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Mercedes-Benz 770K

Der letzte Kaiser

Foto: Hans Lange 17 Bilder

Wo Wilhelm II. 21 Jahre lang auf die Rückkehr der deutschen Monarchie hoffte und fünf seiner Hunde begrub, trafen wir auf den letzten Luxus des greisen Monarchen - seinen Großen Mercedes, Typ 770 K. Wie selbstverständlich steht er vor der schmalen Brücke von Huis Doorn, und das Wappen der Hohenzollern an Stelle des Sterns beweist, dass Mercedes zu Gunsten des Monarchen auf das eigene Logo verzichtete.

29.06.2007 Malte Jürgens Powered by

Der Himmel über Holland trägt das gleiche Feldgrau wie der imposante Mercedes 770 K, der im Vorhof von Haus Doorn parkt. So, als habe er sich schon immer dort befunden - auch in den letzten 66 Jahren. Dabei hat der Große Mercedes der Baureihe W 07 K an diesem 10. April nur kurzen Ausgang: Das neue Werksmuseum hat ihn auf Zeit von seinem Podest freigestellt.

Wiedersehen am historischen Ort

Der Kühler dichtet nicht mehr. Und zur fälligen Reparatur muss der 2,7 Tonnen schwere, offene Tourer die Ausstellung verlassen. Das haben die Holländer spitz gekriegt: Die Stiftung, die heute Huis Doorn verwaltet, fragte in Stuttgart-Untertürkheim höflich an, ob nicht ein Wiedersehen mit dem Auto am historischen Ort zu arrangieren sei. Immerhin habe der 770 mit der Nummer L (für Utrecht) 15.237 dem letzten deutschen Kaiser im Exil ein Jahrzehnt lang sozusagen als automobiler Thron aus der Heimat gedient.

Wilhelm II. orderte den "Großen" im Jahr 1930, kurz nach dem Debüt der Baureihe W 07 K. Mitte Januar 1931 wurde das F-Cabriolet - F steht für sechs Sitze - geliefert, und zu seinem Geburtstag am 27. Januar konnte der Kaiser bereits im Fond die erste Runde durch den 59 Hektar großen Park von Huis Doorn drehen.

Die persönliche Note des Kaisers bestand in der Montage einer kleinen Schaltleiste rechts hinter dem Chauffeurssitz, die per Knopfdruck auf einer runden Anzeige den gedrückten Befehl im Instrumentenbrett aufleuchten ließ. Der Kaiser kam mit sieben goldenen Orders aus: links, rechts, schnell, langsam, kehrt, Haus, halt.

Wilhelms Exilsitz in Utrecht

Das "Haus" bezog sich seit 1920 auf das kleine Schloss Doorn nahe Utrecht, das Wilhelm für eine halbe Million Gulden als Exilsitz gekauft hatte. Vorbesitzerin war die Baronin Heemstra-de Beaufort, deren hübsche Enkelin lange nach der Kaiserzeit in Hollywood zu Ruhm und Reichtum kam: Audrey Hepburn.

Bis zum 9. November 1918 hätte der Befehl "Haus" noch das Berliner Stadtschloss oder das Potsdamer Marmorpalais bedeutet. Doch die Frühjahrsoffensive 1918 war für Deutschland katastrophal verlaufen, der 1. Weltkrieg kippte unwiderruflich, die Friedensverhandlungen speziell mit dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson gestalteten sich unerfreulich: Von Depesche zu Depesche verlangte Wilson immer größere Zugeständnisse, darunter auch das Abdanken des Kaisers. Zeitgleich gärte die Revolution. Obwohl selbst die Sozialisten zunächst von einem deutschen Nachkriegsstaat mit Kaiser ausgingen, kämpfte die Monarchie schon längst auf verlorenem Posten.

Wilhelm II. dankt ab und Scheidemann ruft die Republik aus

Im November hatte sich der Hohenzollern- Kaiser bereits in sein Hauptquartier im belgischen Spa zurückgezogen; Reichskanzler Max von Baden reiste ihm nach und wollte ihn zurückholen, um den Thron zu retten. Aber am 9., einem Sonnabend, quittierte die Oberste Heeresleitung dem Kaiser unter Verzicht auf jegliche Höflichkeitsfloskeln den Dienst. Um die Revolution nicht in einen Bürgerkrieg ausarten zu lassen, erklärte daraufhin der Kanzler der Presse, Wilhelm II. habe abgedankt. Philipp Scheidemann rief guter Dinge die Republik aus.

Den belgischen Gastgebern wurde der Besuch von Wilhelm II. jetzt zu heiß: Immerhin hatte der britische Premierminister David Lloyd George seinen Landsleuten versprochen, den Kaiser nach alter Sitte am Halse aufzuhängen. Am 10. November startete der kaiserliche Sonderzug in das neutrale Holland, wo förmlich um Asyl nachgesucht wurde. Am 28. November erklärte Wilhelm II. seinen Regierungsverzicht, anschließend musste man sich mit den Gegebenheiten zu Schloss Amerongen zufriedenzeigen.

1920 erwarb Wilhelm Huis Doorn. Geld dafür hatte er: Die Weimarer Republik bewertete nach dem Ende des Krieges die gesamten kaiserlichen Besitztümer und machte dabei ein schönes Geschäft - zwei Drittel für den Staat, ein Drittel für die Hohenzollern; und das sollen in Deutschland und Holland nicht weniger als 67 Familien gewesen sein.

Der Kaiser zieht nach Doorn – und sägt Holz

Insgesamt überwies die junge deutsche Republik nicht weniger als 69 Millionen Reichsmark nach Doorn auf Wilhelms Konto. Und obwohl sein Haus- und Hofmarschall ständige Finanznot beklagte, war doch ein für kaiserliche Verhältnisse bescheidener Luxus möglich: In 59 Güterzugwaggons holten Wilhelm II. und seine Gemahlin Auguste Viktoria persönlichen Besitz aus Berlin und Potsdam nach Doorn. Das Haus wurde vom Keller bis unter den Dachgiebel prall voll gestopft mit Möbeln, Teppichen, Gemälden, Geschirren und Hausrat aller Art. Allein 40 Uniformen reisten mit, und der Kaiser soll täglich bis zu drei getragen haben.

Dies nicht, wenn er im Garten arbeitete. Trotz des von Geburt an verkürzten linken Arms sägte er begeistert Holz. Eine seltsame Statistik hält bis heute fest, dass der Monarch zwischen 1926 und 1929 genau 17.300 Bäume gefällt habe. Das macht im Schnitt 11,8 Bäume pro Tag, was selbst mit zwei gesunden Armen eine stramme Leistung wäre. Da die Domestiken allerdings begeistert jeden Stängel im Unterholz und selbst kleinste Büsche als Bäume zählten, mag die Zahl Bestand haben.

In den ersten Jahren nach dem Einzug in Doorn durfte Wilhelm II. nur im Umkreis von 15 Kilometern reisen. Später gab man ihm Holland frei, vorausgesetzt, er enthalte sich politischer Agitation.

Mercedes 770 – Konkurrent des Maybach Zeppelin

1930 bestellte er bei Mercedes-Benz den gerade präsentierten Nachfolger des Typs 680. Der neue 770, den es mit und ohne Kompressor gab, war dazu ausersehen, mit dem ersten deutschen Zwölfzylinder, dem Maybach Zeppelin, in Konkurrenz zu treten. Mit rund 30 Litern Treibstoff auf 100 Kilometer waren sich die beiden Luxuswagen zumindest im Verbrauch recht ähnlich; im Anschaffungspreis hängte der Mercedes den Maybach deutlich ab. Während es den Zwölfzylinder aus Friedrichshafen als Transformations-Kabriolet schon für 36.000 Reichsmark gab, kostete der 770 K als F-Cabrio 44.500. Später stieg er sogar auf 47.500 Mark.

Den Kaisersitz in der ersten Fondreihe rechts nahm Wilhelm II. oft und gern ein. Von 1931 bis zu seinem Tod am 4. Juni 1941 legte L 15.237 fast 130 000 Kilometer zurück. 1950 kaufte ihn das Mercedes-Benz-Museum zurück, für 10.000 Gulden.

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