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Mercedes-Designchefs

Drei Generationen Mercedes-Designchefs im Gespräch

Mercedes-Designchefs Foto: Mercedes 54 Bilder

Das gab’s noch nie: drei Generationen von Mercedes-Designchefs an einem Tisch. Bruno Sacco, Peter Pfeiffer und Gorden Wagener diskutieren über das Geheimnis des Mercedes-Stils, die Härten ihres Jobs, Ökoautos und ihre Lieblingsmodelle.

22.06.2010

Herr Sacco, was denken Sie, wenn Sie sich das Forschungsauto F 800 von Gorden Wagener ansehen?
Sacco: Dass seit meinem Abschied elf Jahre vergangen sind, ganz einfach. In der Geschichte des Mercedes-Designs sind elf Jahre vorbei, und das sieht man. Und das ist nicht negativ gemeint.
Wagener: Die Zeit vergeht unheimlich schnell. Mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen, als wir zusammen den Mercedes SLR gemacht haben.

Ändert sich heute in zehn, elf Jahren mehr als in früheren Zeiten?
Sacco: Der Geschmack der Menschen verändert sich schneller. Alles wird beschleunigt, Firmen wie Apple machen das ja vor. Und ich gebe zu, dass ich diesen Prozess nur schwer mitmache. Ich betrachte die Dinge mehr aus der Perspektive eines Menschen, der nicht mehr ganz jung ist. Deshalb bin ich froh, dass man mit dem Mercedes F 800 nicht noch mehr gewagt hat.
Pfeiffer: Für mich steht der F 800 für Kontinuität. Er nimmt bestimmte formale Elemente, Formen und Linien vorweg. Das haben unsere Showcars immer getan. Sie zeigen, wohin sich das Mercedes-Design entwickeln wird.

Herr Pfeiffer, Sie sind nun seit zwei Jahren nicht mehr Designchef. Fällt es mit etwas Abstand leichter zu sagen, was das persönliche Glanzlicht war?
Pfeiffer: Mit diesen Glanzlichtern ist es so eine Sache. Für mich ist jeder neue Mercedes, der auf den Markt kommt, ein persönliches Glanzlicht gewesen. Natürlich sagen alle "Wow", wenn ein Auto wie der Mercedes SLS jetzt auf der Straße zu sehen ist. Aber das Mercedes E-Klasse Coupé ist für mich genauso ein Highlight, da mache ich keinen Unterschied.

Hatten Sie bei bestimmten Modellen besonders stark das Gefühl: Das muss jetzt etwas ganz Besonderes werden?
Pfeiffer: Das müssen Sie bei jedem Auto haben. Wer dieses Gefühl nicht hat, der sollte erst gar nicht Designer werden. Ob ich eine A-Klasse oder einen SLS mache: Ein Designer muss an jede Aufgabe mit dem Vorsatz herangehen, etwas Tolles zu machen. Er darf niemals gleichgültig sein.
Wagener: Stellen Sie sich vor, einer würde sagen: "Heute machen wir mal was Mittelmäßiges." Undenkbar!

Herr Wagener, wie stark fühlen Sie sich von Ihren beiden Ziehvätern beeinflusst, die hier am Tisch sitzen?
Wagener: Ich habe ja lange mit ihnen zusammengearbeitet, vor allem mit Peter Pfeiffer, und viel gelernt. Heute geht es darum, alleine zu laufen, völlig klar. Ich habe meine eigenen Vorstellungen, meine eigenen Visionen zu dieser Marke. Und die kann ich jetzt umsetzen.

Welche Rolle spielt die lange Tradition von Mercedes?
Wagener: Wir reden viel über unsere Historie, und manchmal zitieren wir sie auch - mit dem Mercedes SLS und dem neuen CLS zum Beispiel. Aber die Autos zeigen auch, dass wir nicht Retrodesign machen, sondern immer extrem innovativ sein wollen. Ein Mercedes 300 SL war zu seiner Zeit ein Ufo, das gelandet ist. Der Mercedes SLS ist das auch wieder - als schönstes Auto dieses Jahrhunderts, hoffentlich.

Herr Sacco, was ist der Unterschied zu Ihrer Aufgabe früher?
Sacco: Damals dachte man nicht grundsätzlich anders. Aber die Gesellschaft war anders, und somit auch die Probleme, mit denen wir umgehen mussten. Mitten in meiner Zeit versuchte man, Autos auf den Markt zu bringen, die nicht provozieren sollten. Das war damals wichtig. Wir hatten eine andere politische Auseinandersetzung, auch durch die Ölkrise. Heute stört man sich hingegen kaum an Schmuck und Chrom bei den Autos, ganz im Gegenteil.

Warum haben Sie trotzdem mit der sehr großen S-Klasse der neunziger Jahre so stark provoziert wie nie zuvor?
Sacco: Sie meinen den W140. Das ist eigentlich eine intern provozierte Angelegenheit gewesen. Das Design musste einer intern festgelegten Konzeption folgen, die das Auto in diese Richtung geprägt hat: groß zu sein, um den besten Komfort zu bieten. Abgesehen davon jedoch ist das Designkonzept dieses Autos alles andere als provozierend. Die Größe ist provozierend gewesen, sonst nichts.
Wagener: Kaum zu glauben: Aus heutiger Sicht war diese S-Klasse gerade zu klein.
Sacco: Zu der Zeit war das Auto, zumindest in Europa, zu groß.

Ist der Einfluss der Techniker auf Ihre Arbeit größer oder kleiner geworden?
Pfeiffer: Die Technik ist sicher komplexer geworden und damit auch die Anforderungen an das Auto, vom Aufprall- bis zum Fußgängerschutz. Aber keine Frage: Der Einfluss des Designs bei Mercedes wurde mit den Jahren deutlich stärker. Wehe, man hätte zu Bruno Saccos Zeit gesagt, das Design eines Autos sei der entscheidende Faktor. "Du nimmst dich wohl zu wichtig", wäre die Antwort gewesen.

Und heute?
Pfeiffer: Schon zu meiner Zeit und erst recht heute kann der Chefdesigner sagen: Der entscheidende Kauffaktor ist das Design, obwohl auch alle anderen Qualitäten eines Mercedes voll erfüllt sein müssen.
Sacco: Damals, nach dem zu großen W140, haben wir Designer uns tatsächlich auf die Hinterfüße gestellt und gesagt: "So geht es nicht weiter." Die nächsten Autos haben die Anforderungen des Marketings dann nicht mehr so sklavisch berücksichtigt wie beim 140er. Und die nächste S-Klasse war ein ganz schönes, schlichtes Auto. Design und Technik waren plötzlich gleichwertig.

Herr Pfeiffer, Sie sagten einmal: "Design ist nur so gut, wie der Vorstand es zulässt." Gilt das noch immer?
Pfeiffer: Design hat immer auch mit dem Mut der Entscheider zu tun, einen revolutionären Weg in die Zukunft mitzugehen. Aufgabe des Chefdesigners ist es, Vorstände mit ihren sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten mitzunehmen auf diese Reise.
Sacco: Zu meiner Zeit kam noch hinzu, dass sich das Design erst hoch arbeiten musste. Anfangs war ich als Designchef noch Hauptabteilungsleiter - in einem Konzern, der drei Direktorenstufen und eine Vorstandsstufe hatte. Als ich ausschied, hatte ich die höchste Direktorenstufe erklommen. Je weniger man in der Hierarchie zu sagen hatte, umso schwieriger war alles.

Gorden Wagener kann heute dem Vorstand 3D-Animationen zeigen und am Computer reale Hintergründe für ein neues Modell zaubern - beneiden Sie ihn um diese Möglichkeiten?
Sacco: Wenn man bestimmte Dinge nicht machen kann, kommt man sich immer etwas impotent vor. Es ist wunderschön, wenn man weiß, dass die eigenen Nachfolger über Mittel verfügen, die man nicht hatte. Natürlich beneide ich Gorden Wagener um alle Möglichkeiten, die es früher nicht gab. Und wie er damit umgeht, dafür bewundere ich ihn durchaus.

Auf welche Ihrer Design-Innovationen sind Sie besonders stolz?
Pfeiffer: Wir haben eine M-Klasse gebracht, als Audi und BMW noch nicht an SUV dachten. Oder die A-Klasse, die ein revolutionäres Konzept war, noch unter Bruno Sacco.
Sacco: Stimmt, die A-Klasse war die schwerste Aufgabe. Die Autos, die ich am meisten schätze aus meiner Zeit, sind außer dem R129 (der SL der neunziger Jahre) der C126 (das S-Klasse-Coupé der Achtziger) und der W126 (die S-Klasse der Achtziger). Das sind Autos, die nicht untergehen werden in der Erinnerung.

Im Jahr 2020 sollen wir eine Million Elektroautos auf den Straßen haben. Werden das nette, aber langweilige Modelle sein?
Pfeiffer: Aus Kundensicht wüsste ich nicht, warum ich ein Elektroauto fahren sollte, das mich emotional so wenig berührt wie ein Bügeleisen. Wir Designer müssen dafür sorgen, dass wir auch vor einem Elektroauto stehen und "Wow" sagen.
Sacco: Es muss auch Brumm-brumm machen, finde ich.
Pfeiffer: Da bin ich mir bei einem E-Auto nicht sicher.

Als Chefdesigner bekommen Sie sehr viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Sind Top-Designer quasi die Popstars der Autobranche?
Sacco: Zu meiner Zeit eher nicht. Das hat sich zugunsten des Chefdesigners entwickelt.  Wagener: Bei Mercedes ist Design zwar immer Teamarbeit, aber nach außen ist das natürlich personifiziert. Sicher fühlt sich keiner von uns als Popstar, aber über etwas Applaus freut sich natürlich jeder Künstler. In der Hauptsache geht es allerdings immer um die Marke und den Kunden. Und unser erster Kunde ist der Vorstand.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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