfekte Pagode, die fast auf dem Schrott gelandet wäre

Die Schweißarbeiten hielten Hübner lange in Atem - Kuhl erreichten ständig neue Hiobsbotschaften, wenn wieder mal ein weiteres Blechteil herausgetrennt werden musste. Um ein besonders gutes Ergebnis zu erzielen, wurde sogar mit einem Endoskop in die Hohlräume geschaut, mit dem Erfolg "dass Holme aufgeschnitten wurden, um sie sauber von innen entrosten und dann gegen Korrosion schützen zu können", berichtet Hübner. Kuhl kümmerte sich um die Teilebeschaffung für den Mercedes-Benz 230 SL. "Zuerst verfolgte ich die Strategie, neue Teile zu besorgen, doch später ließ ich, wenn möglich, die alten Sachen aufbereiten beziehungsweise neu verchromen."

Das am besten erhaltene Teil war übrigens das Stoffverdeck, das der Erstbesitzer nie genutzt hat. Als Toupet-Träger graute es ihm vor dem Offenfahren in dem von den Eltern zum bestandenen Arzt-Examen erhaltenen Wagen, und so ließ er stets das Hardtop montiert. Alle noch brauchbaren Anbauteile sowie alle Elemente des Instrumentenbretts samt der Anzeigen nahm Kuhl nach Hause, wo er sie so weit wie möglich zerlegte, gründlich reinigte und aufpolierte. So richtig aufwärts ging es, nachdem die Mercedes-Benz 230 SL-Karosserie von der Lackiererei zurückkam, und es an die Montage der Teile ging. Die Achsträger hatte Hübner sandgestrahlt und lackiert.

Bei der Mercedes-Benz 230 SL-Restaurierung enstand Freundschaft

Der Motor war geprüft und dann neu abgedichtet worden. Die Maschine war okay, aber da der Erstbesitzer den Mercedes-Benz 230 SL fast ausschließlich im Kurzstreckenbetrieb eingesetzt hatte, mussten mühsam hartnäckige Ölkohleablagerungen entfernt werden. Kuhl hielt sich nun auch öfter in der Werkstatt auf, um Hübner bei der Montage zu helfen. Dessen Leistung schätzt er sehr, mittlerweile zählt er ihn zu seinen besten Freunden. Neben den Karosseriearbeiten empfand Hübner den Einbau des Interieurs, speziell des Instrumentenbretts, als besonders nervenaufreibend.

Erstens, weil er nicht mehr wusste, in welcher Reihenfolge was zu montieren war, und er deshalb zum Beispiel den Tacho mehrfach wieder ausbauen musste. Und zweitens sollten ja überall wieder die originalgetreuen Schrauben samt Unterlegscheiben hin, von denen es etliche verschiedene gab. Übrigens hatte sich Kuhl zusammen mit seinem Chef für eine braune statt der ursprünglich schwarzen Lederausstattung entschieden. Da Huber ein extrem viel beschäftigter Mann und permanent unterwegs ist, hatte Kuhl das Projekt geleitet, ihn aber ständig auf dem Laufenden gehalten.

Als der Mercedes-Benz 230 SL dann endlich fertig war, fuhr ihn Kuhl heimlich in die Brauerei, um ihn tags darauf vor den Augen seines Chefs zu enthüllen. Der durfte sich über die Hälfte einer perfekten Pagode freuen, die fast auf dem Schrott gelandet wäre.

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