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Technik: Mercedes-Benz SSK

Schwarze Magie: Neubau-Projekt Mercedes-Benz SSK

Mercedes SSK-Neubau Projekt Foto: Dino Eisele 16 Bilder

Kein Zaubertrick: Ein Traum-Mercedes entsteht neu – aus SSK-Teilen vom Nachbauspezialisten FTB. Motor Klassik durfte bei der Montage des schwarz glänzenden Motorblocks hinter die Kulissen schauen.

05.05.2009 Malte Jürgens Powered by

Wenn Techniker träumen, passiert es nicht selten, dass ihr Traum zur einen Hälfte aus einem Märchen besteht und zur anderen aus einer logischen Prozession nüchtern-sachlicher Schritte. Das Projekt SSK der Fahrzeug-Technik Beck im schwäbischen Pliezhausen nahe Tübingen ist dafür ein Paradebeispiel.

Original zu teuer - also ein Nachbau
 
Doch diese gewaltigen Kompressor- Juwele mit dem Stern auf dem Kühler gibt es bei weitem nicht an jeder Ecke - und wenn, dann nur gegen einen Lastwagen voller Geld. Als Bonhams in Goodwood 2004 einen originalen SSK aus dem Jahr 1929 versteigerte, erfolgte der Zuschlag erst bei 6,1 Millionen Euro. Für Beck stand der Weg zum Traumwagen somit fest: "Vor anderthalb Jahren habe ich beschlossen, einen SSK selbst zu bauen."
 
Das meiste, was man zum Autobauen braucht, besaß der gelernte Graveur-Meister bereits. Er steht im Hauptberuf der Firma Kocher und Beck vor, dem Weltmarktführer bei Rotationsstanzen. In diesem Job ist höchste Präzision gefragt. Ein anderthalb Meter breiter und zwei Tonnen schwerer Stanzzylinder muss im Bereich von zwei- oder dreitausendstel Millimetern rundlaufen.
 
Zu den Stanzen baut Kocher und Beck ganze Fertigungsstraßen. Die können zum Beispiel in der Minute 1.400 Fenster-Briefumschläge herstellen, inklusive Fenster stanzen, Fensterfolie einkleben, falzen und gummieren. An diese Akkuratesse gewöhnt, machte sich Beck für das Herstellen der nötigen Gussformen also auf die Suche nach einem ebenso begabten wie unternehmungslustigen Formen- und Modellbauer. Und den fand er auf der Schwäbischen Alb - dort, wo sie rau genannt wird.
 
Manfred Ströhle von SMA Racing war zu dieser Zeit bereits erfolgreich im Geschäft mit neu aufgebauten Zweirad-Rennmotoren etwa für die historischen Productionracer der Marken Matchless und AJS. Und auch in Pliezhausen gedeiht sozusagen im Nebengeschäft eine zweirädrige Leidenschaft: In Handarbeit baut dort ein freier Mitarbeiter bei der Fahrzeug-Technik Beck Nachfertigungen des ersten Daimler- Motorrads von 1885.
 
Becks Mercedes-Leidenschaft begann mit einem 280 SE
 
Die Leidenschaft für klassische Fahrzeuge wurde Rolf Beck dabei nicht in die Wiege gelegt: "1973 begannen die Geschäfte gut zu laufen. Da habe ich mich mit meinem ersten Mercedes belohnt, einem 280 SE der Baureihe W 116. Klassiker haben mich damals allerdings noch nicht so interessiert."
 
Das änderte sich, als der jüngste der drei Beck-Söhne von einem England-Aufenthalt einen Triumph Spitfire mit nach Hause brachte. Die Leidenschaft des Juniors, der als gelernter Betriebswirt auch Gesellschafter von Kocher und Beck ist, dehnte sich rasch über den Triumph hinaus. "Eines Tages", so der Vater, "fiel die Bemerkung, dass eine Mercedes Pagode auch ein tolles Auto sei."
 
Gesagt, getan. Mitte der 90er Jahre kam also ein 230 SL ins Haus - und der erwies sich als oberfauler Garagengenosse. Beck: "Da sind wir auf eine amerikanische Verkaufsrestaurierung reingefallen, die so viel Spachtel enthielt, wie in etwa der Motor wiegt. Der Grund, auf dem der Spachtel aufgetragen wurde, bestand aus flach gepressten Cola-Dosen und Popnieten.
Ein Wunder, dass sich die Seitenfenster überhaupt noch absenken ließen. Zu Hause damit angekommen, fiel ein Scheinwerfer von allein aus seiner Silikon-Fassung."
 
Sohn Lars und Vater Rolf entschieden sich für eine Totalrestaurierung - von Grund auf und nach eigenen Qualitätsvorgaben. Dergestalt erfahren, scheuten sie nicht den Ankauf einer zweiten Pagode aus dem Vorbesitz eines Mercedes- Mitarbeiters, im Zustand zwar 5, andererseits von drei Motoren und drei Hinterachsen begleitet.
 
Danach wuchs die Mercedes-Familie fast wie von alleine weiter: Ein 190 SL wurde mit einer amerikanischen Renn- Roadsterkarosserie zum Sportgerät für Rallye und Rundstrecke geadelt, dann kam der 300 SL Roadster aus der Sammlung des legendären kalifornischen Schrottplatz-Besitzers Rudi Klein - und danach ein zum Ende der zwanziger Jahre entwickelter Nürburg, die Antwort von Mercedes auf den Horch 8.
 
Als Krönung der Stern-Sammlung sollte ein SSK her
 
Wer mit dem Blick des Liebhabers so weit in die Mercedes-Benz-Geschichte zurückschweift, erblickt ganz unvermeidlich auch die silbernen Zwillinge und Drillinge der Auspuffkrümmer, welche sich zwecks besserer Kühlung bei den ruhmreichen Kompressor-Modellen seitlich aus den Motorhauben schlängeln. Klar, dass Beck seine Sammlung mit solch einer Preziose krönen wollte.
 
In Holland kaufte Beck zunächst nur "Fragmente" eines 630 Roadsters, dazu in Deutschland dann ein komplettes Auto: "Im Zuge der Restaurierung und des Aufbaus des 630 kam mir der Gedanke, einen SSK für mich zu bauen." Die Idee lag quasi auf der Hand, denn der Mercedes 630, im Original gebaut von 1926 bis 1929, ist ein Vorläufer des berühmten Sportmodells SSK.
 
Motor, Getriebe und Hinterachse des SSK sind jetzt bereits komplett und klar gekennzeichnet - durch Becks Firmenzeichen FTB im Oval. Daneben liegen Dutzende von Kompressoren: "Die verdichten durch weiterentwickelte Rotoren höher als die alten Originale." Den Anfragen anderer SSK-Besitzer, ob FTB sie gegebenenfalls mit dem einen oder anderen Ersatzteil ausrüsten könnte oder gar mit einem ganzen Auto, beantwortet der Chef derzeit eher ausweichend: "Wir wollen auf keinen Fall komplette Autos fertigen, auch keine Rahmen. Wer aber einen Rahmen anliefert, kann bei uns ein Rolling Chassis ordern, ohne Karosserie."
 
Damit allerdings würde sich der Pliezhausener Viermann-Betrieb zugleich in den Wettbewerb mischen mit bereits arrivierten Größen der Kompressor-Szene. SSK-Kurbelwellen und viele andere Teile lässt zum Beispiel seit Jahrzehnten auch der Sammler Peterheinz Kern aus Großmaischeid nachfertigen. Seine Söhne Thomas und Markus haben die Haltbarkeit seiner Aggregate bei heldenhaften Renn- und Sporteinsätzen bereits vielfach nachgewiesen.

Mercedes legt Kleinserie von SSK-Motoren neu auf
 
Die große Neuigkeit der Szene aber kommt direkt aus Stuttgart-Untertürkheim: Die Klassik-Abteilung von Mercedes-Benz hat Ende vergangenen Jahres beschlossen, eine Kleinserie von SSK-Motoren neu aufzulegen, um die Kundschaft mit einer tatsächlichen Replika bedienen zu können. Der erste Sechszylinder soll kurz vor der Vollendung stehen.
 
Parallel hat Mercedes-Benz damit begonnen, SSK-Modelle auf den Wunsch der Kunden hin sehr genau zu zertifizieren, inklusive alle nötigen Materialanalysen in der hauseigenen Forschungsabteilung. Die SSK-Besitzer erhalten so schwarz auf weiß ein Werksgutachten, das belegt, wie original der vorgeführte Kompressor-Sportler nun wirklich ist - 100-prozentig, 30-prozentig oder leider nur nullprozentig.
 
Die alte Befürchtung der Kompressor- Liebhaber, das donnernde, Respekt heischende Auftreten der geladenen Armada könnte sich mangels Motoren demnächst dem Ende zuneigen, wird durch die Aktivitäten des Werks und privater Initiativen glücklich entkräftet.
 
Die nachgebauten Motoren sind dabei ein wahrer Segen für die Szene: Das altgediente und gestresste Original wird ausgebaut und aufbewahrt, mit der Replika wird gefahren. Der Wert des Wagens sinkt dabei nicht - der echte Motor ist ja vorhanden. Nicht nur für Techniker bleiben die SSK damit Traumwagen, auch wenn unter ihren Motorhauben ein logischer Schritt arbeitet.

Reine Formsachen: Formenbauer Manfred Ströhle
 
"Kein Oldtimer-Teil", sagt Manfred Ströhle, "ist so geheimnisvoll, als dass es heute nicht mit vertretbarem Aufwand korrekt nachgefertigt werden könnte." Der Modell- und Formenbau-Spezialist aus Amstetten auf der Schwäbischen Ostalb hat 35 Jahre lang Erfahrungen gesammelt, Modelle und Vorrichtungen für Autohersteller wie Porsche oder Mercedes-Benz gefertigt - jetzt hat er umgesattelt. Seiner großen Leidenschaft für Motorräder folgend, begann Ströhle zunächst nebenbei für Matchless, AJS, BSA, Triumph, BMW und andere Marken Ersatzteile wie Zylinder oder Motorengehäuse herzustellen.

Die hohe Qualität seiner Teile sprach sich herum, und das Geschäft nahm immer mehr zu. Inzwischen fertigt SMA Racing (www.sma-racing.de) nicht nur einbaufertige Rennmotoren für die Modelle Matchless G50, AJS 7R oder Seeley-BSA, sondern auch schon mal komplette Bikes. Doch nicht allein Zweiräder profitieren von Ströhles Know-how über das Nachfertigen von Gussteilen. SMA produziert auf Anfrage auch Zylinder und rar gewordene Kleinteile wie etwa Hupenringe für Porsche- 356-Modelle - und sämtliche Gussformen exklusiv für Kocher und Beck, also auch für das Mercedes-Projekt SSK.

"Das Leichtmetall-Motorgehäuse", so Ströhle, "war eine große Herausforderung. Bis jetzt hatten wir mit Abgüssen in dieser Größenordnung nur wenig Erfahrung, aber das Resultat fiel sehr ermutigend aus." Der Schwabe ersann zum Beispiel eine Lagerung der 40 Gusskerne, die nicht wie bei anderen Nachfertigungen aus dem transatlantischen Raum zu Löchern im Kurbelgehäuse führt - das nachträgliche Zuschweißen entfällt somit. Der erste Abguss bewies die Stichhaltigkeit seiner Ideen: Das Gehäuse konnte nach dem Gießen direkt in die Endbearbeitung wandern.  
 

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