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Mercedes-Benz SSK

Der Einzige mit Echtheitszertifikat

Mercedes-Benz SSK Foto: Mercedes-Benz 14 Bilder

Eine aufwendige Expertise bescheinigt nur einem einzigen Mercedes SSK absolute Originalität. In Pebble Beach fuhr der Sportwagen erstmals mit dem ursprünglichen Motor.

01.10.2009 Jens Dralle

Ein perfekt im Sweetspot getroffener Drive auf dem 18. Abschlag des Golfplatzes von Pebble Beach hätte einmal im Jahr fatale Folgen. Die unschuldig weiße, aber gemein harte Plastikkugel würde sich beim Concours d’Élégance mit deutlich über 200 km/h durch automobile Raritäten flippern, die weit hübscher herausgeputzt als ihre in feinstes Tuch gewandeten Besitzer und penibler restauriert, als sie jemals die Werkshallen verließen, die 497 Meter lange Rasenfläche säumen.

Der Mercedes SSK wurde nur 33 mal gebaut

Das war einmal. Immer häufiger mischen sich Oldtimer unter das elitäre Volk, die ihre originale, vom Zeitlauf geschundene Haut stolz zur Schau tragen dürfen. Ein Maserati 3500 GT Coupé aus Costa Rica beispielsweise zeigt seine teils bis aufs blanke Blech heruntergeschmirgelte, aber immer noch fließend elegante Karosserie. Inzwischen gibt es für unrestaurierte Klassiker sogar eine eigene Kategorie. Doch auch in der Klasse 1 der Vorkriegs-Mercedes startet ein Auto, das nicht nur ehrlich zu sich selbst, sondern auch zu seinen Betrachtern ist: ein Mercedes SSK mit Carlston-Karosserie von 1929.

Neben dem patinierten Blechkleid hebt den Zweisitzer von der geschniegelten Masse auch die Tatsache ab, dass ihm Mercedes als erstem SSK überhaupt in einer aufwendigen Expertise absolute Originalität bescheinigt - die darüber hinaus in einem eigens aufgelegten Buch dokumentiert wurde. "Wenn man weiß, dass zwar nur 33 Autos dieses Typs gebaut wurden, bei der FIVA inzwischen aber weit mehr als 100 registriert sind, wird einem die Dimension des Problems bewusst", erklärt Mercedes-Benz Classic-Geschäftsführer Michael Bock.

Milligen-SSK wurde 2004 für sechs Millionen Euro ersteigert

So wurden zahlreiche S und SS zu den kürzeren SSK umgebaut - vorwiegend in Argentinien -, um dann den Wert vermeintlich echter Autos durch geschönte Versicherungspolicen künstlich in die Höhe zu treiben. Als der Niederländer Evert Louwman 2004 in Goodwood den roten SSK mit der britischen Zulassung GC 96 ersteigerte, ging das natürlich auch nicht für ein Päckchen Golfbälle. Rund sechs Millionen Euro investierte Louwman in den als Milligen-SSK bekannt gewordenen Roadster. Der britische Farmer erwarb das Auto 1941 und nutzte es über 60 Jahre lang bis zu seinem Tod. Erstbesitzer war die Firma J. H. Bartlett in London, ein Importeur für Bugatti und Alfa Romeo.

Darauf folgten unzählige Umschreibungen, bis George Milligen den Wagen erwarb und ihn regelmäßig bei Rennen hart rannahm, aber auch alle erledigten Arbeiten dokumentierte. Dieses Archiv weckte das Interesse von Sammlern - trotz der werksfremden Karosserie und des zwar zeitgenössischen, aber nicht originalen Motors. Sein neuer Besitzer wollte nun genau wissen, wie gut seine Euro-Millionen angelegt sind und gab bei Mercedes-Benz Classic eine Expertise in Auftrag. "Das ist durchaus üblich, doch in diesem Umfang bislang einmalig", sagt Bock. So wurde über Wochen hinweg nicht nur im Konzernarchiv - das auch alle Kommissionsbücher umfasst - nach Unterlagen über GC 96 geforscht und das Fahrzeug zerlegt; es wurden sogar Materialproben entnommen, um auf Nummer sicher gehen zu können.

Bei Oldtimer-Nachbauten wird gerne alter Schiffsstahl verwendet, um den Eindruck eines zeitgenössischen Fahrzeugs zu erwecken. Bei dem Prozedere stellte sich heraus, dass das Kurbelwellengehäuse des Originals in einem Auto aus dem Hersteller-Bestand verbaut war. "Wir haben daher mit Louwman, der die Innereien des einstigen Triebwerks ohnehin schon zusammengetragen hatte, einen Tausch vereinbart", berichtet Bock.

Die Motoren des Mercedes SSK leisteten bis zu 250 PS

Im Zuge der Transplantation fand sich allerdings an der Kurbelwelle - ein Trumm von 44 Kilogramm - ein Haarriss. Doch die Spezialisten in Fellbach nahe Stuttgart konnten die Kurbelwelle instandsetzen und so den von einem Roots-Kompressor aufgeladenen Reihensechszylinder mit 7,1 Liter Hubraum fachgerecht zusammenbauen. Damit befindet sich GC 96 wieder im Auslieferungszustand. Bock schätzt, dass kein vergleichbares, zu 100 Prozent originales Auto existiert: "Vermutlich gibt es zehn bis zwölf weitere, die dem Ideal nahe kommen." Gegenüber den in größerer Stückzahl produzierten Modellen K, S und SS zeichnet den von 1928 bis 1932 gebauten SSK ein um 45 Zentimeter kürzeres Chassis aus, die Motoren leisteten bis zu 250 PS bei einem Leergewicht von rund 1,7 Tonnen.

Die daraus resultierende Dynamik gipfelte in zahlreichen Rennsiegen und weckte bei der damaligen Prominenz und späteren Sammlern Begehrlichkeiten. So bewegten unter anderem Sherlock Holmes-Autor Conan Doyle und Chemiefabrikant Wilhelm Merck in den Dreißigern einen SSK. Dem Wagen Nummer 36045 stand zu diesem Zeitpunkt der Großteil seines bewegten Lebens noch bevor. Bis ins hohe Alter von 78 Jahren nahm Milligen mit ihm an Motorsportveranstaltungen teil.

Der SSK wird zum Museums-Star

Künftig wird es GC 96 deutlich ruhiger haben, denn sein jetziger Besitzer baut gerade ein neues Museum in Den Haag, dessen Star der SSK werden soll. Allein die Expertise schlug mit 15.000 Euro zu Buche - ohne die Motorrevision natürlich. Dass sich dabei der Wert des Autos laut Bock "vielleicht nicht verdoppelt, aber doch beträchtlich gesteigert" hat, poliert die Bilanz für den Besitzer wieder auf. Nicht auszudenken, wenn ein Golfball den SSK in Pebble Beach getroffen hätte.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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